Bielefeld / Bad Nenndorf Widerstand mit Witz: Wie eine kleine Stadt die Nazis vergraulte

Jedes Jahr tauchten die Rechten im niedersächsischen Bad Nenndorf auf. Erst als die Bewohner die braune Szene zunehmend veralberten, kam der Erfolg

Bielefeld / Bad Nenndorf. Genau der Kreis der Neonazis, der am Samstag in Bielefeld erwartet wird, hat jahrelang ein 10.000-Einwohner-Städtchen im niedersächsischen Landkreis Schaumburg heimgesucht. Idee der Nazis war ein jährlicher Trauermarsch zum Standort eines ehemaligen britischen Internierungslagers aus der Nachkriegszeit. Nach jahrelangem Kampf gegen die braune Szene gelang es den Bad Nenndorfern, den "Import-Nazis" die Lust an ihrem Auftritt endgültig zu nehmen. 2015 spendeten die Bad Nenndorfer für jede Minute, die der Aufmarsch in ihrer Stadt dauerte, zehn Euro für das Aussteigerprogramm Exit, das unter anderem die Entfernung rechtsradikaler Tattoos unterstützt. Unter dem Motto "Rechts gegen Rechts" kamen 2.400 Euro zusammen. Winfried Wingert ist Vorsitzender des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt". Er erinnert sich an die Anfänge: "Als 2006 ein paar Nazis in Bad Nenndorf auftauchten, haben das damals nur wenige Leute ernst genommen." Erste echte Gegenwehr habe die autonome Antifa aus dem nahe gelegenen Hannover geleistet. Anfangs noch keine Erfolgsgeschichte: 2010 zählte man knapp 1.000 Nazis Doch auch der zunehmende bürgerliche Protest in den Folgejahren schreckte die Neonazis mitnichten ab. Sie wurden von Jahr zu Jahr mehr. "Es war anfangs überhaupt keine Erfolgsgeschichte", so Wingert. 2010 marschierten knapp 1.000 Rechte durch Bad Nenndorf - die Strecke "brutal frei gehalten" von der Polizei, sagt der langjährige Gefängnis-Seelsorger. Apotheker Jürgen Uebel, Mitbegründer der Protestbewegung: "Uns wurde damals nur eine Kundgebung erlaubt, während die Nazis marschieren durften." Dieser "politische Skandal" habe Bad Nenndorf damals einen Mobilisierungsschub verschafft, sagt der Apotheker, der im Mai 2018 im Namen aller Bündnismitglieder das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Denn Bad Nenndorf setzte nicht mehr nur auf politische Aktionen, sondern auch auf quietschbunte Partystimmung. Als 2010 der Frust besonders groß war, hatten sich einige Gegendemonstranten noch in den Sperrbereich geschlichen, um den trommelnden Trauermarsch der Rechten von einem Hotelbalkon mit ohrenbetäubenden Vuvuzela-Tröten zu empfangen. "Die kamen zum Trauern und wir sangen das Schlumpflied" "Sie machten Riesenkrach, aber zusätzlich wollten sie auch etwas singen", berichtet Uebel. Spontan kam den Balkongästen die Idee vom Schlumpflied - mit der berühmten Liedzeile: "Sagt mal, wo kommt ihr denn her?" Damit hatten die Rechtsradikalen nicht gerechnet. Es war die Geburt einer neuen Idee. "Bisher hatten wir es nie geschafft, den Nazis zu sagen, was wir von ihnen hielten", so Wingert. Die angemeldeten Gegendemos wurden von den Behörden stets auf Distanz gehalten. Von nun an veranstalteten die Bad Nenndorfer aber private Partys direkt neben der Marschroute. "Die muss man nicht nach dem Versammlungsrecht anmelden", erklärt Uebel. Dass die Polizei das zuließ, war allerdings auch nicht selbstverständlich. "Wir mussten Garantien geben und haben zu manchen Partys nur geladene Gäste zugelassen", erinnert sich Wingert. So kamen die Bad Nenndorfer 2011 das erste Mal direkt an die ungebetenen Gäste heran. "Die kamen zum Trauern und wir sangen das Schlumpflied. Damit konnten die nicht umgehen. Sie waren konsterniert", sagt Wingert. Mehr und mehr war spürbar, dass die von den Bürgern als "Import-Nazis" bezeichneten Demonstranten sich überhaupt nicht mehr mit ihrem Versammlungsanlass beschäftigten: "Die haben sich nur noch mit uns beschäftigt", betont Wingert. Dabei seien auch wüste Beschimpfungen ausgesprochen worden, die die eigentliche Gesinnung der "ach so traurigen Demoteilnehmer" viel mehr als offenbarte, sagte Uebel. Rosa Konfettiregen vertrieb Nazis Die kreativen Ideen der Protestteilnehmer waren sehr vielfältig und boten jedem unterschiedliche Möglichkeiten der Teilhabe - auch sehr niedrigschwellig, so Uebel: An einem Stand gab es "Mein Mampf"-Bananen, immer mehr Partygänger verkleideten sich als Schlümpfe, fleißige Frauen hatten die Bäume mit Gestricktem bunt dekoriert, Schlagermusik dröhnte gegen den Gleichschritt und riesige Banner machten es unmöglich, Demo-Fotos ohne quietschbunten Hintergrund zu machen. Und eine Clowns-Armee hielt den Marschierern in Fantasie-Uniformen, kuriosen Marschbefehlen und Führer-Sprech den braunen Spiegel vor. Uebel resümiert: "Wir haben die verarscht und veralbert." 2013 sahen sich 350 Nazis nach ihrem Spießrutenlauf an 13 erniedrigenden Privatpartys vorbei auch noch einer Sitzblockade von 400 Menschen gegenüber - Autonome und normale Bürger - Schulter an Schulter. Als die Polizei alle weggetragen hatte, war die angemeldete Demo abgelaufen und die Rechten mussten zurück zum Bahnhof. Eine klatschende Ohrfeige. Als 2015 knapp 200 Rechtsradikale durch einen rosa Konfettiregen schreiten mussten, war ihre Erniedrigung so groß, dass sie in Bad Nenndorf nicht mehr auftauchten. Zusatzinfo: Hier geht's zu den Gegendemonstrationen am Samstag in Bielefeld.

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