Fühlt sich wohl in Bielefeld: Soleyman Qurbani kam mit seiner Familie aus Afghanistan. Sein Vater ist halbseitig gelähmt, die Familie lebt zusammen am Siekerfelde. - © Barbara Franke
Fühlt sich wohl in Bielefeld: Soleyman Qurbani kam mit seiner Familie aus Afghanistan. Sein Vater ist halbseitig gelähmt, die Familie lebt zusammen am Siekerfelde. | © Barbara Franke

Bielefeld Wie Integration gelingen kann, zeigt dieser Azubi aus Afghanistan

Flüchtlingszuwanderung: Soleyman Qurbani kam 2016 nach Bielefeld und macht heute eine Ausbildung bei der REGE. Es läuft aber nicht bei allen so rund

Ariane Mönikes

Bielefeld. Soleyman Qurbani hatte nicht mal Zeit, sich von seinen Freunden zu verabschieden. Über Nacht verließ die Familie ihr Zuhause. "Wenn man weggeht, gibt es immer etwas, das man vermisst - ein geliebtes Kleidungsstück oder das eigene Bett", sagt er. Aber er habe keine andere Wahl gehabt. Qurbani kommt aus Ghazni in Afghanistan. Er flüchtete mit seiner Familie, weil sein Leben dort nicht mehr sicher gewesen sei, sagt er. "Ich konnte nicht vor die Tür gehen, ohne Angst zu haben, nicht mehr zurückzukommen." Im März 2016 kam er über Passau und Essen nach Bielefeld. Er ist einer von vielen Flüchtlingen in der Stadt. Laut Sozialdezernent Ingo Nürnberger wurden der Stadt Bielefeld von 2015 bis heute insgesamt 4.550 Menschen zugewiesen. Der Großteil davon lebt immer noch in Bielefeld. 700 werden geduldet. Einer davon ist Soleyman Qurbani. »Es gibt immer noch viele Vorurteile« 2015 erreichte die große Flüchtlingswelle Europa. Noch im März des Jahres startete der Arbeitsprozess "Bielefeld integriert - Umgang mit Flüchtlingszuwanderung", wie es in der Behördensprache heißt. Es ging darum, Strukturen aufzubauen, damit die Flüchtlinge gut hier ankommen und sich integrieren. "Die guten Strukturen wollen wir nutzen und weiterentwickeln", sagt Nürnberger. Der Prozess, wie es in einer entsprechenden Beschlussvorlage heißt, soll weitergeführt werden; am Mittwoch kommt das Thema im Hauptausschuss auf den Tisch. Die Aufgaben sind heute andere als noch 2015. Damals sei es darum gegangen, schnell Wohnraum für die Menschen zu finden, heute gehe es um das Miteinander im Quartier, sagt Nürnberger. Denn die Zahl der neu dazugekommenen Flüchtlinge ist stark gesunken, von 3.397 Menschen in 2015 auf 304 in 2017. Das "Wohnen für alle" stehe heute stärker im Mittelpunkt. Soleyman Qurbani ist den Menschen hier sehr dankbar, die er immer sehr offen und hilfsbereit gegenüber Flüchtlingen erlebt hat. Trotzdem: "Wir haben es auch in Bielefeld mit Ermüdungserscheinungen in der Aufnahmegesellschaft zu tun", sagt Nürnberger. "Die erste Euphorie ist weg." Wichtiges Ziel sei es jetzt, die Ehrenamtlichen weiter zu unterstützen, aber auch die Geflüchteten in die Ehrenamtsarbeit einzubinden. Ein Jahr lang arbeitet er als Integrationslotse Qurbani suchte sich schnell Sportvereine, um Kontakte zu knüpfen. Er spielt heute noch Volleyball in Gütersloh und Fußball bei "Bielefeld United". Er hatte Leute, die ihn unterstützen. So kam er in Kontakt mit der REGE (Regionale Personalentwicklungsgesellschaft). Qurbani nahm an einem Coaching teil und wurde in einen Sprachkurs vermittelt. Er hatte den Willen - und Glück. Denn es entstehen Wartezeiten durch ein nicht ausreichend abgestimmtes Kursangebot, sagt Nürnberger. "Das erschwert es, Deutsch zu lernen, und wirkt demotivieren." Auch da müsse nachgebessert werden. Ein Jahr lang arbeitete Qurbani anschließend als Integrationslotse in der Fachstelle für Flüchtlinge bei der Stadt - und half anderen Flüchtlingen. "Ich fühlte mich gebraucht und habe selber viel gelernt." Da er Persisch, Urdu, Türkisch und Englisch spricht, wurde er oft als Dolmetscher eingesetzt. Laut Nürnberger ist es für Neuzugewanderte nicht leicht, das deutsche Hilfesystem zu verstehen. Das soll sich ändern. "Sie sollen bei ihrer Ankunft in Bielefeld zeitnah einen Überblick bekommen." Qurbani würde gerne in Bielefeld bleiben Qurbani kam irgendwie immer zurecht. Am 1. August 2017 begann er eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei der REGE. Ihm habe es geholfen, Kontakte zu pflegen und Hilfsangebote auch anzunehmen. "Es ist erstaunlich, wie viele Flüchtlinge wir auf dem Arbeitsmarkt unterbringen konnten", sagt Ingo Nürnberger. Der Arbeitsmarkt sei stark aufnahmefähig, es lege aber auch an den zum Teil gut ausgebildeten Menschen, die mit einer hohen Motivation herkommen. Wie Qurbani. Viele Neuzuwanderer würden aber häufig auch in prekären Arbeitsverhältnissen landen. "Sie brauchen mehr Hilfe und Orientierung bei der Anerkennung von Abschlüssen oder der Jobsuche." Qurbani lebt mit seinen Eltern in einer Wohnung am Siekerfelde. Bis Sommer 2020 läuft seine Ausbildung. Er würde gerne in Bielefeld bleiben. Geld sei ihm nicht so wichtig, er will in Sicherheit sein und in einem Umfeld, wo er sich wohl fühlt. "Es gibt aber leider immer noch viele Vorurteile", sagt er.

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