Tatort: In diesem Gebüsch an der Mindener Straße hielten die Frauen einen Vergewaltiger von seiner Tat ab. - © Wolfgang Rudolf
Tatort: In diesem Gebüsch an der Mindener Straße hielten die Frauen einen Vergewaltiger von seiner Tat ab. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Vergewaltiger zückt Messer - Experte: "Die Retterinnen waren in großer Gefahr"

Linda Cariglia und Karolina Smaga erhalten viel Lob für ihre Zivilcourage, als sie einen Vergewaltiger vertreiben und verfolgen. Doch der zog ein Messer. Experten raten deshalb zu mehr Vorsicht

Bielefeld. Der Tag nach Bekanntwerden ihrer Heldentat war arbeitsreich. Eigentlich haben Karolina Smaga (21) aus Rietberg und Linda Cariglia (20) aus Gütersloh Urlaub. Doch gestern mussten sie für diverse TV-Teams die Ereignisse vom Sonntag noch mal nachspielen. Weil die Freundinnen am frühen Sonntagmorgen eine Vergewaltigung verhindert, den Täter vertrieben und sogar noch verfolgt hatten, wurden sie jetzt von vielen Lesern gelobt. "Im Gegensatz zu anderen, die auch vor Ort waren, haben sie dazu beigetragen, die Tat zu verhindern", lobt auch Polizeisprecherin Sarah Siedschlag das "sehr couragierte und mutige Verhalten" der jungen Frauen. "Das war vorbildlich." Aber Siedschlag gibt auch zu bedenken, dass sich beide auch in Gefahr begeben haben. Wie berichtet, hatte Smaga den Täter quasi von seinem Opfer heruntergestoßen, bevor es zum Schlimmsten kommen konnte. Auch Cariglia war schließlich auf den Mann losgegangen, nachdem er ihre Freundin geschlagen und ihr das Handy weggenommen hatte. Flüchtenden zu Fall gebracht "Da sie zu zweit waren, war es sicherlich richtig, die Tat zu verhindern", sagt die Polizeisprecherin. "Die Verfolgung alleine war aber sicherlich nicht ungefährlich", betont sie. "Wir raten, sich Hilfe zu holen und sich nicht in Gefahr zu bringen." Smaga und Cariglia sagen auch heute noch, gar nicht darüber nachgedacht zu haben, ob sie bei ihrem Einsatz Verletzungen hätten erleiden können. "Einfach wegzugucken, damit hätte ich nicht leben können", sagte Smaga. Sie brachte den Flüchtenden (25) deshalb auf einem Parkplatz an der Elsa-Brändström-Straße sogar zu Sturz und damit auch in Bedrängnis. Gefährlich: Denn er holte deshalb ein Springmesser (nicht, wie berichtet ein Klappmesser) hervor und verletzte die junge Frau damit. Siedschlag: "Wenn der Gegner - etwa durch ein Messer - überlegen ist, sollte man sofort Distanz schaffen, weglaufen und konkret auf Menschen zugehen oder sich zumindest in Menschenmengen begeben." Smaga brach tatsächlich an dieser Stelle die Verfolgung ab und der 25-jährige flüchtete. Wenig später konnten ihn Polizeibeamte trotzdem festnehmen. Weil die Freundinnen den Täter quasi auf dem Silbertablett serviert hatten. "So gut die Aktion war, so riskant war sie auch" Auch Christian Hjort, Kampfsportler und Trainer für Selbstverteidigungskurse, lobt die Freundinnen: "Die Aktion war wirklich super. So gut sie war, so riskant war es aber auch", fügt er an. "Als die Retterinnen auf den Täter losgegangen sind, waren sie in großer Gefahr. Es war pures Glück, dass die Verfolgerin unbeschadet da rausgekommen ist." Ein Messer gehört laut Hjort in der Nahdistanz zu einer der tödlichsten Waffen. "Man weiß nie, wie der Täter mit so einer Waffe reagiert, wenn man ihn derart in die Enge getrieben hat." Deshalb rät Hjort von einer Verfolgung auf eigene Faust ab. Auch ein Wortgefecht oder ein zugestellter Fluchtweg kann Angst auslösen. "Sehr gefährlich, da kann alles passieren." Deshalb empfiehlt der Trainer in Situationen, in denen der Andere ein Messer zückt, sofort die Flucht anzutreten. "Trage ich aber hochhackige Schuhe oder bin gerade aus anderen Gründen nicht so schnell wie der Täter, dann muss ich abwägen: Will der nur weg oder greift der mich an." Kooperation zeigen, nicht in Lebensgefahr bringen Drohe ein Täter nur, sollte man klein beigeben. "Will der Täter nichts von mir, sondern nur mein Smartphone oder das Geld, dann zeige ich mich kooperativ und gebe alles sofort heraus. Sobald sie haben, was sie wollen, lassen sie ihr Opfer - von der statistischen Wahrscheinlichkeit her - in Ruhe." Greife der Täter aber an und eine Flucht ist nicht mehr möglich, dann müsse man sich umgehend Behelfsmittel aus dem direkten Umfeld suchen: "Mit Steinen oder Dreck vom Boden werfen oder mit der Handtasche oder dem Gürtel schlagen." In Hamburg hätten mehrere Zeugen einen Messertäter im Supermarkt mit Stühlen und Besen so beschäftigt, dass keiner verletzt wurde: "Das war perfekt." Will ein Täter aber eine Frau vergewaltigen, rät Hjort zu Widerstand: "Wer brüllt, kratzt und tritt, zeigt dem Täter, dass er sich bei der Wahl seines Opfers verschätzt hat. Wer den Täter verletzt, macht ihn zudem identifizierbar." Bei Gegenwehr lassen laut Hjort 68 Prozent der Vergewaltiger von ihrem Opfer ab, bei heftigem Widerstand sogar 86." Auch im Bielefelder Fall hat das funktioniert. Das Opfer hatte sich zur Wehr gesetzt und um Hilfe gerufen. Im richtigen Moment kamen die Freundinnen vorbei und zeigten eine gehörige Portion Zivilcourage.

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