Bielefeld Wildpinkler verprügeln Anwohner am Leineweber-Brunnen in Bielefeld

Seit über einem Jahr gibt es Beschwerden über Urin, Lärm und Müll am Altstädter-Kirchplatz. Das Ordnungsamt spricht von Gelagen, die dort in der Nacht stattfinden. Der Fall eines Bielefelder Opfers ist besonders krass

Benedikt Schülter

Bielefeld. Die Nacht vom 13. auf den 14. Juli 2018 wird der Bielefelder Bastian Lehmann (Name von der Redaktion geändert) wohl nicht mehr so schnell vergessen. Seit einem Jahr lebt der Geschäftsmann am Altstädter Kirchplatz. Seitdem ärgert er sich über die nächtlichen Aktivitäten direkt vor seiner Haustür. Regelmäßig würden große Männergruppen den Platz am Leineweber-Brunnen zumüllen. Der Lautstärkepegel sei enorm. Oftmals sogar bis vier oder halb fünf Uhr morgens, sagt der Bielefelder. Hinzu komme noch ein weiteres Ärgernis: Ständig würden Leute in die angrenzenden Hauseingänge urinieren. Mitten in der Nacht am 14. Juli war es Lehmann dann zu viel. Mal wieder wurde in seinen Eingangsbereich gepinkelt. Mal wieder ging die Lautstärke über das Erträgliche hinaus. Er wollte die etwa 20 Störenfriede, die sich wieder einmal unterhalb der Leineweber-Statue versammelt hatten, zur Rede stellen. Doch zu einer Diskussion kam es nicht: "Ich bin sofort und unvermittelt mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt worden", sagt Lehmann. Seine Brille zerbrach. Das Nasenbein wurde durch die Wucht des Hiebs gebrochen. Überall sei Blut gewesen, erinnert sich der 49-Jährige. Dann hielten ihn die Täter fest und klauten ihm obendrein noch 500 Euro aus seiner Gesäßtasche. "Und so etwas passiert in Bielefelds guter Stube", echauffiert sich Lehmann, auf den eine Operation und ein viertägiger Krankenhausaufenthalt warteten. Die Anzeige, die er beim Polizeipräsidium erstattete, verlief im Sande. Am 26. Juli wurde das Verfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt, weil kein Täter ermittelt werden konnte. Die Prügelattacke sei ja schon "ätzend" gewesen, sagt Lehmann. Doch was vergangenen Dienstag, am 2. Oktober, diesmal direkt in seinem Hauseingang geschah, habe ihn "emotional" noch schlimmer mitgenommen. Zwei Wildpinkler erwischt Sein Sohn (21) sei zu später Stunde nach Hause gekommen und habe zwei Wildpinkler in flagranti erwischt. Seine Ansprache: "Na, pinkelt ihr uns wieder den Eingang voll", wurde erneut mit Faustschlägen quittiert. Und nicht nur das. Die Täter entwendeten den Haustürschlüssel des 21-Jährigen. "Wir mussten die komplette Schließanlage unseres Gebäudes austauschen", sagt Lehmann immer noch aufgebracht. Kostenpunkt: etwa 2.700 Euro. Eigentlich habe er es nicht bereut, an den Altstädter Kirchplatz zu ziehen. "Doch wenn man hier gelegentlich mal eine Polizeistreife oder jemanden vom Ordnungsamt sehen würde, würde ich mich schon freuen", sagt Lehmann. Der Geschichte Lehmanns scheint bisher der krasseste Fall zu sein. Doch auch andere Anwohner und Geschäftsleute berichten von Problemen. So kann auch die Geschäftsführerin der Bürger für Bielefeld (BfB), Susanne Hahn, davon ein Liedchen singen. Wenn sie die Geschäftsstelle der Bürgergemeinschaft öffnen will, könne es sein, dass der Haupteingang in "Urin schwimme". "Das ist wirklich widerlich", sagt sie. Auch würde sie die Müllberge und verschobenen Bänke am Altstädter-Kirchplatz wahrnehmen. Waris Hülsmann ist Geschäftsführer der Jack-Wolfskin-Filiale am Altstädter Kirchplatz. Er ärgert sich über die Wildpinkler, die an der Tiefgarage des Geschäfts urinieren würden. "Ich habe schon von vielen Kunden gehört, dass der Platz hier nachts sehr unruhig ist", sagt er. Der Pfarrer der Altstädter Nicolai-Gemeinde, Armin Piepenbrink-Rademacher, kämpft auch mit Wildpinklern. Die erleichtern sich nämlich direkt an dem Gemäuer seines Gotteshauses. Er habe schon mal mit dem Gedanken gespielt, einen Lack zu besorgen, der bereits in Hamburg auf St. Pauli genutzt wird. Dieser wirke abweisend auf Flüssigkeiten. Der Übeltäter pinkelt sich somit selbst gegen das Bein. Doch leider sei das Mittel zu teuer, sagt Piepenbrink-Rademacher. Gruppen von Jugendlichen auf dem Altstädter-Kirchplatz Dass sich auf dem Altstädter-Kirchplatz nach Einbruch der Dunkelheit Gruppen von Jugendlichen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren aufhalten würden, habe er auch schon selbst beobachtet. "Die Verhältnisse dort haben sich zugespitzt. Die sind gewaltbereit und nicht zu einem Gespräch bereit", sagt er. Er versuche denen immer aus dem Weg zu gehen. "Die fühlen sich da sicher. Vielleicht sollte man die mal kontrollieren", sagt der Pfarrer. Das Problem scheint mittlerweile tatsächlich bei denen angekommen zu sein, die dafür zuständig sind. "Uns ist bekannt, dass da am Altstädter Kirchplatz nicht alles rundläuft", sagt der ordnungsamtliche Leiter der Stadtwache, Holger Otto. "Wir haben mitbekommen, dass dort Gelage stattfinden." Man sei dran, dort etwas dagegen zu tun. Da sich die Probleme aber hauptsächlich nach 21 Uhr abspielen würden, habe man die Sache an die Polizei weitergeleitet.

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