Mitte Bielefelds coolster Kindergarten-Leiter

Erziehung: Dennis Allen (40) ist Erzieher und derzeit Kita-Leiter in Bielefeld Mitte. Als Mann ist er in dem Beruf immer noch ein Exot. Eine Erziehungswissenschaftlerin erklärt, warum das gar nicht so schlimm ist

David Knapp

Mitte. Auf dem Spielplatz der Kita Jakobus herrscht ein wuseliges Durcheinander. Kinder spielen "Fangen", buddeln im Sand, rutschen, schaukeln. Am Rande des Geschehens stehen einige Erzieherinnen und Mütter, die alles im Auge behalten, Acht geben und manchmal mit mahnendem Unterton Vornamen rufen. Würde da nicht Dennis Allen zwischen all den tobenden Kindern stehen, wäre hier weit und breit kein Mann zu sehen. Allen - 40 Jahre, Tattoo auf dem Arm, lässige Kleidung - ist hier seit einem Jahr Kita-Leiter. Obwohl in der letzten Zeit viel über gleichberechtigte Erziehung, Elterngeld und flexible Arbeitszeiten diskutiert wurde, ist Allen immer noch ein Exot in seinem Beruf. In den 42 städtischen Kitas und der Kindertagesstätte Kindermann-Stiftung sind insgesamt 725 Menschen tätig. Davon sind 691 Frauen und 34 Männer, was einem Anteil von etwa 4,7 Prozent entspricht. In den Kitas unter kirchlicher Trägerschaft ist das Bild ein ähnliches. "Dabei tut es jedem Job gut, wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten. Das ist immer eine Bereicherung", sagt Dennis Allen, der selbst Familienvater ist. Johanna Pangritz, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld, sieht das ähnlich: "Diversität ist erstmal immer etwas Positives", sagt sie. Gleichwohl gibt sie zu bedenken, wie diese Vielfalt in den Kitas zustande kommt. "In der Debatte ist es problematisch, wenn die Forderung nach mehr männlichen Erziehern mit einer Abwertung der weiblichen Arbeitskräfte einhergeht", erklärt sie. Denn das sei letztlich gefährlich für das pädagogische Klima. Der Ruf nach mehr männlichen Erziehern in den Kitas wird häufig damit begründet, dass Jungen während ihrer Sozialisation gleichgeschlechtliche Rollenvorbilder brauchen - Menschen, an denen sie sich orientieren können, so wie Dennis Allen. Wissenschaftlich belegt sei diese These allerdings nicht, sagt Pangritz. Entscheidend sei hier die Frage, ob sich die Jungen mit dem jeweiligen Erzieher überhaupt identifizieren können. Ansonsten würden eher Vorbilder aus dem Umfeld, etwa innerhalb der eigenen Peergroup gesucht. »Man merkt, da hat sich deutlich was verändert« Generell ist das Feld bisher noch wenig erforscht. Eine vor wenigen Jahren erschienene Tandem-Studie des Bundesfamilienministeriums legt allerdings den Schluss nahe: Das Erziehungsverhalten von Frauen und Männern ähnelt sich. Das sei nicht weiter verwunderlich, denn es handle sich um einen professionalisierten Beruf, in dem das Geschlecht keine große Rolle spielen dürfe, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin der Uni Bielefeld. Bei seiner Arbeit ist es Kita-Leiter Allen wichtig, den Jungen aufzuzeigen, dass Männlichkeit nicht auf einzelne Stereotype reduziert werden sollte: "Ich denke, es hilft den Jungen, mehrere Modelle vor Augen zu haben. Ein Mann zu sein, heißt nicht unbedingt, dass man an Motoren schraubt und Fußball spielt. Das müssen auch die Jungen wissen, sonst bleibt Männlichkeit etwas Nebulöses." Vor seiner Erziehertätigkeit begann Allen eine Lehre als Kfz-Lackierer und eine als Gärtner - Berufe, in denen immer noch vorrangig Männer arbeiten: "Klassische Bilder verändern sich eben langsam", sagt er rückblickend. In den letzten Jahren habe er aber bereits einen Wandel in der Gesellschaft feststellen können: "Man merkt, da hat sich deutlich was verändert. Mittlerweile bringen sich auch Männer mehr in die Erziehung ein. Das finde ich persönlich schön." »Die Tätigkeit für alle schmackhafter machen« In den Kitas ist von diesem Umdenken strukturell allerdings noch recht wenig angekommen. Der jährliche Zuwachs an Männern in den Einrichtungen lässt sich anhand von Nachkommastellen bemessen. Und das, obwohl die Erhöhung des Männeranteils sogar politisch gewollt und gefördert wird. Das Bundesfamilienministerium stellt von 2015 bis 2020 Gelder aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds zur Verfügung. Diversität ist dabei kein Selbstzweck. Denn mit dem Programm "Quereinstieg - Männer und Frauen in Kitas" soll dem Fachkräftemangel durch Berufswechsler begegnet werden. Die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Johanna Pangritz sieht das kritisch: "Der Beruf hat mit einem geringen Prestige zu kämpfen. Generell sollte man deshalb die Tätigkeit für alle schmackhafter machen." Pangritz zufolge müsste die Attraktivität des Berufs gefördert und beworben werden. Damit einher geht eine Aufwertung aller Sorge- und Erziehungstätigkeiten - sei es privat oder in der Kita. Durch seine Leitertätigkeit arbeitet Dennis Allen mittlerweile viel im Büro. Nur ab und zu ist er in der Kita noch mit der Betreuung der Kinder befasst. Der 40-Jährige ist sich sicher: In Zukunft wird die Sorgetätigkeit in den Familien mehr und mehr gleichberechtigt wahrgenommen. Ob das zu mehr männlichen Kollegen in den Kitas führt, ist dann auf kurze Sicht gar nicht mehr so wichtig: "Das braucht Zeit, aber wir sind auf einem guten Weg zur völligen Normalität."

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