Genügsam: Eine Wasserschildkröte knabbert an einem Blatt aus Beinhorns Garten. - © Sarah Jonek
Genügsam: Eine Wasserschildkröte knabbert an einem Blatt aus Beinhorns Garten. | © Sarah Jonek

Bielefeld Bielefelderin gibt 24 exotischen Schildkröten ein Zuhause

Warum ein Panzer aus Knete gebastelt wird und wie Tierschützer das Land kritisieren

Maja Bruder

Bielefeld. Es plätschert, und hier und da hört man ein Glucksen. Wer den Garten von Ann-Kristin Beinhorn betritt, merkt sofort: Hier lebt alles. Ein Kopf und Knopfaugen ragen langsam aus dem Gartenteich. Das ist Schildkröte Lotta. Lotta wurde von einem Auto angefahren. Sie trägt eine Panzer-Prothese aus Kinder-Fimo. "Man muss kreativ werden, wenn man kaum Geld zur Verfügung hat hat", sagt Beinhorn. Viele Besitzer schämen sich für ihr Fehlverhalten Die 33-Jährige studiert Tiermedizin in Gießen. Sie kümmert sich seit fast zehn Jahren um hilfsbedürftige, entlaufene oder ihr vor die Tür gelegte Schildkröten. In ihrer Arche leben derzeit 24 Wasserschildkröten. Tanks und Gehege baut sie selbst, den Strom bekommt sie über Solaranlagen. Der Garten versorgt ihre Tiere im Sommer mit Grünzeug, von der Uni bekommt sie Überreste von Fischsezierungen. Beinhorn hat ein weiteres Herzensprojekt. Mit Freundin Stefanie Taube und anderen will sie ein Tier- und Artenschutzzentrum auf einem alten Militärflugplatz in Gütersloh öffnen. Es soll Platz für bis zu 5.000 Exoten bieten. Vor allem bei Exoten gibt es Probleme bei artgerechter Versorgung. "Viele denken, dass ihr Tier kerngesund ist. Es stellt sich jedoch oft das Gegenteil heraus", sagt Beinhorn. "Viele Besitzer schämen sich für ihr Fehlverhalten, aber der wichtigste Schritt ist es, diese Tatsache zuzugeben und auf uns zuzukommen", ergänzt Stefanie Taube. Das Problem liegt nicht nur bei den Besitzern. Tierheime, Tierärzte, Züchter und Zoohandlungen handeln oft nicht richtig. Über die Tiere werden falsche Auskünfte gegeben. Am Anfang wiegt eine Schildkröte 30 oder 40 Gramm und kostet um die 20 Euro. Sie können ausgewachsen drei Kilogramm, manche Weibchen sogar bis zu sechs Kilogramm, schwer werden. Dann werden die Tiere anstrengend und oft ausgesetzt. Es gibt deshalb zu viele Exoten in freier Natur, die niemand mehr möchte und die heimischen Arten schaden können. Wenige bedenken, sagt Beinhorn, dass Schildkröten bis zu 70 Jahre alt werden. Es sei vorgekommen, dass über 80-jährige Besitzer komplett überfordert mit ihrer riesigen Anzahl an Tieren waren. Überall gluckst und knabbert es in ihrer Schildkrötenarche, die Wärmelampen bestrahlen die Wassertanks mit ihren Bewohnern wie "Gisela" und "Patrick". "So eine Auffangstation ist ein 365-Tage- Job", erklärt Stefanie Taube. Sie und Beinhorn wollen bessere Bestimmungen zum Schutz der Tiere durchsetzen. Wenn der Markt weiterhin so überschwemmt würde, müssten "die Grenzen besser überwacht werden und es muss ein Einfuhrverbot geben". Jetzt, in der Herbstzeit, drohen viele der Exoten aufgrund ihrer Unangepasstheit an das Klima zu erkranken oder zu sterben. Es werden deshalb immer mehr Tiere gefunden und bei Tierschützern wie Beinhorn abgegeben. "Es gibt viele, die helfen wollen. Es ist nur schlicht kein Geld und keine Unterstützung vom Land da. Leute wie ich brechen ganz einfach irgendwann zusammen."

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