Jeder Handgriff sitzt: Susanne Wolff (45) ist großartig als Alleinseglerin in dem allegorischen Film „Styx“. Foto: Wildbunch/Central - © Wildbunch/Central
Jeder Handgriff sitzt: Susanne Wolff (45) ist großartig als Alleinseglerin in dem allegorischen Film „Styx“. Foto: Wildbunch/Central | © Wildbunch/Central

Kultur "Styx" im Kino: Bielefelderin glänzt in Flüchtlingsdrama auf hoher See

Sehenswert: Susanne Wolff spielt in „Styx“, ab 13. September im Kino, eine Seglerin, die auf ihrem Törn im Atlantik auf ein leck geschlagenes Boot mit Flüchtlingen stößt. Die 45-Jährige erzählt von den Dreharbeiten

Anke Groenewold

Bielefeld. Eine Frau sticht in Gibraltar mit ihrer Segeljacht in See. Ihr Ziel ist eine kleine tropische Insel im südlichen Atlantik, Ascension Island. Das Helfen ist ihr Beruf. Rike ist Notärztin. Sie strahlt Kompetenz, Zielstrebigkeit und Stärke aus. Jeder ihrer Handgriffe sitzt, sei es bei ihren Patienten, sei es an Bord ihres Schiffs. Furchtlos stellt sich diese Frau den Naturgewalten. Doch als sie nach Tagen auf See auf ein leck geschlagenes Fischerboot mit Flüchtlingen stößt, verliert Rike die Kontrolle und gerät an ihre Grenzen. Susanne Wolff spielt diese Figur in Wolfgang Fischers Film „Styx“ und trägt dieses dichte, aufrüttelnde Kammerspiel im Prinzip allein. Es ist vor allem ihrer ebenso kraftvollen wie feinnervigen Darstellung zu verdanken, dass diese klar erzählte Geschichte ohne viele Worte so soghaft ist, dass kein Zuschauer das Kino verlassen wird, ohne sich emotional und intellektuell angefasst zu fühlen. Im Film sind derart starke, autarke Frauenfiguren immer noch eine Seltenheit. Ein Grund, warum die Bielefelderin bei dieser Rolle zugegriffen hat? „Als erstes hat mich die Geschichte interessiert und das Abenteuer, das dahintersteckt“, sagt Wolff. „Ich nehme gern Projekte an, die nicht in einem konventionellen Rahmen stattfinden.“ Die Stärke dieser Figur sei natürlich auch mit ausschlaggebend gewesen. Wolff trainierte zur Vorbereitung mit Segelprofis Den Film allein zu tragen bedeute einerseits, auf ein Gegenüber und damit auf Inspiration zu verzichten. „Aber es bringt auch einen großen Genuss.“ Gedreht hat Wolff 2016 zwei Monate lang nördlich von Malta – im Herbst, „wenn sich touristisch alles beruhigt, aber das Meer sich aufregt“, sagt Wolff. Hinzu kamen die Seekrankheit, der körperliche Kraftakt und die Enge, die entsteht, wenn ein zehnköpfiges Team samt Ausrüstung auf einer Elf-Meter-Jacht arbeitet. Getrickst wurde nicht, Susanne Wolff segelt dieses Boot wirklich. Sie hatte bereits Erfahrung, besaß einen Binnengewässerschein, „aber ich hatte auf einem relativ kleinen Boot mit der Pinne in der Hand gelernt“, erzählt sie. „So eine Elf-Meter-Jacht mit Steuerrad ist noch mal etwas Anderes.“ Also trainierte die Schauspielerin in Travemünde mit zwei Profis. Auch beim Dreh habe sie der Skipper weiter unterrichtet und unterstützt. Nur eine nächtliche Sturmszene entstand nicht auf hoher See, sondern in einem Wassertank, in dem Maschinen Wind, Wellen und peitschendes Wasser erzeugen. Was nicht viel schöner sei als die Wirklichkeit, versichert Wolff. „Es war gewaltig: hin und her geworfen zu werden, nichts mehr sehen zu können, der Lärm.“ Kann sie sich vorstellen, selbst als Alleinseglerin auf einen 5.000-Kilometer-Törn zu gehen? „Nein“, sagt Susanne Wolff bestimmt. „Ich habe eine große Willensstärke, und auch die Einsamkeit ist kein Problem. Aber ich weiß nicht, ob ich die Stärke des Geistes hätte, in all den unvorhersehbaren Notsituationen ruhig zu bleiben und nicht panisch über Bord zu springen. Es reizt mich auch nicht.“ "Der Ausbruch der Figur liegt relativ weit hinten" Als Seglerin Rike auf das havarierte Fischerboot mit den um Hilfe schreienden Menschen stößt, informiert sie die Küstenwache. Diese verspricht, Hilfe zu schicken und warnt die Ärztin, nicht einzugreifen. Ihre Anwesenheit erzeuge Panik. Tatsächlich springen mehrere Menschen ins Wasser. Allein der 14-jährige Kingsley erreicht Rikes Jacht. Der Junge fordert, sie müsse handeln, seine Schwester sei noch auf dem Boot. Aber Rike sieht das Dilemma. Sie weiß, dass sie nicht alle retten kann, vielleicht bringt sie sich selbst in Lebensgefahr. Die versprochene Hilfe kommt nicht. Auch der Kapitän eines nahen Frachters verweigert Hilfe. Was soll sie tun? Hat Susanne Wolff sich gefragt, wie sie in der Situation handeln würde? Das sei schwierig zu beantworten, sagt sie, denn die von Autor und Regisseur Wolfgang Fischer und Co-Autorin Ika Künzel gesetzte Kombination aus Notärztin und Profiseglerin, die mit Ruhe auf ihre Fähigkeiten und Erfahrungen vertrauen könne, habe schließlich nicht jeder in sich und stelle eine gewisse Überhöhung dar. Bei den ins Leere laufenden Funkgesprächen, die Rike führt, hätte Wolff gern schon früh „Kleinstreaktionen von Ungehaltenheit“ gezeigt. Aber Regisseur Fischer habe sie angehalten, ganz ruhig zu bleiben. Er hatte Recht, findet sie. „Die Stärke des Films liegt darin, dass der Ausbruch der Figur verhältnismäßig weit hinten liegt.“ Eine der eindrücklichsten Erfahrungen des Drehs war für Susanne Wolff, in Nairobi den Darsteller des Kingsley zu casten und kennenzulernen. Der Schüler Gedion Oduor Wekesa ist in einem Förderprogramm des Vereins „One Fine Day“, den der Regisseur Tom Tykwer und seine Frau Marie Steinmann vor zehn Jahren gegründet haben, um künstlerische Workshops für Kinder aus Slums anzubieten. Premiere hatte der existenzielle und moralische Fragen aufwerfende Film im Februar auf der Berlinale. Seitdem war Susanne Wolff mit dem Film auf Festivals im In- und Ausland. Die Reaktionen? Eine „sehr glücksbringende, einhellige Begeisterung“, sagt sie. „Styx“ kommt am Donnerstag in die Kinos. Zur Person: Susanne Wolff absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und ging im Anschluss ins feste Engagement ans Thalia Theater Hamburg, von dort ans Deutsche Theater nach Berlin. Bereits während ihrer Theaterengagements drehte sie mit Emily Atef den Film „Das Fremde in mir“. Für ihre Leistung darin wurde sie mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Förderpreis Deutscher Film. 2017 war sie in „Rückkehr nach Montauk“ von Volker Schlöndorff zu sehen, im Fernsehen außerdem in „Unser Kind“ von Nana Neul und „Nichts zu verlieren“ von Wolfgang Murnberger. Ihre erste Regiearbeit legte sie 2016 am Schauspiel Frankfurt mit der Produktion „Shoot / Katzelmacher / Repeat“ vor. In Weimar steht sie aktuell zusammen mit Corinna Harfouch in „Macbeth“ auf der Bühne. Beide Schauspielerinnen verkörpern sowohl Macbeth als auch Lady Macbeth Am 6. Oktober hat sie als Olga in Tschechows „Drei Schwestern“am Kölner Schauspiel Premiere.

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