Besorgt: Mit einem Zugmesser hat Förster Erhard Oehle Rinde von einer gefällten Fichte abgeschnitten. Mehrere Borkenkäfer haben sich hier eingenistet und die Versorgung des Baumes zerfressen. Im Hintergrund ist weiteres "Käferholz" zu sehen. - © Andreas Zobe
Besorgt: Mit einem Zugmesser hat Förster Erhard Oehle Rinde von einer gefällten Fichte abgeschnitten. Mehrere Borkenkäfer haben sich hier eingenistet und die Versorgung des Baumes zerfressen. Im Hintergrund ist weiteres "Käferholz" zu sehen. | © Andreas Zobe

Bielefeld Sturm, Hitze, Borkenkäfer: Förster in großer Sorge um Bielefelds Wälder

Unter Druck: Erst setzte Januarsturm Friederike den Bäumen zu, dann kam der Hitzesommer und jetzt bedrohen Borkenkäfer die Wälder. Förster Erhard Oehle kann für die kommenden Jahre keine Entwarnung geben

David Knapp

Bielefeld. Das Zugmesser von Erhard Oehle gleitet durch die Rinde einer gefällten Fichte. Das abgetrennte Stück dreht der Förster um. Er sieht seine Vermutung bestätigt: "Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde", zitiert Oehle ein scherzhaftes Gedicht von Heinz Erhardt. Doch zum Lachen ist dem 63-Jährigen beim Anblick der Rinde nicht. Denn unterhalb der Rückseite haben sich einige Borkenkäfer eingenistet. Ihr Nachwuchs frisst still und unbekümmert feine Rillen in das Gewebe. Darum haben die Borkenkäfer leichtes Spiel Was auf den ersten Blick harmlos wirken mag, ist für die umliegenden Bäume zu einer Bedrohung geworden. Bielefelds Wälder stehen in diesem Jahr mächtig unter Druck: "Die Borkenkäfer vermehren sich rasant zu Myriaden", sagt Oehle. Ein weiblicher Borkenkäfer hat etwa 60 Nachkommen pro Generation. Bei warmen und trockenen Witterungsverhältnissen können jedes Jahr etwa drei Generationen ausgebildet werden. So kommt ein einziger weiblicher Borkenkäfer auf bis zu 100.000 Nachfahren binnen eines Jahres: "Deren Entwicklung ist dieses Jahr einfach enorm", sagt der besorgte Förster. In einem Waldstück nahe der Osningstraße wurden in den vergangenen Tagen Dutzende Fichtenstämme aufgestapelt. Sie stehen exemplarisch für viele andere Orte, an denen die wenige Millimeter großen Käfer zugeschlagen haben. Vor allem der sogenannte Buchdrucker, ein besonders rabiater Forstschädling, hat es auf die Nadelbäume abgesehen. Er bohrt sich durch deren Rinde und legt dort ein Brutsystem an. Dabei durchtrennt der Buchdrucker die Nährstoff- und Wasserzufuhr der Fichten. Die Nadeln fallen, der Baum stirbt ab. "Normalerweise versucht ein Baum, dem Borkenkäfer etwas entgegenzusetzen, indem er Harz absondert. Doch aufgrund der Dauerbelastung durch Stürme und Trockenheit ist das nicht mehr möglich", erläutert Oehle. Die Bäume sind gestresst: Sturm Friederike hatte den Wäldern schon Mitte Januar arg zugesetzt. Die über Wochen andauernde Hitze des Sommers ließ zudem den Grundwasserspiegel sinken, so dass sie ohnehin schlechter versorgt wurden. Unter diesen Umständen haben die Borkenkäfer leichtes Spiel: "Eine 120 Jahre alte Fichte wird so innerhalb weniger Tage von den Borkenkäfern zerfressen." Etwas weiter abseits der Osningstraße, einen schlammigen Waldweg hinauf, liegt ein kleines Stück Wald, auf dem nur noch einige Baumstümpfe zu sehen sind. "Das ist eine Fläche, auf der der Sturm gewütet hat." Allein hier mussten 15 Bäume gefällt und aus dem Wald geschafft werden. Denn wenn der Borkenkäfer bereits liegende Fichten zerfressen hat, gefährdet er auch umstehende vitale Bäume. "Uns geht es im Wesentlichen darum, dass wir keine Gefährdung für den stehenden Bestand haben", sagt Oehle. Zum Schutz der Bäume werden deshalb mittlerweile sowohl in städtischen als auch privaten Wäldern Insektizide auf die Rinde der Bäume aufgetragen. Die Bedrohung des Waldes wird in der Gesellschaft wenig thematisiert Oehle weiß um die Brisanz des Themas, plädiert aber für eine pragmatische Sicht auf die Dinge: "Was wir hier machen, ist Pflanzenschutz. Es ist immer eine Güterabwägung, aber wir verwenden so wenig wie möglich und so viel wie nötig." Im Gegensatz zu den Ernteausfällen bei den Landwirten werde die Bedrohung des Waldes in der Gesellschaft weniger thematisiert, sagt Oehle, der seit rund 40 Jahren als Förster arbeitet. Er macht deutlich: "Wald ist ein Wirtschaftsfaktor. Für die Bielefelder erfüllt er aber auch eine Sozial- und Erholungsfunktion." Dessen Gefährdung durch den Borkenkäfer ist mit dem Ende des Sommers jedoch nicht abgeschlossen: "Der Borkenkäfer gräbt sich ein und kommt im Frühjahr wieder raus. Wir werden wohl noch ein, zwei Jahre mit ihm zu tun haben."

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