0

Bielefeld Kommentar: Bielefeld soll mehr minderjährige Flüchtlinge aufnehmen

Carsten Heil
25.08.2018 | Stand 24.08.2018, 21:33 Uhr

Plötzlich ist das Flüchtlingsthema wieder Lokalpolitik. Nicht die Uno, nicht die EU, nicht Berlin oder sonst irgend eine entfernte Institution muss sich mit den vor Krieg, Verfolgung und/oder nackter Not Fliehenden beschäftigen. Das müssen jetzt auch die Bielefelderinnen und Bielefelder tun. Dafür hat Oberbürgermeister Clausen mit seinem Vorschlag gesorgt, in der Stadt mehr aus dem Mittelmeer gerettete unbegleitete Minderjährige aufzunehmen als üblich. Zuvor hat der Stadtrat noch zu entscheiden. Der Vorstoß muss offen und öffentlich diskutiert werden, nicht in Hinterzimmern. Das ist richtig so. Und nicht jeder, der sich kritisch äußert, ist gleich ein verblendeter Rechter oder Rassist. Inhaltlich hat Pit Clausen damit einen Satz nach Bielefeld geholt, den Angela Merkel einst formuliert hat: „Wir schaffen das". Da gehört der Satz auch hin, ins Lokale. Dort wird die konkrete Arbeit geleistet. Es wird nicht einfacher für Schulen und Jugendeinrichtungen, wenn 300 oder mehr junge Flüchtlinge kommen. Aber das System gerät dadurch nicht aus den Fugen. Übrigens auch nicht die Justiz, selbst wenn Amtsgerichtspräsident Jens Gnisa schon öffentlich auf die Belastung seines Hauses verwiesen hat. Das ist eine sehr bürokratische Reaktion auf ein menschliches, existenzielles Thema. Sie ist als Argumentation unwürdig. Stimmt: Es wird für Polizei und Justiz nicht einfacher. Vor allem nicht, wenn „wir es nicht schaffen", wenn Aufnahme und Integration misslingen. Dann könnten sich die Verhältnisse zum Beispiel abends am Kesselbrink weiter negativ entwickeln. Aber deshalb wegschauen? Nichts tun? Das geht nicht. Auch die zahlreichen freiwilligen Helfer und Netzwerke, die schon erfolgreiche Arbeit mit Geflüchteten geleistet haben, aber auch Frusterlebnisse zu verarbeiten haben, werden wieder stärker beansprucht. Auf sie sollte der Oberbürgermeister aktiv zugehen. Dann trägt Lokalpolitik zu einer menschenfreundlicheren Stadt bei. Kontakt zum Autor

realisiert durch evolver group