Menschenrechtsgruppen prangern an, dass die EU Seenotrettung nicht mehr als eigene Aufgabe ansehe. - © Symbolfoto: Pixabay
Menschenrechtsgruppen prangern an, dass die EU Seenotrettung nicht mehr als eigene Aufgabe ansehe. | © Symbolfoto: Pixabay

Bielefeld "Europa versenkt seine Werte": Bielefelder Flüchtlings-Aktivistin über die Seenotrettung im Mittelmeer

Interview: Sonja Skrobek (28) war jüngst auf Malta und in Italien für Menschenrechtsgruppen im Einsatz. Dass Schiffe nicht mehr auslaufen dürfen, sei politisch motivierter Rechtsbruch. Demo steigt am Samstag in der City

Dennis Rother

Bielefeld. 277 Flüchtlinge sind seit Anfang Juli im Mittelmeer ertrunken, fast 1.500 im laufenden Jahr. Von diesen Zahlen geht die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch aus. Die Dunkelziffer sei mutmaßlich erschreckend hoch. Denn private Retter dürfen aus Häfen nicht mehr auslaufen. Ein Skandal, sagt Sozialwissenschaftlerin Sonja Skrobek (28). Die Bielefelder Aktivistin, die die Demonstration am Samstag (s. Info) mitorganisiert, half in italienischen und maltesischen Häfen monatelang auf Schiffen. Frau Skrobek, es sind Sommerferien. Verbinden Sie mit dem Mittelmeer nach ihren jüngsten Erlebnissen noch Urlaubsstimmung? Sonja Skrobek: Nein. Es ist ein Massengrab vor der europäischen Haustür. Unsere Abschottungspolitik zwingt verzweifelte Menschen dazu, sich in die Hände von skrupellosen Schleppern zu begeben. Bis 2014 hat die EU Seenotrettung als eigene Aufgabe gesehen. Jetzt werden Unzählige als Abschreckung wissentlich ertrinken gelassen. Europa versenkt gerade seine eigenen Werte. Schlagzeilen machte besonders die „Lifeline". Das Schiff mit 234 Flüchtlingen musste auf See ausharren, weil die EU sich uneinig bei der Aufnahme war. Wie haben Sie das erlebt? Skrobek: Wir waren in Malta dabei, die „Sea-Watch 3" fertig für die nächste Mission zu machen. Unsere Sorgen wurden immer unerträglicher. Die „Lifeline" ist nicht dafür ausgelegt, so viele Menschen so lange an Bord zu haben. Es war unzumutbar, sie saßen geschwächt dicht an dicht an Deck. Das Wetter wurde immer schlechter, Gewitter kamen, Wellengang war selbst im Hafen zu spüren. Ein Wunder, dass alles gutgegangen ist. Warum steuerte das Schiff nicht Nordafrika an? Skrobek: Das wäre strafbar. Wir halten uns an Anweisungen der Seenotleitstellen und ans See- und Menschenrecht. Selbst europäische Militärschiffe mit Geflüchteten an Bord fahren die Häfen nicht an, sondern nur Länder, die Sicherheit gewährleisten. Die EU setzt unterdessen auf Kooperationen etwa mit Libyen. Die Zusammenarbeit... Skrobek: ...gehört gekündigt. Sogar gegen die dortige Küstenwache gibt es belegte Schlepper- und Foltervorwürfe. Unverantwortlich. Sie sagen auch, dass die Schiffs-Stilllegung „unrechtmäßig" ist. Was meinen Sie genau? Skrobek: Es gibt keine legalen Gründe dafür. Gerichte setzen auf Hinhaltetaktik, man will uns zermürben, Zeit rauben. Die Schiffe und Aufklärungsflugzeuge sind alle korrekt registriert. Das war Jahre unproblematisch. Plötzlich wird es angezweifelt. Perfides, politisches Kalkül. Seit wenigen Wochen sind Sie wieder in der Heimat. Sind die Koffer erneut gepackt? Skrobek: Sobald es auf Malta eine Aufgabe für mich gibt, reise ich wieder los, ja. Wir geben nicht auf. Wer mit anpacken will, ist willkommen.

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