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Rekord für die Philharmoniker: Mehr als achttausend Zuschauer sind zum Konzert unter dem Titel „Let’s play“ gekommen. | © Barbara Franke

Bielefeld Klassik trifft Computerspiele: Besucherrekord auf dem Kesselbrink

Umsonst und draußen: Game-Soundtracks und Orchestermusik, passt das zusammen? Und ob! Davon zeugt die Bombenstimmung beim Konzert der Bielefelder Philharmoniker auf dem Kesselbrink. Bei blauem Himmel und Abendsonne wird das Event zur Massenveranstaltung

Christine Panhorst

Bielefeld. Dass die Philharmoniker ein feines Gespür für das haben, was bei einem großen Publikum ankommt, haben sie mehrfach bewiesen. Jetzt gelingt ihnen ein Bravourstück. Beim zweiten Open Air in Eigenregie auf dem Kesselbrink verblüffen die Bielefelder Orchesterprofis mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Klassik und Klassikern: Sie spielen Computer-Soundtracks. Live. Episch. Vor mehr als 8.000 Menschen. Nur einer fehlte. Schon eine Stunde vor Konzertbeginn sichern sich Hunderte Bielefelder die besten Plätze. Manche haben Picknickdecken ausgebreitet, Körbe mit Proviant mitgebracht. Eine halbe Stunde später ist der Platz proppenvoll, es wird noch voller werden.Super-Mario-Pilz auf der Leggings Leuchtend blaue Haare, quietschbunte Leggings. Ve Grosch fällt auf trotz Menschenmenge. Die 23-Jährige zählt zu den Computerspielfans unter den Konzertbesuchern. Das ist nicht schwer zu erraten. Auf der Leggings tummeln sich Computerspielfiguren wie der Mario-Kart-Pilz, auf den Unterarm sind Charaktere aus dem Teamspiel „League of Legends" tätowiert. Hat sie schon einmal ein klassisches Konzert gehört? „Ich war neulich in der Elbphilharmonie." So viel zu Klischees. Computerspiele spielt Ve Grosch schon seit der Grundschule. Nicht nur, aber auch wegen ihres Bruders. „Er sitzt im Rollstuhl und Computerspiele konnten wir immer zusammen spielen." Den Inklusionsfaktor der Spiele nennt Grosch das. Tatsächlich sind viele Besucher im Rollstuhl unter den Zuschauern. Dazu Menschen im Rammsteinshirt, in Blümchenbluse, mit Hipsterbart, mit Strohhut oder im Anzug. "Diesmal kann ich nicht mitsummen" „Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt, ich lasse mich überraschen", sagt Inge Wiens. Sie ist mit Mann, Freunden, Campingstühlen und vollen Körben gekommen. Sekt, Käsewürfel und Cabanossi machen die Runde. Das Filmmusik-Konzert der Philharmoniker auf dem Kesselbrink vor zwei Jahren sei toll gewesen, erzählt sie und lacht: „Diesmal werde ich wohl nicht mitsummen können." Kann sie dann doch. Denn viele der Stücke, die die Philharmoniker wenig später unter dem Motto „Let’s play!" aufführen, klingen merkwürdig vertraut und – da liegt die Filmmusik ganz nah – immer nach ganz großem Kino. Denn viele der Spiele erschaffen fremde Länder, Kulturen, Gesellschaften, Charaktere, erzählen emotionale Geschichten. Dazu braucht es einen filmreifen Soundtrack. Nur einer fehlte Als Zugabe für Fans des Genres gibt’s zum Schluss drei Klassiker: Melodien aus Secret of Mana, Final Fantasy und Tetris ertönen und setzen den passenden Schlussakkord. Nur ausgerechnet ein Held ist nicht dabei, den mancher vermisst haben dürfte. Super Mario muss bei diesem speziellen Level der Computerspiel-Huldigung aussetzen. Wegen Soundtrack-Sperre.

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