Auch im Abendlicht nicht schön: Der Jahnplatz mit seinen dominierenden Straßenverbindungen und Bushaltestellen ist nicht gerade ein Sinnbild für einen attraktiven Platz, finden die Planer. - © Jens Reddeker
Auch im Abendlicht nicht schön: Der Jahnplatz mit seinen dominierenden Straßenverbindungen und Bushaltestellen ist nicht gerade ein Sinnbild für einen attraktiven Platz, finden die Planer. | © Jens Reddeker

Bielefeld Selbst im Abendlicht ist der Jahnplatz ein hässlicher Fleck

Jahnplatz-Nutzer: Fast alle sprechen von großen Problemen - sie sehen Sichtachsen als zerstört und den Verkehr als kritisch an. MoBiel als zentralster Akteur auf dem Platz spricht vom "Herz", äußert sich aber nicht weiter

Kurt Ehmke

Bielefeld. Weihnachts- und Leinewebermarkt, La Strada und früher Public Viewing - "Bielefeld Marketing" gehört zu den Nutzern des Jahnplatzes - und Chef Martin Knabenreich freut sich, "dass endlich Diskussionen ohne Denkverbote geführt werden". Gerade am Jahnplatz sei das nötig, der Platz sei der zentralste der Stadt und gleichzeitig "das größte Sorgenkind" der Stadt. Knabenreich: "Das aber ist nicht naturgegeben, sondern vielmehr die Folge vieler Fehler, die hier gemacht worden sind." Einer: Die Lage und Bauart der Busanlagen - für ihn "Profanbauten, die vieles verschandeln und auch den Blick auf Gebäude verstellen". Genauso bewertet er den Kubus, in dem "Pizza Hut" sitzt: "Dass dieses Gebäude die Sichtachse gen Rathaus und Theater verstellt, ist eine Schande." Knabenreich gibt zu, dass er mit folgendem Satz sehr hoch ins Regal greift, aber sagt ihn dennoch: "Vom Jahnplatz bis zur Detmolder Straße könnte hier ein Prachtboulevard entstehen - wir haben breite Gehbereiche, viele Bäume, grüne Inseln, viele besondere Gebäude; und mit etwas gutem Willen lässt sich auf Höhe des Alex? sogar fast etwas Mondänes erahnen." Dass das alles durch den Pizza-Hut-Bau verstellt ist - ärgerlich, so Knabenreich. Für ihn ist der Platz fast nur auf den Verkehr ausgerichtet, kaum auf eine Aufenthaltsqualität. "Alles wird hier herübergeführt." Da müsse viel reduziert werden, aber es gehöre auch zu einer Großstadt, dass hier Busse fahren können, vielleicht bald wieder eine Stadtbahn, Anlieferverkehr - und auch Menschen mit Beeinträchtigungen müssten hier entlang kommen können. Und die anderen? "Wir haben sehr viele gute Parkhäuser in Bielefeld - da müssen wir die Menschen besser hinführen." Wenn es zurzeit etwas Visionärer werde, dann, so Knabenreich, sei auch wichtig, "dass Politik nicht nur den Interessenausgleich der heutigen Akteure zu leisten hat, sondern auch jenen der heutigen und kommenden Generationen." »Der Times Square ist heute Fußgängerzone mit nur einer Straße« Der wohl intensivste Nutzer des Platzes ist der Verkehrsbetrieb MoBiel - mit Bussen und Stadtbahnen. Doch ist die Geschäftsführung auf Anfrage weder bereit, den heutigen Platz zu bewerten - noch bereit, sich etwas visionär mit Blick auf eine Zukunft des Platzes zu äußern. Das teilt Sprecherin Yvonne Liebold mit und sagt: "Wir sind in die aktuellen Planungen des Amtes für Verkehr eingebunden, das ist die Begründung der Geschäftsführung dafür, sich nicht zu äußern." Ein paar Zahlen bietet sie aber an: 50.000 Umstiege gebe es täglich, sie schreibt vom "Herzen des MoBiel-Netzes". Und sie führt weiter eher allgemein aus: "Der Busverkehr läuft grundsätzlich gut auf dem Jahnplatz." MoBiel befürworte eine Umgestaltung des Jahnplatzes, "da dadurch unter anderem die Aufenthaltsqualität verbessert würde". Einer, für den der Platz ebenfalls wichtig als Verkehrsachse ist, ist Spyridon Athanasiou, Vorstand der Bielefelder Funk-Taxi-Zentrale Bieta. Er sagt: "In Zukunft sollte man den Jahnplatz verkehrsberuhigen, aber Busse, Taxis und gewerblicher Verkehr müssen weiter möglich sein." Denn: "Andere Städte zeigen, dass eine Verkehrsberuhigung auf solchen Plätzen gut ist, wir Taxifahrer aber werden gebraucht und wünschen uns, dass wir auf der neuen Umweltspur mitfahren dürfen." Für den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) bezieht Vorstand Thorsten Böhm Stellung - und er sieht Parallelen (im Kleinen) zum Times Square in New York. Der sei 2009 umgebaut worden zu einer riesigen Fußgängerzone, durch die nur noch eine einzige Straße hindurchführe. Auch hier habe es große Debatten gegeben. Heute sei der Platz ein Platz voller Menschen und Leben. Böhm: "Der Times Square ist keine Wüste geworden, im Gegenteil - hier trinken Menschen Kaffee, unterhalten sich, entspannen sich, genießen den Tag." Und was heißt das für Bielefelds Jahnplatz? "Gefühlt besteht der Jahnplatz heute nur aus Nadelöhren - trotz seiner Größe. Das muss sich ändern, er muss als Verbindung mit Aufenthaltsqualität erlebt werden." Die Entwicklung sei gegensätzlich verlaufen - ein rasant ansteigender Verkehr und dazu die neuen Fußgängerzonen; das sei heute ein nicht mehr funktionierendes System. Deshalb findet er, dass nur noch ÖPNV mit Taxen sowie Lieferverkehr und natürlich Notfalldienste auf den Platz gehörten - das aber nicht mit Tempo 50. Und dazu die Menschen: als Fußgänger, als Radfahrer, als Menschen, die sich hier aufhalten wollen. "Die Flächen müssen so gestaltet werden, dass sie klare Zuweisungen beinhalten - für die einzelnen Nutzer." Nur so könne der Platz zu einem werden, auf dem sich auch Menschen wohlfühlten, findet Böhm. Andere Städte hätten vorgemacht, wie es ginge. Nicht nur New York.

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