Bielefelds wohl umstrittenster Platz: Am Jahnplatz prägen Busse und Autos die Szenerie – und die Menschen kommen eher wie Ameisen daher. Sie werden von der Dominanz des Verkehrs dazu gedrängt, den Platz ausschließlich nur queren zu wollen, monieren die Planer. Es gebe keine Aufenthalts-, sondern eigentlich nur Verkehrsflächen. - © Sarah Jonek
Bielefelds wohl umstrittenster Platz: Am Jahnplatz prägen Busse und Autos die Szenerie – und die Menschen kommen eher wie Ameisen daher. Sie werden von der Dominanz des Verkehrs dazu gedrängt, den Platz ausschließlich nur queren zu wollen, monieren die Planer. Es gebe keine Aufenthalts-, sondern eigentlich nur Verkehrsflächen. | © Sarah Jonek

Bielefeld Experten: Am Jahnplatz ist nichts Gutes zu finden

Den Planern fällt es schwer, dem zentralen Innenstadtplatz irgendetwas Positives abzugewinnen

Kurt Ehmke

Bielefeld. Die Planer sitzen am Jahnplatz vor dem Pizza-Hut-Restaurant. Um sie herum: röhrende Autos, das Grummeln des Verkehrs, hektische Fußgänger. Und dazu noch Radler, die auf ihrer Spur nur genervt sind - ständig ist der Radweg blockiert. "Wahnsinn, was hier los ist, wie viele Menschen hier permanent unterwegs sind", sagt Andreas Winter, einer der drei Planer von "Peters + Winter", dem Büro, das für die NW den Jahnplatz analysiert und visionär überplant. Fakt ist für sie - und damit auch Problem: "Der Platz wird vom Verkehr, der hier mit gut 50 durchrauscht, komplett zerschnitten und geteilt." Der Jahnplatz sei ein merkwürdiger Platz, einer, der quasi nur aus Verkehrsflächen und überhaupt nicht aus Aufenthaltsflächen bestehe. "Das ist eklatant", sagt Winter. Und so fällt es den Planern extrem schwer, in ihrer Bestandsaufnahme überhaupt Positives zum Platz zu sagen. Die zentrale Lage sei gut, die "unheimlich vielen Menschen auch", so Peters. Der Platz sei "Schnitt- und Schaltstelle", sagt Nadine Schilla. All das aber sind Zustandsbeschreibungen und würdigen letztlich nichts von der Platzgestaltung. »Der Autoverkehr dominiert völlig« Die spricht Peters dem Platz auch mehr oder weniger ab - "sie existiert nicht, hier gehen nur Menschen durch eine Verkehrsfläche hindurch". Und das über einen "echt rumpeligen Untergrund", so Winter, "mit rudimentär vorhandenen Pfaden". Kopfsteinpflaster sei "zwar schön, aber nicht behindertenkompatibel". Schilla fällt nach längerem Nachdenken doch noch ein positiver Aspekt ein: die Jahnplatzuhr, auch "schlanke Eva" genannt. "Sie ist wirklich ein etablierter Treffpunkt." Das aber war's an Gutem, Schönem, Positivem. Der Rest? Schwierig, um es freundlich auszudrücken. Peters: "Der Autoverkehr dominiert völlig, er zerschneidet diesen wichtigen Platz, der eigentlich Alt- und Neustadt miteinander verbinden soll." »Haltestellen als Garant für ein hohes Konfliktpotenzial« Kaum Gutes können die Planer auch den Haltestellen für Busse abgewinnen. Winter: "Ihre Anordnung bringt ein enorm hohes Konfliktpotenzial mit sich." Schilla: "Zwischen ihnen und den Häusern ist es extrem eng, keiner weiß, wohin er denn soll." Radfahrer gegen Fußgänger, Unsicherheiten allerorten - ob vor McDonalds oder vor der Disko "Cafe Europa". Auch der Blick in den Niederwall desillusioniert sie: Statt vom Platz aus in die grüne Achse gen Altes Rathaus und Theater schauen zu können, steht der Pizza-Hut-Würfel im Weg. Überhaupt: "Die grüne Achse wird schon von der Alfred-Bozi-Straße aus durch den Jahnplatz abrupt beendet", sagt Andreas Winter, "und dann hier gleich noch einmal." Schilla ergänzt Winters Einordnung: "Das war einmal als Platzrahmung gedacht, es bricht aber vor allem die Sichtachse und blockiert jede schöne Gestaltung des Platzes." Der Blick auf die umgebende Bebauung ist ebenfalls ernüchternd. Allerdings, das finden die Planer, je länger man hinsieht, umso mehr Interessantes sei zu entdecken. Ältere Gebäude sind am Eingang zur Altstadt zu sehen, "das passt", findet Peters. Winter kann sich mit der "teilweise vorhandenen 50er-Jahre-Bebauung" durchaus arrangieren. "Sie ist eben ein Stück Zeitgeschichte und teilweise gar nicht so hässlich." »Die Lautstärke ist wirklich sehr hoch« Die Bebauung sei gar nicht so sehr das Problem des Jahnplatzes: "Es ist eher, dass die Menschen fast über den Platz getrieben werden, ihnen fehlt hier die Muße zum Innehalten, es lädt aber auch gar nichts dazu ein", sagt Winter. Sein Kollege Peters: "Ja, es ist eben ein Platz des Verkehrs, alle gehen zielorientiert über ihn, er ist nicht für einen Aufenthalt geeignet." Schilla ergänzt kritisch: "Die Lautstärke ist wirklich sehr hoch hier." Auch das allgemeine Chaos auf dem Platz stört, findet Peters. Gründe gebe es viele, einer sei: "Für Fahrräder fehlen Abstellbügel - und so ist hier alles vollgeparkt. An jedem Geländer stehen die Räder, das wirkt sehr unordentlich." Unterstützt werde dieser Eindruck von haufenweise Verkehrsschildern, die einfach überall hängen - und auch dem schmuddelig anmutenden Fahrstuhl an der Ecke zum Niederwall. Fazit: Ein Platz, der alles ist, nur nicht einladend.

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