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Ausdauernd: Ratsherr Michael Gugat diskutierte mit fünf Vertretern. Seine Meinung: "Zirkusse funktionieren ohne Wildtiere." - © Sarah Jonek
Ausdauernd: Ratsherr Michael Gugat diskutierte mit fünf Vertretern. Seine Meinung: "Zirkusse funktionieren ohne Wildtiere." | © Sarah Jonek

Bielefeld Zirkus Charles Knie: Wildtier-Streit endet mit Eklat

Tierschutz: Wie gut geht es den Tieren im Zirkus Charles Knie? Davon will sich Politiker Michael Gugat persönlich ein Bild machen. Doch dazu kommt er kaum. Denn im Gespräch fliegen die Fetzen

Ingo Kalischek
25.06.2018 | Stand 25.06.2018, 10:28 Uhr

Bielefeld. Es dauert knapp 20 Minuten, bis die Stimmung kippt. Plötzlich ist die Rede von hirnrissigen Argumenten, völligem Humbug, minimalem Wissen, Frechheit, Anmaßung und lachhaften Diskussionen: Ratsherr Michael Gugat und Charles-Knie- Zirkus-Direktor Sascha Melnjak wollten am Samstag sachlich über ein Wildtier-Verbot in Zirkussen diskutieren. Es gelang ihnen nicht. Immer wieder fuchtelt Sascha Melnjak mit seinen Händen durch die Luft - so, als wolle er damit ein Brot zerschneiden. Er kneift seine Augen zusammen, saugt an der Zigarette und schüttelt unaufhaltsam den Kopf. Wie konnte ihn Michael Gugat bloß so auf die Palme bringen? Grund für das rund einstündige Streitgespräch im Vorraum vom Zirkus Charles Knie war ein altbekanntes Thema: Leiden Wildtiere im Zirkus - und sollten sie nicht lieber verboten werden? Gugat hatte sich dafür im Jahr 2016 stark gemacht, doch das Verwaltungsgericht Minden hatte den Bielefelder Ratsbeschluss zum Zirkus-Wildtierverbot wieder gekippt. "Glauben Sie, dass Sie das beurteilen können?" Gugat kämpfte aber weiter, folgte jetzt der Einladung für ein Gespräch mit dem Zirkus. Seine zentrale Aussage: "Ich werfe Ihnen nicht vor, dass Sie die Tiere nicht lieben. Ich bezweifle auch nicht, dass Sie Ihre Tiere nicht nach den Tierschutzgesetzen halten. Aber ich glaube, dass eben die nicht ausreichen." Er sei der festen Überzeugung, dass Wildtiere wie Löwen nicht dafür geschaffen seien, immer wieder in Käfigen transportiert zu werden, so Gugat. Die prompte Reaktion von Direktor Melnjak: "Glauben Sie, dass Sie das beurteilen können, Herr Gugat?" Auch der englische und weltweit bekannte Dompteur Alexander Lacey hielt dagegen, sprach von einem "dummen Argument", als Gugat auf die kleinen Käfige zu sprechen kam. Die Größe, so Lacey, sei nicht entscheidend. Viel wichtiger: "Man muss die Tiere im Alltag beschäftigen, ihnen Aufgaben geben." Seine Tiere würden den ganzen Tag über arbeiten. Deshalb würden sie auch doppelt so alt wie Artgenossen in der Wildnis. Genau dieser Aspekt störte Gugat: "Wildtiere bleiben Wildtiere. Man kann sie nicht domestizieren." Ein Tierpfleger entgegnete: "Unsere Wildtiere sind eben keine Wildtiere. Einige sind sogar hier im Zirkus geboren." "Wäre es nicht besser, Sie würden im Zoo arbeiten?" Die Stimmung kippte, als Gugat auf Zoos und Tierparks zu sprechen kam, die einen klaren Auftrag hätten - nämlich Arterhaltung und Nachzucht. "Einziger Zweck vom Zirkus ist es, Geld zu verdienen und Menschen zu unterhalten", so Gugat. "Wäre es nicht besser, Sie würden im Zoo arbeiten?" Direktor Melnjak sprach daraufhin von Augenwischerei, hinter den Kulissen im Zoo sehe es ganz anders aus, als viele Besucher denken, so Melnjak. Auch Dompteur Lacey fuhr nun aus der Haut, sagte zu Gugat: "Sie haben Ihre Meinungen aus dem Internet, das sind keine Fakten, keinerlei wissenschaftliche Beweise, alles bloß Meinungen. Das ist gefährlich." Lacey stellte in diesem Zusammenhang auch einen Bezug zu "Adolf Hitler" her. Wechselnde Umgebung wie Schotter, Asphalt und Gras sei großartig für die Tiere, so Lacey: "Ich bin ein Experte, ich verstehe die Tiere. Sie nicht." "Ich bin aufgeregt, weil ihre Argumente dumm sind" Gugat betonte, er wolle eine ethisch-philosophische Diskussion führen, schließlich sei er kein Wissenschaftler. "Fakt ist: Die Natur ist für Tiere besser als der Mensch." Melnjak: "Was Sie sagen ist völlig wirr und schrecklich, Herr Gugat. Ich bin aufgeregt, weil Ihre Argumente sowas von dumm sind." Der Direktor machte deutlich, was Gugat mit einem von ihm angestrebten Wildtier-Verbot auf Bundesebene erreichen würde: "Dann müssten wir noch längere Wege zurücklegen, wenn wir gewisse Städte wie Bielefeld, Hannover und Osnabrück nicht mehr anfahren dürften. Wollen Sie das?" Gugat: "Reisen Sie doch einfach ohne Wildtiere an." Der Austausch endete, als sich Gugat ein Bild von der Unterbringung der Tiere machte. Während Melnjak im Zirkus-Zelt verschwand und wenig später auf Facebook nachlegte ("Möchtegern-Politiker"), diskutierte Gugat weiterhin intensiv mit Zirkus-Vertretern. Auf deren Facebookseite wurde er später als "Bistrophilosoph" bezeichnet.

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