0
Ein Bielefelder klärt auf, warum Fußball so populär ist. - © Noah Wedel
Ein Bielefelder klärt auf, warum Fußball so populär ist. | © Noah Wedel

Bielefeld Warum ist Fußball so populär? Bielefelder Professor gibt Antworten

Der Soziologe Tobias Werron hat Erklärungen für die weltweit unvergleichliche Faszination für die Sportart gefunden, die bisher nicht wirklich beachtet wurden und viel mit den Beobachtern selbst zu tun haben

Ansgar Mönter
23.06.2018 | Stand 22.06.2018, 17:26 Uhr

Bielefeld. „22 Mann rennen hinter einen Ball her". Mit diesem Satz, kombiniert mit einer wegwerfenden Handbewegung, degradierte die Mutter des Autors dieses Textes den Fußball. Recht hatte sie: Fußball ist profan. Trotzdem ist er die mit Abstand populärste Sportart der Welt. Warum nur? Darüber hat sich ein Bielefelder Professor Gedanken gemacht. Tobias Werron heißt der Mann, 47 Jahre alt und selbst fasziniert von Fußball. An der Uni befasst sich der Soziologe beruflich mit dem Phänomen. Zusammengefasst lautet die Erfolgsformel Fußball bei ihm so: Das Spiel kann jeder verstehen, kann von jedem gespielt werden, lässt sehr gut Leistungsvergleiche zu und liefert ohne Ende Stoff für spannende, heiße, lustige, absurde oder erstaunliche Erzählungen. »Nach der Erfindung der Telegrafie bildeten sich Ligen« „In welcher Sportart sonst ist es möglich, dass eine Mannschaft haushoch überlegen ist, 20 Torchancen hat, aber maximal Latte oder Pfosten trifft, der Gegner nur eine Chance hat, diese nutzt und gewinnt?", fragt Werron. Die Antwort: in keiner. Im Fußball vermasseln selbst Weltklassespieler hin und wieder eine Torchance, die sonst jede Oma genutzt hätte. Umgekehrt landen Schüsse aus unmöglichen Positionen im Tor oder Torhüter lassen Kullerbälle passieren. Das sind dann die Geschichten, die jeder sehen will und die, je nach Bedeutung, über Generationen erzählt werden. Diese ewigen Erzählungen, sind die Verbindung zum wissenschaftlichen Ansinnen des Soziologen. Er forscht die menschliche Neigung zum Vergleichen anhand des Sports. Das ist eine naheliegendes Feld. Ligen, Tabellen, Weltranglisten oder Weltmeisterschaften sind nichts anderes als permanente Leistungsvergleiche. „Meine These ist", sagt Werron, „das mit dem Aufkommen der Telegrafie, dem Internet des 19. Jahrhunderts, sich dieses vielschichtige Vergleichen etabliert hat. Ligen wurden gegründet, Wettbewerbe erfunden." Die erste WM gab es schließlich 1930. Mit der schnellen Nachrichtenübermittlung war es plötzlich möglich, sich im größeren Maßstab zu messen. Wettbewerbe entstanden und mit ihnen nahmen die professionellen Beobachter zu. Der Sportreporter wurde geboren. Damit setzte der Effekt ein, der sich aus sich selbst heraus nährt und befeuert: „Immer mehr Vergleiche erzeugen immer mehr Erzählungen, die wieder für neue Geschichten und Vergleiche sorgen", sagt Werron. Bei der WM ist das aktuell wieder gut zu beobachten. Alte WM-Geschichten kommen hoch, Statistiken vergleichen Teams, Spieler, Tore, Fouls, Ecken, Ergebnisse, Fehlschüsse. Mythen wie das entscheidende Wembley-Tor (es war keins!) von 1966 im Endspiel gegen England oder das 7:1 Deutschlands gegen Brasilien im Halbfinale 2014 sind für die Ewigkeit. Dabei ist das, was den Fußball zu einem menschenverbindenden Weltereignis hat werden lassen, bei einer anderen Sportart viel früher betrieben worden, wie Tobias Werron herausgefunden hat: „In den USA ist ab 1903 jede Handlung eines jeden Spielers verzeichnet worden." Und amerikanische Sportreporter sind exzessive Geschichtenerzähler. Aber Baseball taugt wohl nicht weltweit. Das geht nur mit 22 Mann, die hinter einen Ball herrennen.

realisiert durch evolver group