Angeblich jetzt "gute Lage": Die Siedlung Wellensiek (vorne) nahe der Uni, die eigentlich Wohnraum mit einfachem Standard bietet. Archiv - © Sarah Jonek
Angeblich jetzt "gute Lage": Die Siedlung Wellensiek (vorne) nahe der Uni, die eigentlich Wohnraum mit einfachem Standard bietet. Archiv | © Sarah Jonek

Bielefeld In Bielefeld drohen schmerzhafte Mieterhöhungen

Die Erwähnung der "Wohnlagenkarte" als Orientierungshilfe ermöglicht es Vermietern, den Quadratmeterpreis anzuheben, ohne dafür etwas machen zu müssen. Das ist passiert. Mieter wehren sich jetzt

Ansgar Mönter

Bielefeld. Rund 50 Mieter in der Siedlung Wellensiek haben unerfreuliche Post bekommen. Ihr Vermieter, die Aktiengesellschaft LEG, will mehr Geld: 48 Cent pro Quadratmeter. Mietern in Gellershagen und Baumheide ist es ebenso ergangen. Für viele ist das ein Schlag. Ob die Erhöhung gerechtfertigt ist, ist zweifelhaft. Betroffene zahlen trotzdem - aus Angst. Aber es formiert sich auch Widerstand. Schuld an der drohenden Misere ist ein Satz im Mietspiegel 2018, der Immobilienpreise und Miethöhen miteinander verknüpft. Er lautet: "Als Orientierungshilfe zur Einstufung der Wohnlage kann die Wohnlagenkarte des Gutachterausschusses in der Stadt Bielefeld herangezogen werden." Diese besagte Wohnlagenkarte stuft Wohngebiete der Stadt in die Kategorien einfach, normal, gut oder sehr gut ein. Aber: "In erster Linie ist sie für die Ermittlung von Immobilienpreisen gedacht", erklärt Bernd Vollmer (Linke). Einschätzungen des Ausschusses sind relevant Nun aber werden die Einschätzungen des Ausschusses für Mieter relevant. Denn eine Einstufung als "gut" erlaubt einen zusätzlichen Aufschlag auf die Miete von 48 Cent pro Quadratmeter, obwohl alle Faktoren für die Nettokaltmiete im Mietspiegel - auch die Lage - berücksichtigt werden. Vermieter können demnach mehr Geld verlangen, ohne einen Handschlag rühren zu müssen - nur aufgrund einer externen und "teilweise absolut nicht nachvollziehbaren Bewertung", wie Vollmer moniert. Er und seine Partei sprechen von Willkür. So sieht es auch Martina Keilbart. Sie sitzt dem Mieterbeirat der Siedlung Wellensiek vor. Der gründete sich vor einem Jahr und hat vor allem damit zu tun, die Rechte gegenüber Vermieter LEG einzufordern. Die Siedlung, vor 90 Jahren als Gartenstadt am Rande Bielefelds gegründet, ist ein Beispiel dafür, wie sich die Lage für Mieter auf dem Wohnungsmarkt verschlechtert hat. Jahrzehntelang war der Wellensiek im Besitz der Ravensberger Heimstätten, einem kommunal ansässigen Wohnungsbetrieb. "Bis dahin war es hier sehr familiär", berichtet Rosemarie Böttcher. Die 80-Jährige lebt seit ihrer Geburt dort. Klima zwischen Mietern und Vermieter hat sich getrübt Die fast 500 Wohneinheiten gingen dann vor zehn Jahren an die LEG, einst ein landeseigener Betrieb. Er übernahm die Heimstätten. 2013 ging die LEG an die Börse. Seitdem hat sich das Klima zwischen Mietern und Vermieter deutlich eingetrübt. "Die LEG versucht seitdem alles, um Mieterhöhungen durchzusetzen", sagt Keilbart. Sie vermutet eine Strategie dahinter. "Viele Ältere oder Kranke sind eingeschüchtert und zahlen." Wenn sich Mieter wehren und vor Gericht gehen wollen, zieht der Konzern meist seine Erhöhung wieder zurück. So war es auch bei Rosemarie Böttcher. "Ich habe früher bei Juristen gearbeitet, deswegen habe keine Angst", sagt die 80-Jährige. Sie wehrte die Mieterhöhung ab. Martina Keilbart kämpft für mehr Solidarität der Nachbarn, um stärker zu sein gegenüber der Aktiengesellschaft. Und sie fordert Unterstützung aus der Politik. "Wir wollen, dass das Land den Wohnungsnotstand ausruft", sagt sie. Dann könnte öffentlich geförderter Wohnraum nicht aus seiner Sozialbindung. Stadtrat, Land und Bund wurden kontaktiert. Die Linkspartei ist auf ihrer Seite. Sie brachte einen Antrag ganz im Sinne der wehrhaften Mieter im Rat ein. Der wird jetzt im Stadtentwicklungsausschuss beraten. Hilfe fordern Keilbart und die Mieter ebenso vom Jobcenter. Das soll Mieterhöhungen nicht akzeptieren, stattdessen sich eindeutig auf Seiten derer stellen, die sowieso kaum Geld übrig haben. Das Ziel ist klar: Der Mietspiegel 2018 soll zurückgezogen werden.

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