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Am Ende setzte er sich durch: Michael G. gewann vor dem Amtsgericht Bielefeld die Auseinandersetzung mit dem Wohnungsmarktriesen Vonovia. Der Streit zog sich über fast zweieinhalb Jahre hin und kostete ihn einige Nerven. - © Oliver Krato
Am Ende setzte er sich durch: Michael G. gewann vor dem Amtsgericht Bielefeld die Auseinandersetzung mit dem Wohnungsmarktriesen Vonovia. Der Streit zog sich über fast zweieinhalb Jahre hin und kostete ihn einige Nerven. | © Oliver Krato

Bielefeld Rechtsstreit mit Vonovia: Bielefelder Mieter wehrt sich erfolgreich gegen Mieterhöhung

Weil er eine Mieterhöhung von etwa 50 Prozent nicht akzeptieren wollte, ließ sich ein Arbeitsloser ohne Anwalt auf einen Rechtsstreit ein

Ansgar Mönter
06.06.2018 | Stand 06.06.2018, 20:50 Uhr

Bielefeld. Er ist erleichtert, aber noch ängstlich. Michael G. will deshalb nicht, dass sein Gesicht erkannt werden kann oder sein Nachname in der Zeitung steht. Er hat nervenaufreibende Jahre der Auseinandersetzung mit seinem Vermieter "Vonovia" hinter sich. Der wollte bei 292 Euro Kaltmiete eine Erhöhung um 160 Euro durchsetzen. Wegen "Modernisierung". G. wehrte sich tapfer - und siegte. Hier erzählt er seine Geschichte:

"Ich gehöre zu den Leuten, die früher immer dachten, ihnen könne Obdachlosigkeit keinesfalls drohen. Ich rauche nicht, trinke selten Alkohol. Bin schuldenfrei. Drogen lehne ich ab. Habe seit Jahren kein Haustier mehr. Ich bin seriöser Hartz-IV-Empfänger, über 60, leicht gehbehindert. Doch noch vor kurzem musste ich damit rechnen, tatsächlich obdachlos werden zu können. Und so kam es dazu:

Ich wohne seit 1966 in meiner Wohnung, anfangs mit meiner Mutter. Die Mietskaserne war früher geförderter Wohnraum, fiel irgendwann aus der Förderung und gehörte dennoch zum billigsten Wohnraum der Stadt. Es folgten Mieterhöhungen - ohne Renovierungen.

»Beim Durchblättern fielen mir Ungereimtheiten auf«

Dann bekam ich eine Modernisierungsankündigung mit dem Hinweis, dass meine Miete voraussichtlich um 180 Euro steigen werde. Viele Menschen wissen nicht, dass dies heute legal ist.

Beim Durchblättern meiner Modernisierungsankündigung fielen mir Ungereimtheiten auf: Wieso stehen da Modernisierungen, die bereits in den 1970er Jahren durchgeführt worden sind? Die Balkonbrüstung soll abgebrochen werden, eine neue Brüstung mit besserem Windschutz soll her.

Das habe ich in den 70ern fast wortwörtlich ebenso gelesen. Das sind keine Modernisierungen, sondern Instandhaltungen. Und dürfen nicht zur Mieterhöhung führen. So weit sind selbst die heutigen Lobbyisten-Gesetze noch nicht.

»Eine Mieterhöhung von 180 Euro käme einer Kündigung gleich«

Ich schrieb zurück: Eine Mieterhöhung von 180 Euro käme einer Kündigung gleich. Pünktlich bekam ich dennoch die Modernisierungsabrechnung. Die nun verlangte Erhöhung betrug 160 Euro oder 56 Prozent - immer noch zu hoch! Ich holte mir einen Beratungsschein für einen Anwalt. Der verlangte vom Vermieter schriftlich die zugrundeliegenden Rechnungen und die Nachweise zur Kontrolle. Ich wartete drei Monate. Nichts kam. Dann schrieb ich eigenhändig Briefe. Irgendwann bekam ich unfassbar klein kopierte und unlesbare Rechnungen zugeschickt. Der Vermieter gab vor, die Modernisierung hätte die Wohnungen in einen "ortsüblichen" Zustand versetzt. Härtefälle bräuchten deshalb nicht berücksichtigt zu werden. Ich bekam Zahlungsanweisungen und Mahnungen, zahlte aber nur die alte Miete und verlangte lesbare Rechnungen.

Mein Anwalt hatte mir gesagt, dass er für einen Beratungsschein knapp 100 Euro einnehmen könne. Kurz: Er kommt mit dem Beratungsschein nicht auf seine Kosten. Ein Vermieter, der clever ist, könnte auf die Idee kommen, den Anwalt länger hinzuhalten als notwendig, um seine Bereitwilligkeit, zum Nulltarif zu arbeiten, auszutesten. Eben das tat - so vermute ich wenigstens - mein Vermieter.

Ein Jahr, nachdem lesbare Nachweise angefordert wurden, kamen sie. Endlich. Aber sie waren unvollständig und unklar. Modernisierung und Instandhaltung wurden vermischt. Klar formuliert war nur die fristlose Kündigung, die Ende 2017 kam.

»Ich zog nicht aus, dafür vor Gericht«

Ich zog nicht aus, dafür vor Gericht - ohne Anwalt. Ich schrieb eine 15-seitige Begründung an den Richter und durchlebte eine Zeit hart an der Grenze des Aushaltbaren. Ich fühlte mich genötigt, eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, hatte Ängste, alles zu verlieren, denn der Streitwert war mittlerweile auf mehr als 5.000 Euro angewachsen.

Ich habe noch versucht, die anderen Mieter in unseren Häusern zu bewegen, gegen die Erhöhung vorzugehen. 68 Parteien gibt es. Zwei Nachbarn meldeten sich. Einer sagte, er stehe das nicht durch, der andere vergaß es am Ende.

Als der Richter das Urteil verkündete, war ich erleichtert. Es war nervenaufreibend, aber ich habe gewonnen. Entspannt bin ich jedoch noch nicht. Ich mache mir Sorgen, dass Vonovia wieder gegen mich vorgehen könnte."