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Tatort: Der Bulli des Täters kam von der Straße durch eine Lücke der Sperrpömpel (links oben) und raste dann in die Tischreihen der Außengastronomie. Dort, wo das Heck des Täterfahrzeugs stehenblieb (rechts vorne), stand der Tisch der Bielefelderin, die von dem Bulli mehrere Meter weggeschleudert und schwer verletzt wurde. - © Twitter
Tatort: Der Bulli des Täters kam von der Straße durch eine Lücke der Sperrpömpel (links oben) und raste dann in die Tischreihen der Außengastronomie. Dort, wo das Heck des Täterfahrzeugs stehenblieb (rechts vorne), stand der Tisch der Bielefelderin, die von dem Bulli mehrere Meter weggeschleudert und schwer verletzt wurde. | © Twitter

Bielefeld/Münster Amokfahrt in Münster: Wie eine Bielefelderin gegen ihr Trauma ankämpft

Belastungsstörung: Drei Bielefelder leiden seit der Tat in Münster unter dem Eindruck der Geschehnisse. 
Eine 36-Jährige berichtet von ihrer Angst vor Sonne und Lärm sowie dem Wunsch auf Verständnis

Jens Reichenbach
16.05.2018 | Stand 16.05.2018, 09:46 Uhr

Bielefeld/Münster. Am 7. April hat ein Amoktäter vor dem „Großen Kiepenkerl" in Münster mit seinem VW-Bulli das Leben von drei Menschen ausgelöscht. Unter den zahlreichen weiteren Opfern waren auch drei Bielefelder. Während ihre äußerlichen Verletzungen nach der Tat langsam heilen, kämpfen sie gegen das Trauma, das sie nicht mehr loszulassen scheint. Die 36-jährige Svenja (Name geändert) ist eine der drei Bielefelder, die zusammen in Münster einen Termin wahrnahmen und zum Mittagessen beim Kiepenkerl einkehrten. Das Täterfahrzeug erfasste Svenja von hinten und schleuderte sie mehrere Meter durch die Luft. Trotz schwerer Verletzungen eilte sie sofort den Schwerstverletzten und Sterbenden unter dem Bulli zu Hilfe. „Ich werde die Gesichter der Polizisten nicht mehr vergessen, die als Erstes eintrafen", erinnert sie sich. „Die waren wie Salzsäulen und ganz blass. Ihnen war anzusehen, dass hier etwas wirklich Schlimmes passiert war." "Für Svenja wirkt es, als wäre die Tat von Münster erst zwei Tage her" Fünf Wochen sind seitdem vergangen, doch für Svenja wirkt es, als wären es zwei oder drei Tage. Besonders, wenn das Wetter sonnig ist, wie an jenem Tag in Münster. „Gutes Wetter ist für mich ein großes Problem. Ich kann seitdem nicht mehr entspannt in der Sonne sitzen." Die 36-Jährige und ihre Freunde sind schwer traumatisiert. Psychiaterin Steffi Koch-Stoecker, stellvertretende Chefärztin der Psychiatrie in Bethel und Leiterin der Traumaambulanz, erklärt: „Der Körper vieler Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen reagiert sehr wachsam auf Details, die mit dem Trauma-Ereignis in Verbindung stehen." Das könne ein Käppi sein, dass jemand dort getragen hat. Das passiere aber auch mit Geräuschen oder Gerüchen. »Der Körper hat gelernt, dass das Leben maximale Unsicherheit bietet« Für Svenja ist Lärm seitdem eine unerträgliche Vorstellung – etwa durch eine größere Menschenmenge. Auch hört sie immer noch alles doppelt so laut. Jedes Detail am Kiepenkerl-Platz hat sie im Kopf. Koch-Stoecker spricht von einer physiologischen Übererregung: „Der Körper hat gelernt, dass das Leben maximale Unsicherheit bietet, und er reagiert mit erhöhter Wachsamkeit. Das strengt auf Dauer an und macht dünnhäutig." Ein laut aufheulender Motor löst bei ihr schlimme Flash-backs aus. „Dann geht sofort der Film wieder los", sagt sie. Ihren ersten Restaurantbesuch quittierte ihr Körper mit Schweißausbrüchen, Beklemmungsgefühlen und Herzrasen. „Ich finde es unerträglich, dass mir jemand Fremdes so die Lebensqualität kaputtmachen kann", sagt sie und betont: „Ich will deshalb umso mehr kämpfen, dass ich irgendwann mal wieder entspannt in einem Biergarten sitzen kann." Dafür muss sie sich zwingen, nach draußen zu gehen - immer wieder, auch gegen die Panikattacken und Schweißausbrüche. Ihre erste Fahrt im Auto hat sie geschafft. „Das hängt von der Tagesform ab", sagt sie. "Gestern wäre es nicht möglich gewesen." »Aktuell bin ich allein vom Wäscheholen völlig erschöpft« Und dann übt auch noch das persönliche Umfeld Druck aus: „Ein Kollege fragte, wann ich das Ganze denn nun verarbeitet hätte", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ihr Ziel, kommende Woche wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, war viel zu optimistisch. Jetzt hofft sie, im Sommer mit der Wiedereingliederung beginnen zu können. Vor ihr liege noch ein sehr weiter Weg. „Aktuell bin ich allein vom Wäscheholen völlig erschöpft." Für einen Amtsantrag, den sie sonst in 15 Minuten erledige, benötige sie nun zwei bis drei Tage. „Wenn etwas so Alltägliches mir noch solche Schwierigkeiten bereitet, dann bekomme ich Angst, wenn ich an meine Rückkehr ins Büro denke." Umso wichtiger finde es die 36-Jährige, dass alle wissen, dass sie sich nicht einfach so krankgemeldet habe – und dass die Heilung länger dauern werde. Ilse Haase vom Opferschutzverein „Weißer Ring" spricht von Unwissenheit und Unsicherheit bei vielen Angehörigen: „Komme ich mit einem Gips, hält mir jeder die Tür auf. Ein Trauma sieht man aber nicht", so Haase. „Vielen fehlt dafür das Verständnis." Angehörige sollten Geduld aufbringen - sich das Erlebte immer wieder anhören Viele Helfer forderten die Betroffenen irgendwann auf, nun endlich das Vergangene sein zu lassen. „Das wäre ein Fehler", betont Koch-Stoecker. „Ich rate, viel Geduld aufzubringen und sich – wenn nötig – das Erlebte immer wieder anzuhören." Eine Traumatisierung zu kurieren sei nicht planbar. „Meist wissen die Betroffenen selbst am besten, wann der nächste Schritt möglich ist." Ein Kollege sagte Svenja ganz ehrlich: „Ich wusste nicht, wie ich mit dir umgehen sollte." Sie antwortet: „Ein kleiner Spaziergang, das hilft. Es ist so toll, einfach über banale Dinge zu sprechen oder um den Block zu gehen." Wenn die anderen auf sie zugingen, sei das gut. Sie selbst werde noch nicht zum Telefon greifen. „Eine Kollegin hat mir einfach Blumen geschickt. Darüber habe ich mich unsagbar gefreut."

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