Massenschlägerei am Bahnhof: Zahlreiche Einsatzkräfte und gut eingespielte Einsatztaktik sind nötig, um gegen größere Gruppen vorzugehen, die sich - wie hier beispielsweise an der Tüte - gegen die Polizei solidarisiert haben. - © Sandra Kreutzer
Massenschlägerei am Bahnhof: Zahlreiche Einsatzkräfte und gut eingespielte Einsatztaktik sind nötig, um gegen größere Gruppen vorzugehen, die sich - wie hier beispielsweise an der Tüte - gegen die Polizei solidarisiert haben. | © Sandra Kreutzer

Bielefeld Bielefelder Experte: "Polizisten in NRW sind Gewalttätern nicht mehr gewachsen"

Kritik an Fortbildung: Experte Christian Hjort kritisiert realitätsfernes und seltenes Training. Auch ein internes Papier fordert "robustere Beamte". Trotzdem müssen privat trainierende Polizisten Konsequenzen fürchten

Jens Reichenbach

Bielefeld. Der Bielefelder Christian Hjort (33) ist freiberuflicher Einsatztrainer für Polizeibeamte. Er trainiert Polizisten, Justiz- und Zollbeamte. In Deutschland hat er sich damit einen guten Ruf erworben, rund 150 Beamte lernen bei ihm pro Jahr Zugriffstechniken, Kontrollgriffe, Psychologie und Interventionsmodelle. Dazu sagt der 33-Jährige: "Das ist teilweise dringend notwendig. Denn manche Beamte sind echt schlecht ausgebildet." Denn das dienstliche Training sei realitätsfern, statisch, ineffektiv und sei für die Beamten auf der Straße viel zu selten. "So ist die Polizei den Gewalttätern von heute nicht mehr gewachsen", sagt der Bielefelder, der neben Kampfsport eben auch ganz besondere Einsatztrainings für Polizisten anbietet. In einem RTL-Bericht, der im Januar ausgestrahlt wurde, bestätigten Polizisten, die vor der Kamera in Sturmhaube mit Hjort trainierten, diesen Eindruck: "Im Ernstfall würde ich wahrscheinlich alles treffen, nur nicht den Täter", sagt eine Frau über ihre Schusswaffenfertigkeit. Ein Mann ergänzt: "Es mag Kollegen geben, denen das reicht. Aber ich habe hier gemerkt, dass nichts, was ich gelernt habe, umsetzbar ist." Sie kommen zu Hjort, weil sie im Einsatz "vermöbelt wurden" Seine Kursteilnehmer, die auf eigene Kosten seine Kurse besuchen, kommen laut Hjort aus ganz Deutschland - "aus Düsseldorf, Dortmund, Hamburg, Berlin, es sind Bundes- und Landespolizisten dabei". Es seien Beamte, die von kampferprobten Tätern vermöbelt wurden oder denen aus anderen Gründen der "Arsch auf Grundeis" gehe, sagt der Trainer, der nicht ohne Stolz auf Referenzen von Berliner Polizeitrainern und einem Personenschutz-Kommandoführer der UN verweist. Doch aus der Bielefelder Behörde verspürt er seit vergangener Woche ernsten Gegenwind. Ein Brief der Polizeipräsidentin fordert den 33-Jährigen auf, die Namen der Beamten zu nennen, die in dem Fernsehbericht maskiert auftraten. Auch dass Beamte in einem Werbevideo seines "Alpha Sports Clubs" erscheinen, sei ohne Genehmigung geschehen (siehe Info-Kasten). Wolfgang Beus, Sprecher des NRW-Innenministeriums, betont: "Privates Einsatztraining ist den Beamten im Gegensatz zum Fitnesstraining nicht erlaubt." Die Ausbildung solle einheitlich sein. So seien Angriffe gegen den Hals, wie in dem Werbevideo zu sehen, nicht erwünscht. 14.505 Beamte in NRW wurden 2017 gewalttätig angegriffen "Die Angreifer von heute sind ein anderes Kaliber", entgegnet Hjort. "Immer öfter werden Beamte sogar mit Messern verletzt. Und zwar nicht - wie im Training - aus großer Distanz und mit langer Vorbereitungszeit, sondern in engen Sozialwohnungen oder im Tumult." Wer solche Situationen nicht immer wieder trainiere und verinnerliche, sei überfordert. Die Folge: Die Beamten griffen schneller zum Schlagstock und prügelten los. "Und das sieht erst recht nicht gut aus." Hjort wolle die Polizei nicht schlechtmachen, sondern die Guten schützen. Tatsächlich ist die Zahl der Angriffe auf Polizeibeamte in NRW in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent angestiegen. 2017 wurden 14.505 Polizeibeamte bei 7.058 Widerstandshandlungen angegriffen. Arnold Plickert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW: "Die Kollegen werden getreten, geschlagen, geschubst und mit Gegenständen attackiert, nur weil sie eine Uniform tragen." Internes Behördenpaier: »Polizei muss an Robustheit deutlich zulegen« Dass dies passiert, weil "viele Beamte mit trainierten Gewalttätern überfordert sind", wie Hjort glaubt, bestreitet das Ministerium: "Das Trainingskonzept wird von der überwiegenden Zahl der Teilnehmer akzeptiert und als praxistauglich empfunden", sagt Beus. Es werde großer Wert auf realistische Bedingungen gelegt. Dennoch räumt das Ministerium ein: "Die Möglichkeiten, den Einsatzalltag in seiner ganzen Wucht abzubilden, sind durch Arbeitsschutzvorschriften begrenzt." Dass der Innenminister tatsächlich derzeit das Fortbildungskonzept der Polizei NRW auf den Prüfstand stellt, so Beus, sei ein automatischer Vorgang. Dennoch: Ein internes Polizei-Papier fordert nach monatelanger Arbeit hochrangiger Beamter: "Die Polizei NRW muss an Konsequenz, Stabilität, Führungsstärke und Robustheit deutlich zulegen!" "Keinesfalls darf die Polizei als Opfer wahrgenommen werden" Beus nennt es eine Diskussionsgrundlage. Dort ist zu lesen: "Keinesfalls darf es dazu kommen, dass die Polizei NRW in der Öffentlichkeit in eine Opferrolle gedrängt wird oder als Opfer wahrgenommen wird." 75 Prozent der Angriffe auf Polizisten betrafen Kollegen des Wachdienstes, die in der Regel als erstes bei Prügeleien oder eskalierender häuslicher Gewalt eintreffen, so Plickert. Auch er fordert mehr Schieß- und Einsatztraining - besonders für den Wachdienst. "Wir haben Probleme, alle Kollegen zum Schieß- und Einsatztraining zu bekommen. Es kommt vor, dass Beamte nicht alle 12 Monate zum Schießtraining gehen, sondern bis zu 18 Monate warten müssen", kritisiert Plickert. In Bielefeld sind laut Polizeisprecherin Sonja Rehmert 2017 mehr als 90 Prozent der Beamten ihren Verpflichtungen für Schieß- und Einsatztrainings (30 Stunden pro Jahr) nachgekommen. Im Landesvergleich stehe man damit gut da. Wie wertvoll das Training aus Sicht der Beamten war, das verrät die Behörde nicht.

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