Bielefeld 70 Prozent: "Die Fahrradbranche versteift sich auf E-Bikes"

Der motorisierte Antrieb bringt viele Menschen zurück aufs Rad - wird aber nicht nur positiv gesehen. 4.000 Menschen schauen sich auf der Drahtesel-Messe in der Stadthalle um

Ingo Kalischek

Bielefeld. Verschmutzte Luft, Diesel-Fahrverbote, Staus: Eigentlich müssten sich Fahrrad-Händler dieser Tage vor Freude die Hände reiben; bieten sie doch eine saubere Alternative zum mancherorts harsch kritisierten (Diesel-)Auto an. Bei der Drahtesel-Messe in der Bielefelder Stadthalle aber hielt sich die Nachfrage zumindest am vergangenen Samstagnachmittag in Grenzen. "Ich habe mit mehr Besuchern gerechnet", sagt Gisbert Herrmann aus Barntrup. Der 78-Jährige ist Besucher und Aussteller zugleich: Mit seinem Laufrad ohne Pedale ist er extra nach Bielefeld "gelaufen", um sich auf der Messe umzuschauen. Sein Eindruck: "Die Branche versteift sich auf E-Bikes. Das ist schade." Zwar sei es gut, dass durch den Batterie-Antrieb vor allem mehr ältere Menschen aufs Rad stiegen. Aber: "Sie werden dadurch eben auch sehr bequem", sagt Herrmann. Und: "Die Kosten für die Räder sind gigantisch." Welche Fahrrad-Typen sind aktuell noch gefragt? Ein Überblick. Seltene Männerspielzeuge für Männer Ein "Crosstrainer auf Rädern" ist seit 2012 das sogenannte Elliptigo. Der Nutzer steht auf dem Rad - "das ist wie Laufen ohne Stoßbewegung", sagt Elliptigo-Geschäftsführer Stefan Pöpper. Es eignet sich vor allem für Menschen mit Gelenkproblemen. Kosten: 1.000 bis 3.500 Euro. Wie auf einem Motorrad "Chopper" sitzt man auf dem schwarz-grünen City-Bike von Andre Gaus: aufrechter Sitz, stabiles Kompaktrad, breite Räder - mit E-Batterie. Reichweite: rund 120 Kilometer. Kosten: 2.700 Euro. Gebrauchte Rennräder ab 500 Euro bietet Nico Sommer an. "Das sind seltene Männerspielzeuge für Einsteiger." Die meisten sind drei bis zehn Jahre alt - auf ihnen schafft man es bis zu 50 Kilometer in der Stunde. Alter der Zielgruppe: ab Mitte 20. 10.000 Euro für elektrische Mountainbike-Variante Ein Rad als Gepäckstück unterm Arm? "Kein Problem", sagt Nicolas Pieper von "Feine Räder" aus Bielefeld. Das hellblaue Rad lässt sich leicht zusammenklappen - und wiegt rund sieben Kilogramm. Interessant ist das Mini-Rad vor allem für Pendler, die nicht mehr als 140 Kilogramm wiegen. Preis: rund 2.000 Euro. Für eine ausgiebige Tour durch den Teuto bietet sich natürlich ein Mountainbike an. Das gibt's bei "Raddesign" aus Bielefeld ab 500 Euro. Meist kauften es Männer, sagt Mathis Unnerstall. Immer mehr Kunden interessierten sich für die E-Variante des Mountainbikes. Die koste bis zu 10.000 Euro. Aber: "Die E-Version ist natürlich schwerer und deshalb fliegt man damit bei Sprüngen nicht so gut", gibt Unnerstall zu bedenken. Kurz gefragt Herr Eigenrauch, Sie veranstalten die Drahtesel-Messe seit sieben Jahren. Was hat sich verändert? Ralf Eigenrauch: Das Geschäft läuft fast komplett auf den Bereich E-Bike hinaus. Bereits heute macht er schätzungsweise 70 Prozent aus. Wie wirkt sich das auf Händler aus? Eigenrauch: Dem Preis sind nach oben keine Grenzen mehr gesetzt. 4.000 Euro für ein gutes E-Bike sind heute normal. Ich habe als Kind ein Rad für 250 D-Mark bekommen – und war glücklich. Mit dieser Entwicklung hätte ich nie gerechnet. Für wen eignet sich die Drahtesel-Messe? Eigenrauch: Für eine spezielle Zielgruppe – Menschen, die bewusst auf der Suche nach einem Rad, Zubehör und Infos sind. Die Nachfrage an diesem Wochenende ist groß. Ist Bielefeld eine Fahrrad-Stadt? Eigenrauch: Wir sind nicht Münster, aber es gibt hier viele kompetente Händler und Aussteller – mit historischen Namen. Beim Radwege-Angebot in der Stadt gibt es aber noch eine Menge Luft nach oben.

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