Stellvertretender JVA-Leiter: Martin Wulfert. - © Jens Reichenbach
Stellvertretender JVA-Leiter: Martin Wulfert. | © Jens Reichenbach

Bielefeld Überbelegt: So voll war es in der JVA Brackwede noch nie

Ungewöhnlich: Mauerwürfe mit Drogen und ein Häftling, der seit 37 Jahren sitzt

Jens Reichenbach

Bielefeld. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede ist so voll besetzt wie noch nie. Die JVA verfügt über 542 Zellen - 68 davon für Frauen. Doch im vergangenen Jahr mussten Anstaltsleiter Uwe Nelle-Cornelsen und seine 326 Angestellten 3.088 Gefangene neu im geschlossenen Vollzug aufnehmen. Das führte zu einer täglichen Überbelegung, die im Schnitt noch einmal 1,4 Prozent höher lag als im Vorjahr, sagte er anlässlich der Jahresbilanz. Bei steigender Tendenz: Gestern saßen 557 Gefangene ein. Kapazitätsmangel "Wir betreiben jeden Tag Krisenmanagement. Wir fragen jeden Tag: Wo kriegen wir die noch unter?", klagt Nelle-Cornelsen. Teilweise könne die nötige Tätertrennung nicht gewährleistet werden. Die erhoffte Entspannung Anfang des Jahres durch die Wiedereröffnung eines Teils der JVA Münster, die wegen Einsturzgefahr geschlossen werden musste, sei längst verpufft. "Wir konnten Anfang des Jahres 30 Gefangene abgeben", sagt der Gefängnisdirektor. In kürzester Zeit habe man diese Zahl wieder aufgeholt. Problem: Die umgewidmeten Funktionsräume dürfen nicht mehr genutzt werden - aus Brandschutz-, aber auch aus Sicherheitsgründen. Inzwischen müssten Insassen immer wieder an andere Anstalten abgegeben werden. Neues Hafthaus Umso dringender warten die Verantwortlichen auf den Baubeginn des neuen Hafthauses, das ein Plus von 130 Zellen bringen soll. Das Ziel für die Fertigstellung lag im Sommer 2019. Doch schon jetzt läge die zuständige BLB Münster mindestens vier Monate hinter dem Plan, so Nelle-Cornelsen. Weitere Verzögerungen wären nicht überraschend, hört man. Dringende Sanierung Das ist besonders ärgerlich, weil die Substanz der übrigen, 40 Jahre alten Gebäude angegriffen ist. Die Fassaden müssen aus Sicherheitsgründen dringend saniert werden. Experten befürchten bei anhaltender Steigerung der Gefangenenzahlen, dass die 130 neuen Zellen nach Fertigstellung sofort mit Gefangenen aus der Überbelegung gefüllt werden. Dabei sei das neue Hafthaus 8 für die Zeit der Fassadensanierung als Ausweichquartier für die Insassen aus den alten Hafthäusern geplant gewesen. Nationen-Mix Gut 42 Prozent der Inhaftierten sind Ausländer, weitere 16 Prozent sind Deutsche, die im Ausland geboren wurden. Die ausländischen Gefangenen kommen aus 42 Nationen - davon die meisten aus Georgien (30), der Türkei (24), Polen (21) und je 12 aus Marokko, Algerien, Albanien und Serbien. "Georgier treten seit 2016 in dieser Größenordnung als neue Klientel im Vollzug auf", berichtet der stellvertretende JVA-Leiter Martin Wulfert. Hier handele es sich vornehmlich um reisende Einbrecher, die bandenmäßig organisiert sind. "Für uns ist das eine sehr schwer zugängliche Klientel." Längste Haftzeit Ein 62-jähriger Mann sitzt fast schon seit der JVA-Eröffnung vor 40 Jahren. Er kam drei Jahre später und hat inzwischen 37 Jahre in der JVA erlebt. Tragisch: "Er ist sehr umgänglich und durchaus in der Lage, draußen zurechtzukommen", sagte Matthias Blomeier vom JVA-Beirat. Aber der Mann, der wegen Mordes inhaftiert ist, bestehe aus unerfindlichen Gründen auf einer Entlassung aus dem geschlossenen Vollzug. Entlassungsbedingung sei aber eine Bewährungsphase im offenen Vollzug. Trotz der wiederholten Empfehlung der JVA-Leitung, ihn direkt aus dem geschlossenen Vollzug zu entlassen, kam es stets zu Schwierigkeiten. "Er provozierte immer wieder Vorfälle, um nicht rauszukommen", so Nelle-Cornelsen. "Vielleicht will er gar nicht mehr raus." Kuriose Drogenwürfe 948 männliche und 199 weibliche Gefangene gelten in der JVA als suchtgefährdet. "Das sind ein Drittel der Männer und zwei Drittel der Frauen bei uns", sagt Nelle-Cornelsen. Kein Wunder, dass die Justizbeamten immer wieder Drogen finden. 2017 gab es 30 Betäubungsmittelfunde. Dabei sorgten Anfang des Jahres drei große, identisch verpackte Drogenpakete für Aufsehen, die vermutlich über die Mauer geworfen wurden. Sie beinhalteten neben einer großen Menge Drogen auch Handys. Die Vermutung, dass die Täter dafür eine Drohne eingesetzt haben, konnte nicht bestätigt werden. "Es wurde jedenfalls keine gesichtet", so Wulfert. Der identifizierte Empfänger der Pakete, der in der "Knasthierarchie" sehr weit oben stehe und über die nötigen finanziellen Mittel und eine entsprechende Infrastruktur im Knast verfüge, wollte die Pakete mit einer selbstgebauten Angel in seine Zelle holen. Das misslang. Wie viele solcher Pakete unbemerkt den Weg in das Gefängnis fanden, ist unbekannt.

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