Unattraktiv: Eine schmale Radspur direkt neben dem motorisierten Individualverkehr. - © Arne Dedert
Unattraktiv: Eine schmale Radspur direkt neben dem motorisierten Individualverkehr. | © Arne Dedert

Bielefeld Fahrradaktivisten fordern "Radentscheid" für Bielefeld

Berlin und Bamberg haben's vorgemacht - nun denken auch hier Fahrradaktivisten über ein Volksbegehren für eine Mobilitätswende nach

22.02.2018 | Stand 22.02.2018, 18:25 Uhr

Bielefeld (ste). Verstopfte Straßen, verpestete Luft, unzureichende Parkflächen und mangelnde Sicherheit für die "schwächeren" Verkehrsteilnehmer - viele Städte machen sich Gedanken über eine modifizierte, vorausschauende und emissionsarme Verkehrspolitik. Auch in Bielefeld gibt es diese Diskussionen - Stichwort: Stickoxid am Jahnplatz. Die Initiative "Transition Town" hat nun gemeinsam mit dem ADFC und anderen Organisationen zu einem Infoabend in die Bürgerwache am Siegfriedplatz geladen, um aufzuzeigen, wie ein Bürgerentscheid für neue Wege in der Verkehrsplanung ausschauen kann. In Berlin, so Referent Michael Schemm, begehrte das Volk in einem "Radentscheid" 2017 auf: die Initiatoren formulierten einen 10-Punkte-Katalog (Fahrradstraßen, Schulwegrouten, etc.) und sammelten Unterschriften. 20.000 mussten sie in einem halben Jahr zusammenbekommen, um die (politisch) erste Stufe für einen Volksentscheid zu erklimmen - 105.000 bekamen sie in der ersten drei Wochen. Ein ähnliches Bild in der Stadt Bamberg: Auch dort haben Initiativen diese Idee aufgegriffen und der dortige Radentscheid fußt auf der Rechtsgrundlage der Instrumente Bürgerbegehren und Bürgerentscheid für Kommunen in Bayern. Der Bamberger Stadtrat, so ist es dort angekündigt, wird nun ein Maßnahmenpaket schnüren. Die bayerischen Mobilitätswende-Aktivisten prophezeiten nach ihrem Erfolg bereits eine Strahlkraft auf andere Städte in Deutschland. Bis nach Bielefeld ist diese Kraft gekommen - ein durchaus fruchtbarer Boden für plebiszitäre Einflussnahme, für "direkte Demokratie" wie etwa in Sachen Freibad Gadderbaum, Stadtbahnlinie 5. Was nun in so ein Maßnahmenpaket gehören könnte, erläuterte anschaulich der Gadderbaumer Radaktivist Daniel Mörchen, der schon den "Grünen Pfeil für Fahrradfahrer" an der Kreuzung Artur-Ladebeck-Straße/Haller Weg initiierte (Stellungnahme dazu heute in der BZV Gadderbaum). Mörchen brachte Bilder aus aller Herren Länder mit, die zeigten, dass es mitunter nur einfacher Mittel bedarf, Radfahren in der City sicherer und attraktiver zu machen. Mittel, die wirken: In Portland, im US-Staat Oregon trennte man Rad- und Kraftverkehrswege mit Blumenkübel, das sieht nicht nur schick aus, sondern ließ den Anteil an Pedaleuren in wenigen Jahren von null auf sieben Prozent steigen; in Seattle, im Nordwesten der USA, nahm man den Pinsel in die Hand und malte Kreuzungsmarkierungen auf die Straße, die den Autofahrer nötigten, eine scharfe 90 Grad-Wende beim abbiegen zu machen, der notwendige, aber oft vergessene Schulterblick des Kraftfahrers entfällt dadurch. In Kopenhagen verfuhren die Verkehrsplaner gnadenlos rigoros und bauten konsequent Jahr für Jahr zwei Prozent Parkraum für Autos in der Innenstadt ab - mit Erfolg: der Kopenhagener hat nun gar keine Lust mehr weitere Wege vom Auto in die City zu machen, er nimmt nun das Rad oder nutzt den ÖPNV. Eine weitere Möglichkeit, so Mörchen, ist eine "protected bike lane", eine gesicherte, vom motorisiertem Verkehr getrennte und breite Radspur, die an diversen Einfallstraßen in Bielefeld realisiert werden könnte, etwa der Detmolder-, Herforder- oder Eckendorfer Straße. An der Stapenhorstraße eher nicht, denn, so der Zwischenruf eines Zuhörers "dann könnten dort keine Autos mehr fahren". "Wie bewegt man die Stadt und den Bürger dazu, neu zu denken? Und wie reduziert man "fehlertolerante Infrastruktur im Verkehrswegenetz", mit diesen Fragen beschäftigt sich das neu konstituierte "Mobilitätsnetzwerk Bielefeld", das am Abend in der Bürgerwache seinen ersten Auftritt hatte. Das Netzwerk wird versuchen, die Bürger in Sachen "Verkehr der Zukunft" zu sensibilisieren und sie werden versuchen, einen "Radentscheid für Bielefeld" in die Fahrspur zu bringen.

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