Bielefeld Smartes Start-up wächst rasant mit Mining-Software

Gründer: Die Firma Semalytix liefert Unternehmen zu konkreten Fragestellungen Auswertungen der Gesamt-Konversation im Netz

Sebastian Kaiser
In der alten Boge-Fabrik: Janik Jaskolski und Philipp Cimiano (v.l.), Mitgründer der jungen Firma Semalytix, analysieren für Unternehmen aus der ganzen Welt, wie im Internet auf bestimmte Entwicklungen reagiert wird. Im Hintergrund: Ihre Kollegen arbeiten an gemeinsamen Tischen oder in bequemen Sofas. - © Wolfgang Rudolf
In der alten Boge-Fabrik: Janik Jaskolski und Philipp Cimiano (v.l.), Mitgründer der jungen Firma Semalytix, analysieren für Unternehmen aus der ganzen Welt, wie im Internet auf bestimmte Entwicklungen reagiert wird. Im Hintergrund: Ihre Kollegen arbeiten an gemeinsamen Tischen oder in bequemen Sofas. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld. Milliarden von Dokumenten - von der Kurznachricht im Online-Dienst Twitter bis zu umfangreichen wissenschaftlichen Studien - schwirren durchs Internet. Lassen sich daraus Informationen destillieren, mit denen Unternehmen Geld verdienen können? Ja, sagen die Gründer der Semalytix GmbH. Drei Jahre nach dem Beginn als Start-up sind sie auf dem Weg zum IT-Unternehmen.

Mit Hilfe von Algorithmen - digitalisierten Instrumenten, mit denen man Muster und Zusammenhänge erkennen kann - haben sie ständig "ein Ohr" am Netz. Und sie haben Kunden, die wissen wollen, was es in sozialen Medien, Fachforen oder Nachrichtenkanälen zu erfahren gibt.

Grob vereinfacht gesagt, hat Semalytix eine intelligente Software entwickelt, mit der Computer Texte lesen und verstehen. "Wir können sogar feststellen, ob Aussagen emotional sind, beispielsweise positive Bewertungen beinhalten", sagt Mitgründer Janik Jaskolski. Zudem trennt die Software relevante von unwichtigen Informationen. Sie erkennt beispielsweise, ob es in Texten um das Tier Krebs oder die Krankheit Krebs geht.

Von der Uni zum eigenen Unternehmen

Was haben Unternehmen davon? Jaskolski nennt ein Beispiel: "Hat eine Firma etwa ein neues Medikament auf den Markt gebracht, können wir feststellen, wie es von Patienten und Medizinern beurteilt wird." Die Erkenntnisse ergänzten offizielle Aussagen und Umfragen. "Wir liefern eine umfassende Auswertung der Gesamtheit der Online-Konversation und bereiten die Ergebnisse gut fassbar mit Grafiken oder in Tabellenform auf", so Jaskolski. "Die Firma kann so erfahren, ob Ärzte beispielsweise noch weiter Informationen brauchen, um das Medikament häufiger zu verschreiben."

Rund 1,3 Milliarden Dokumente im Internet hat Semalytix bisher für seine Auftraggeber durchforstet. Data-Mining nennt sich das Schürfen nach den im Netz verborgenen Informationen. Das ermögliche Unternehmen auch, schneller zu werden, rascher auf die Konkurrenz zu reagieren oder neue Geschäftsmodelle zu entwickeln", so Mitgründer Philipp Cimiano, Professor an der Universität Bielefeld.

Ein Praktikum führte zur Idee

Hervorgegangen ist Semalytix aus einer Forschungsgruppe am CITEC (Cognitive Interaction Technology Excellence Cluster) der Universität. Den Anstoß, wissenschaftliche Forschung praktisch zu nutzen, bekam Janik Jaskolski während eines Praktikumsprojektes in einem Pharmaunternehmen.

Semalytix arbeitet zu 90 Prozent für die Arzneimittelbranche. Auch einige Auftraggeber aus der Finanzbranche lassen sich von Semalytix "Entscheidungshilfen und zusätzliche Perspektiven" liefern.

120.000 Euro im ersten Jahr

"Wir hatten von Anfang an Auftraggeber und haben uns selbst finanziert. Das unterscheidet uns von anderen Start-ups", sagt Jaskolski. Die junge Firma ist schnell gewachsen. Sie begann 2015 mit vier Mitarbeitern. Im letzten Jahren waren es bereits 28. "Inzwischen suchen wir bundesweit nach Talenten", sagt Cimiano. Auch die Umsatzentwicklung verlief rasant. Waren es im ersten Jahr 120.000 Euro, verdoppelte sich die Summe 2016. Im letzten Jahr sprang der Umsatz auf rund eine Million Euro.

90 Prozent der Aufträge gab es bisher durch Mund-zu-Mund-Propaganda. "Dabei ging es um konkrete Projekte für Kunden", sagt Jaskolski. "Nun wollen wir weiter wachsen", verkündigt Philipp Cimiano. Zwar sei die Konkurrenz gering, doch man wolle Marketing- und Vertriebskapazitäten aufbauen, um für potenzielle Kunden "sichtbarer" zu werden.

Denn Semalytix will vom Projekt zum Produkt, will ein digitales Analysewerkzeug entwickeln, das man verkaufen kann und mit dem Kunden selbst arbeiten können. Dafür sei auch Fremdkapital, als "Initialinvestment" notwendig. "Wir möchten in den nächsten zwei Jahren die erste Version eines Analysetools vorstellen", sagen Jaskolski und Cimiano.

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