Noch im Pioneers Club: Jonathan Maycock und Co. wollen personell aufstocken - und ausziehen. Ins Nachbargebäude. - © Wolfgang Rudolf
Noch im Pioneers Club: Jonathan Maycock und Co. wollen personell aufstocken - und ausziehen. Ins Nachbargebäude. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bitcoin-Handel im Internet: Bielefelder entwickeln Börsen-Software für Kryptowährungen

Start-up: Mit dem Programm des Jungunternehmens Margin kann man digitale Münzen kaufen und verkaufen. Das Geschäft brummt - dabei stecke die Branche noch in den Kinderschuhen

Bielefeld. Bitcoins sind nur was für Computer-Experten, hieß es noch 2013. Damals zahlte man im Internet pro digitale Münze 60 Euro. Jetzt kosten sie mehr als 6.000, der Rekord lag sogar bei 15.000. Enorme Nachfrage von Spekulanten trieb den Kurs. Das Auf und Ab merkt Jonathan Maycock unmittelbar: Seine Firma programmiert Handels-Software, mit der man Bitcoins und andere sogenannte Kryptowährungen kaufen und verkaufen kann. Das Geschäft brummt, sagt er - und der Standort im Pioneers Club sei bereits zu klein. Maycock, 40 Jahre alt, ist gebürtiger Ire. Typ sachlicher Analytiker, kein emotionaler Börsenzocker, der sich Nächte vorm PC um die Ohren schlägt. Er ist Doktor der Physik und kam nach dem Studium 2008 aus privaten Gründen nach Bielefeld. Im Citec, dem Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie der Uni Bielefeld, forschte er zunächst etwa im Bereich Robotik. Geschäftsidee kam beim Klicken durch  Online-Börsen Im Jahr 2013 änderte sich dann alles: "Ich habe das Bitcoin-Weißbuch gelesen - und war fasziniert", erzählt Maycock. In Weißbüchern der IT-Branche halten Entwickler für ihr Produkt kurz und knapp technische Rahmendaten und Fernziele fest (s. Infokasten). "Mit Bitcoins werden Banken für die Menschen überflüssig, denn Geld kann in Sekunden von einem virtuellen Portemonnaie zum anderen überwiesen werden", so Maycock. "Das neue Zahlungsmittel ist eine Revolution." Die Identität des Bitcoin-Erfinders ist zwar noch unbekannt, "aber wenn er sich mal erkenntlich zeigt, erhält er einen Nobelpreis". Zunächst investierte Maycock selbst ein paar Euro. Beim Klicken durch Online-Handelsbörsen war er dann aber ernüchtert. "Alle sahen billig und unübersichtlich aus, liefen langsam und funktionierten unterschiedlich." In das Gefrickel rund um Balken-Charts und Zahlenwust fuchst sich Otto Normalanleger bestimmt nicht rein, dachte sich Maycock. Es fehlte quasi ein Industriestandard für den Bitcoin-Handel. Startschuss 2014 Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten die Informatiker René Tünnermann und Christof Elbrechter, die Maycock am Citec kennengelernt hatte, bereits an einer Bitcoin-Geschäftsidee. Die drei wurden Partner. Sie kreierten gemeinsam ein Programm, das schnell, schick und leicht zu verstehen sein sollte. Im Mai 2014 gründete das Team das Unternehmen Margin. Für zwei Jahre waren sie für Margin zunächst in der Freizeit und nach Feierabend im Einsatz, 2016 ging Maycock dann als Erster in die Vollen: Er verließ das Citec und machte im September bei der Premiere des Start-up-Camps der frisch gestarteten Founders Foundation mit. Für die OWL-Initiative, die Jungunternehmer unterstützt, wurde Margin das allererste Förderprojekt. Mehr als 3.000 Kunden Genau wie die Firma heißt auch die Handels-Plattform. Macht man sie an, flackern auf dem Bildschirm Kurse und Grafiken in Echtzeit wie beim Börsenprofi. Mehr als 3.000 Kunden arbeiten mit dem High-Tech-Programm, sagt Jonathan Maycock. Für neun Online-Börsen könne man es nutzen. Deutsche seien noch scheu: "Nur drei Prozent der Lizenzen verkaufen wir auf dem Heimatmarkt." Ganz vorne liege die USA. Zu neunt tüfteln Maycock und Co. im Pioneers Club an der Ritterstraße derzeit am Feinschliff. "Bis Sommer sollen es 20 Angestellte werden." Neue Räume im Nachbarhaus seien schon angemietet. Großkapital kommt Auch woanders herrsche beim Schlagwort Bitcoin trotz des jüngsten Kurseinbruchs Goldgräberstimmung: Das Großkapital hat Witterung aufgenommen. Banken wollen Margin-Mitarbeiter abwerben, millionenschwere Risikokapitalgeber wollen in die Firma einsteigen, berichtet Maycock. Der Markt stecke aber "in den Kinderschuhen". Bei einem Uni-Vortrag vor 400 Informatik-Studenten fragte Maycock im Dezember, wie viele der Anwesenden denn überhaupt schonmal Bitcoins gekauft hätten. Ein einziger meldete sich. Prognosen zum Bitcoinpreis mag Maycock nicht abgeben, langfristig durchsetzen werde sich das nur begrenzt vorhandene "digitale Gold" aber. Auch wenn Staaten wie Südkorea nun schon überlegen, den Bitcoin-Handel zu untersagen? "Ja", sagt Maycock mit Nachdruck. "Das ist wie beim Elektro-Auto. Das gab's schon seit den 80ern. Die Öl-Industrie hat Jahrzehnte alles versucht, um marktreife Produkte zu verhindern." Das klappte zunächst - "und dann kam Tesla". Der amerikanische Autohersteller krempelte den Markt um und scheucht Etablierte wie VW und Daimler vor sich her. Keine Regulierung, kein Verbot könne gute Ideen dauerhaft unterdrücken, so Maycock. Zeit zum Handeln hat Maycock selbst derzeit übrigens kaum noch. Die Arbeit laste ihn aus, daheim warten Frau und zwei Kinder. Bei etlichen Börsen sei er aber angemeldet, sagt Maycock und fügt schmunzelnd an: "Zu Testzwecken. Zumindest hauptsächlich."

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