Arbeiten von 8 bis 13 Uhr: In der Bielefelder Agentur von Lasse Rheingans ist das seit ein paar Monaten Realität. - © az
Arbeiten von 8 bis 13 Uhr: In der Bielefelder Agentur von Lasse Rheingans ist das seit ein paar Monaten Realität. | © az

Bielefeld Drei Monate nach dem Start: Fünf-Stunden-Tag in Bielefelder Agentur wird fortgesetzt

Bundesweit einmaliger Versuch: Unternehmer Lasse Rheingans hat mit seinem Fünf-Stunden-Tag für Aufsehen gesorgt. Bisher zieht er ein positives Fazit.

Kurt Ehmke

Bielefeld. Leichtfertig wirkt es nicht, wenn Lasse Rheingans sagt: "Wir werden am Modell Fünf-Stunden-Tag festhalten - es ist gut für uns". Denn: Der Unternehmer steigt nicht voll aufs Gaspedal und behauptet, dass nach drei Monaten alles klar sei, alles bestens laufe, alles Gold sei. Im Gegenteil: Rheingans stellt fest, dass drei Monate für einen qualifizierten Blick auf Umsatzentwicklung, Krankheitstage und Zufriedenheit nicht ausreichen. Zumal in der Testzeit Weihnachten lag und es drei graue Wintermonate waren. Fakt ist für ihn: Bisher lief es weitgehend gut. Spannend sei, welche gewaltige Aufmerksamkeit es national und international gab - "das spricht dafür, wie relevant das Thema für viele Menschen ist". Rheingans steigert das Wort sogar in "superrelevant". Verständlich, geht es doch um Arbeitswelten und ihre Organisation, ihre Eckdaten und Koordinaten. "Das Team steht voll dahinter" Er prüft nun, wie er arbeitsrechtlich den bisher auf vier Monate bis Ende Februar angelegten Versuch des Fünf-Stunden-Tages bei voller Bezahlung absichern kann. Ihm schwebt vor, den Versuch zeitlich deutlich auszudehnen. Fakt sei: Der Umsatz erlaube das, er selbst wolle es und "das Team steht voll dahinter". Der Medien-Hype - zuletzt waren ZDF und Zeit vor Ort - ist ungebrochen, aber auch viele andere Akteure haben sich an ihn gewandt: von der Fachhochschule Professor Sascha Armutat, die Uni Paderborn, Unternehmenscoach Martin Johnsson, Marco Rieso von der IHK und aus dem NRW-Landtag Christina Kampmann. Das Interesse sei groß. Was Rheingans negativ aufgefallen ist, ist eine Verkürzung, die er oft erlebt habe. Es sei ja nicht so, dass nun in gut der Hälfte der Zeit die volle Arbeit geleistet werde. "Wenn man die üblichen Pausen im Acht-Stunden-Tag abzieht, die es so bei uns nicht gibt, komme ich auf den Vergleich von fünf gegenüber sechs bis sechseinhalb Stunden - wir müssen also nur gut eine Stunde aufholen gegenüber früher." Und es sei ja auch so, dass durchaus Kollegen noch nach 13 Uhr dablieben und dann noch etwas zusammen trinken und Dinge besprechen würden - private wie dienstliche. Alles aber eben komplett freiwillig. Rheingans stellt klar: "Es ist auch nicht so, dass bei uns jeder Blick aufs Handy verboten ist - und wir rasen auch nicht nur durch alles so durch." Eine positive Erkenntnis der ersten Monate sei, dass die Lust auf besondere und spezielle Fortbildungen zugenommen habe, weil es eben nachmittags auch noch Zeit gebe. "Wer in einem Acht- bis Zehn-Stunden-Tag steckt, hat kaum noch Muße, sich über größere und aufwändigere Fortbildungen den Kopf zu zerbrechen." Neueinstellungen werden geprüft Was er auch beobachte, sei, "dass die Frustrationstoleranz gegenüber Überstunden deutlich gestiegen ist", sagt Rheingans, und fügt sofort hinzu: "Allzu oft dürfen die aber trotzdem nicht vorkommen." Bei den Kollegen sei an einer Stelle auch deutlich geworden, dass ein Mitarbeiter zu viel Arbeit habe. Die komprimierte Form des Arbeitens fördere solche Tatsachen besser zutage als der übliche Acht-Stunden-Takt. "Es kann durchaus sein, dass diese Erkenntnis dazu führt, dass ich einen neuen Mitarbeiter einstellen werde." Zu vielen positiven Erfahrungen sei aber auch die kritische gekommen, dass weiterhin die Themen "Support und Erreichbarkeit" diskutiert wür-den, "vielleicht werden wir ein rotes Telefon einführen, das abwechselnd mitgenommen wird". Auch spüre er, dass vorhandene Kunden das Konzept klasse fänden, "aber potenzielle Kunden es auch komisch finden". Zudem müsse er noch Lösungen für "weiche Themen" finden, also "Soziales und Zusammenhalt" - denn: "Es steht das Teamgefüge auf dem Prüfstand." Vielleicht werde es dreimal in der Woche eine Zusatzstunde geben, in der diese weichen Themen eine zentrale Rolle spielten. Unterm Strich gehe es vor allem um eines: "Die nachwachsende Managergeneration erkennt, dass es in der Zukunft für uns vor allem um eines geht, darum, Kreativität zu fördern. Erzwingen kann man sie nicht, sie entsteht in Freiräumen."

realisiert durch evolver group