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Kommt aus dem Staunen nicht heraus: Die 15-jährige Schülerin, die seit Jahren Vegetarierin und Tierfreundin ist, und nun – wie auf diesem Themenfoto nachgestellt – im BIZ als Tipp für einen Ausbildungsberuf „Fleischerin oder Jägerin" bekommen hat. Dass das nur Hinweise auf mögliche Schnittmengen zwischen Interesse und Berufsbild sein sollen, geht offenbar sehr häufig vor Ort unter. - © Sarah Jonek
Kommt aus dem Staunen nicht heraus: Die 15-jährige Schülerin, die seit Jahren Vegetarierin und Tierfreundin ist, und nun – wie auf diesem Themenfoto nachgestellt – im BIZ als Tipp für einen Ausbildungsberuf „Fleischerin oder Jägerin" bekommen hat. Dass das nur Hinweise auf mögliche Schnittmengen zwischen Interesse und Berufsbild sein sollen, geht offenbar sehr häufig vor Ort unter. | © Sarah Jonek

Bielefeld Peinlich: Berufsvorschläge im Bielefelder BIZ sind eine Lachnummer

Berufsinformationszentrum: Acht- und Neuntklässler aus den Gymnasien fahren hierhin, weil sie in einem ersten Kontakt über mögliche Ausbildungsberufe und mehr informiert werden sollen

Kurt Ehmke
13.12.2017 | Stand 13.12.2017, 15:22 Uhr

Bielefeld. Es ist ein Szenario, das Eltern von Gymnasiasten kennen: „Morgen gehen wir ins BIZ", wird mitgeteilt. Es gehe darum, mögliche Ausbildungsberufe kennenzulernen. Die 14-, 15-Jährigen, die meist studieren wollen, sind skeptisch. Oft wird schnell gespöttelt, was denn dabei wohl herauskomme: Zu viel Kurioses haben die Kinder schon von anderen gehört, zu viel Gelächter gab es schon auf dem Pausenhof. Eltern wundern sich, denn es fällt Unterricht aus, es müssen Bahn-Tickets bezahlt werden, es wird gerne im Anschluss noch in der Stadt gegessen oder geshoppt. Alles nicht schlimm, aber wofür? Pferdewirt für Techniker, Tankwartin für Pferdefreundin Kinder, die aus dem Berufsinformationszentrum der Agentur für Arbeit zurückkommen, haben viel zu erzählen. Die Namen sind hier geändert. Beispiele: - Martin ist ein echter Technikfreak, mit Tieren hat er nichts am Hut – Tipp aus dem BIZ: Pferdewirt wäre was. - Carola liebt Pferde, sie reitet in der Freizeit, achtet auf die Umwelt – ein Tipp aus dem BIZ: Tankwartin. - Manuela ist Vegetarierin, sie liebt Tiere, mag deshalb kein Fleisch essen – die BIZ-Tipps: Fleischerin. Und: Jägerin. - Carmen ist eine der besten Schülerinnen; das hoch intelligente Mädchen bekommt diesen Tipp: eine Assistentin könntest du werden – in verschiedenen Bereichen sogar. - Mark ist ein supercooler Typ, der viel digital unterwegs ist und am Computer spielt; ein Tipp: Heilpraktiker. - Hannah ist eher ein zurückgezogenes Mädchen, sehr klug, gut in Mathe – sie ist das einzige von den sechs Kindern, das beim Tipp vom BIZ nicht lacht: ihr wird Bankkauffrau nahegelegt. Aber: Auch sie möchte doch am liebsten studieren. Fakt ist: Bei fast allen Kindern sind BIZ und Agentur für Arbeit nun zur Lachnummer geworden – und es gibt kaum Hinweise darauf, dass auch Stärken analysiert worden sind. Für Schulleiter ist das Thema ein sensibles. Zu harsch will sich keiner äußern, hat doch die Landesregierung seit 2016 die Offensive „KAoA" ausgerufen – „Kein Abschluss ohne Anschluss". Das wird allgemein als sinnvoll erachtet, schon ab Klasse acht wird der Übergang Schule-Beruf beackert. Aber: „Das alles ist sicher nicht vom klassischen Gymnasiasten aus gedacht", sagt Hans-Joachim Nolting vom Ratsgymnasium. Er bestätigt, dass es Berufshinweise gibt, die Schüler schmunzeln lassen. Vielleicht auch, „weil derjenige, der eh studieren möchte, da schon mit dem Blick aufs Skurrile hingeht". Nolting: „Natürlich könnte man über den Sinn des Ganzen nachdenken, aber das läge konträr zu den Richtlinien des Landes." Und so bleibt ihm dieses Fazit: „Man kann ja vielen Sachen einen Sinn abringen." Für seine Schule beziffert er die Zahl der Kinder, die in die Ausbildung gehen möchten, pro Jahrgang auf „null bis zwei, Tendenz eher gen null". Also: Bei gut 100 Schülern liegt der Wert bei etwa einem Prozent. Auch Noltings Kollegin Caro Brauneis vom Gymnasium am Waldhof hat erkannt, dass am BIZ „eher praktisch orientierte Ausbildungsberufe im Vordergrund stehen" – und diese wiederum bei Gymnasiasten kaum in den Köpfen verankert seien. „Fast alle, die sich für unsere Schulform entschieden haben, denken in der neunten Klasse an das Abitur, an ein Studium oder an eine Duale Ausbildung." Ein Schulleiter, der lieber anonym bleiben will, bringt auf den Punkt, was spürbar viele seiner Kollegen empfinden: „Das geht für uns an den Bedürfnissen vorbei, aber das will man zurzeit beim Land so nicht hören." Das gelte auch für die Potenzialanalyse in Klasse acht. Olaf Dieckröger vom Gymnasium Brackwede sieht ebenfalls kritisch, „dass die Gymnasien einfach in die Reihe der Sek-1-Schulen eingereiht werden", aber: „In der Q 1, der Klasse 11, da gibt es dann einen ganzen Vormittag im BIZ, aus dem die Schüler oft vieles mitnehmen – da geht es dann mit Blick aufs Abitur auch ums Studieren, um Duale Ausbildungen und um den Numerus clausus." Das sei dann „sehr informativ" und eine große Hilfe für die Schüler des Gymnasiums.

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