Interview mit Lasse Rheingans, der den Fünf-Stunden-Tag einführte

"Tausche Zeit gegen Geld - das ist ein uraltes Modell"

Kurt Ehmke

Hier fehlt was auf dem Schreibtisch. Lasse Rheingans: Äh. Eine Tasse Kaffee? Nein, der Stapel mit den Bewerbungsunterlagen. Rheingans: Oh, ja, stimmt - das sind schon ein paar . . . . . . ist also fünf Stunden täglich arbeiten ein Traum? Rheingans: Bei mehr als 100 Bewerbungen in vier Tagen scheint das so zu sein. Was mich aber zudem nervös macht, sind die vielen Freundschaftsanfragen in sozialen Netzwerken. Wieso? Rheingans: Fast nur Frauen, das ist mir echt etwas unheimlich, das wundert mich. Das lassen wir mal so stehen. Rheingans: Besser ist das. Als bundesweit erster Unternehmer haben Sie den Fünf-Stunden-Tag eingeführt - und dann hat Ihnen der Bericht in der NW das neue Arbeitszeitmodell aber auch gleich so richtig zerschossen, oder? Rheingans: Ich bin seither nicht mehr zum normalen Arbeiten gekommen. Und die Kollegen? Rheingans: Da muss ich ehrlich sein, auch sie mussten diese Woche umdenken - Medientermine, Social Media, Twitter - es geht total ab. Dabei dürfen aber natürlich die Kundenaufträge nicht liegen bleiben, das ist allen klar. RTL, Welt, WDR, Spiegel online, Eins live, Bento, Telegraaf - Sie sind überrannt worden. Rheingans: Irre. Ich bin völlig überrascht. Das Handy vibriert alle 120 Sekunden, seit Tagen. Dass ich der erste Verrückte im Land bin, der das macht, das gibt?s doch nicht. Nun, da drängt sich ein Verdacht auf: Alles nur eine perfekt inszenierte Marketing-Idee. Rheingans: Könnte man denken - ist aber nicht so. Ich hatte das Konzept ja schon vier Wochen lang umgesetzt, bevor Sie berichtet haben. Aber, das gebe ich gerne zu, jetzt ist das alles für uns von unschätzbarem Wert. Die Nebeneffekte sind traumhaft. Welche? Rheingans: Ich habe eine Firma übernommen und ihr einen neuen Namen gegeben, zudem soll eine neue Identität einziehen. Das braucht viel Zeit - und jetzt, da ist ganz viel davon binnen weniger Tage geschehen. Der ganze Rummel hier, der stärkt unser Gemeinschaftsgefühl. Alle ziehen an einem Strang, wir erleben mit einem gewissen Staunen, was medial abgeht. Manchmal müssen wir fast lachen, so irre ist das. Es ist für uns alle hier ein super Gefühl - es liegt eine gewisse Euphorie in der Luft. Ja, wir feiern das richtig ab, es ist ein Traumstart für uns. Aber vor allem, weil wir das ja nicht für die Presse gemacht haben, sondern für uns, für unsere Arbeit, für unsere Lebensqualität. Und da sehen wir uns gerade enorm bestätigt. Naja, aus der Metallerbranche gibt es Kritik, von anderen Unternehmern auch - und auch Wissenschaftler äußern sich eher skeptisch. Rheingans: Da gibt es zwei Welten. In den sozialen Netzwerken werden wir gefeiert, da gibt es durchweg viel Zustimmung. Ich kenne aber auch den Typ Unternehmer, der dieses Konzept nicht verstehen kann. Bei einigen passt so etwas einfach nicht ins Denken rein. Welcher Typ ist das? Rheingans: Ein Blick zurück reicht fürs Erklären. Es gab mal Unternehmer, die meinten, das Internet setze sich nicht durch. Und weit früher war manchen die Postkutsche nicht geheuer - sie sei viel zu schnell. Das Fünf-Stunden-Tag-Modell wird nun plötzlich über alle Branchen hinweg diskutiert. Rheingans: Das habe ich ja nie gesagt - für mich ist ganz klar, dass das nicht in alle Branchen passt. Aber da, wo kreativ gearbeitet wird, wo es um Kopfarbeit geht, da lohnt sich das Nachdenken darüber. Und, das ist doch wohl klar: Bei vielen Aufgaben, in denen Kopfarbeit keine Rolle spielt, werden Menschen in absehbarer Zeit ersetzt worden sein - und zwar von Maschinen. Erleben wir hier den angeblich typischsten ostwestfälischen Reflex, den der Skepsis? Rheingans: Nein, das ist nicht regionalspezifisch. Es ist die Abkehr vom uralten Modell "Tausche Zeit gegen Geld", die den Leuten schwer fällt. Dieser Wandel, der führt zur Skepsis. Und sicher auch die Sorge der Chefs, dass plötzlich eigene Mitarbeiter damit um die Ecke kommen. Eine kritische Stimme aus der Uni sorgt sich um die Gesundheit - fünf super belastete Stunden seien gefährlicher als acht belastete Stunden. Rheingans: Sorry, aber da muss ich echt schmunzeln. Der psychologische Druck ist doch eher derselbe - und ich habe ja eine deutlich längere Erholungsphase. Das wiegt die Belastung weit wieder auf. Natürlich gibt es den Zwang, sich in fünf Stunden konzentriert in klare Strukturen zu begeben, aber ich erlebe bisher nicht, dass irgendwer total belastet ist und darunter leidet. Und die Sorge, dass es beim stringenten Arbeiten in Ihrer Firma einen Verlust der sozialen Kontakte gibt? Rheingans: Die teile ich. Diese Sorge hatten wir alle und wir arbeiten daran, dass das nicht geschieht. Dazu gehört das gemeinsame Kochen am Freitag, wir quatschen auch oft und gerne nach 13 Uhr miteinander, viele sind befreundet und treffen sich nachmittags. Aber, ja, die Trennung zwischen operativem Geschäft, also Arbeit, und privatem Kontakt, muss klar sein. Bis Ende Februar geben Sie sich mit Ihren zwölf Mitarbeitern Zeit, sich in das Modell einzuarbeiten, es zu bewerten und sich dann zu entscheiden. Wie sieht das Zwischenfazit nach nun fünf Wochen aus? Rheingans: Das Bild wird immer schärfer, denn wir diskutieren viel über das, was mit uns passiert, wo wir neue Technologien benötigen, wo neue Mitarbeiter, wo andere Lösungen. Bisher bin ich überrascht, wie wenig Kritik es gibt, wie wenig Unzufriedenheit - ich dachte, dass es deutlich mehr holpert am Anfang. Jetzt haben wir hier 27 Minuten Ihrer Arbeitszeit verbraucht - war das okay? Rheingans: Ich nehme mich gerade etwas raus aus dem Konzept; aber, wie es der Zufall will, habe ich im Sommer meiner Frau eine dreitägige Parisreise geschenkt - Sonntag fliegen wir los. Alles gut. An was werden Sie unterm Eiffelturm denken, wenn Sie diese verrückte Woche in Bielefeld an sich vorbeiziehen lassen? Rheingans: An den Dienstagmorgen. Da stand unser Modell in der NW - und um 8.30 Uhr klingelte mein Handy. Die Bild-Zeitung. "Wir sind um 9 Uhr da, hieß es."

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