Gab Denkanstöße: Matthias Rottmann meint, dass Städte ihre Wachstumsprobleme nicht nur durch immer neue Wohnbau- und Gewerbeflächen lösen sollen. - © Christian Weische
Gab Denkanstöße: Matthias Rottmann meint, dass Städte ihre Wachstumsprobleme nicht nur durch immer neue Wohnbau- und Gewerbeflächen lösen sollen. | © Christian Weische

Bielefeld Architekt empfiehlt, Wohn- und Gewerbegebiete mehr zu mischen

Bielefeld. Die Stadt wächst, die 340.000-Einwohner-Marke ist in Sicht. Damit steht Bielefeld vor ungeahnten Herausforderungen. Über 5.000 Wohnungen werden kurzfristig gebraucht und langfristig fehlen 86 Hektar Gewerbegrundstücke, hat die Verwaltung ermittelt. Wo die Flächen für diesen Bedarf herkommen sollen, weiß niemand. "Doch müssen tatsächlich massenhaft neue Wohnungen gebaut und Gewerbegebiete neu ausgewiesen werden?", fragt der Architekt Matthias Rottmann. Rottmann, Partner des holländisch-deutschen Architektur- und Stadtplanungsbüros De Zwarte Hond, plädiert für neue Sichtweisen. Seine Überlegungen sind bisweilen radikal: Wenn man die Stellplatzsatzung abschaffte, würden die Autos aus der Stadt verschwinden und es entstünde Platz für größere Gebäude. MISCHGEBIETE "Denkanstöße" heißt die vom Bund Deutscher Baumeister organisierte Vortragsreihe, in der Rottmann in der Kunsthalle über "Städtebauliche Strategien für ein Wachstumsszenario in Bielefeld" sprach. Nicht nur Bielefeld sei vom aktuellen Städtewachstum "kalt erwischt" worden. "Ein Schlüssel zur Lösung der Probleme könnte sein, Flächen vielfältig zu nutzen und die strenge Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe aufzugeben", sagt Rottmann. Multifunktional genutzt werden könnten etwa ehemalige FH-Gebäude in der Stadt oder die demnächst freiwerdenden britischen Kasernen. NEUE FLÄCHEN Auf Wachstumsprobleme mit dem "Reflex" zur Neuausweisung von Bauflächen zu reagieren, greife gerade beim Gewerbe zu kurz. "Ein größeres Angebot führt auch dazu, dass Firmen Vorratsflächen anlegen", sagt der Architekt. Er empfiehlt, vor der Ausweisung von Flächen zu fragen: "Welche Art von Gewerbe brauchen wir überhaupt." VERDICHTUNG Verdichten heißt das Rezept der Architektenverbände, das vor allem zu mehr Wohnbebauung führen soll. Auch für Rottmann ist eine höhere und engere Bebauung ein Weg. Möglichkeiten gäbe es viele: Große Wohnungen könne man teilen, mehrere Nutzungen wie Wohnungen, Büros oder Gewerbe in einem Haus unterbringen, oder am besten gleich die Rahmenbedingungen für neues Bauen ändern. "Wird wirklich jede kaum genutzte und ökologisch wenig wertvolle Grünanlage gebraucht?" NATUR Bauen könne man auch in Gebieten, die von viel Grün geprägt seien. Am Stadtrand könne es eine Mischung aus Wohnen und Landschaft geben. "Vielleicht sollte man sogar große Strukturen wie den Teutoburger Wald überdenken und weiterentwickeln." Voraussetzung für solche Projekte: Wohnungsbau und Naturentwicklung müssten Hand in Hand gehen. "Das muss gleichzeitig geschehen und in kleinen Schritten. Geht es sofort um große Flächen, verschreckt man Anwohner und Investoren." KONKURRENZ Sind Flächen knapp, konkurrieren Wohnen und Gewerbe - eine schwierige Situation für Städte. Denn: "Wohnungsbau beschert Grundstückseigentümern eine hohe Flächenrendite, führt in städtischen Haushalten aber zu hohen Folgekosten für Infrastruktur und ÖPNV. Industriegebiete bringen Gewerbesteuereinnahmen, doch die Flächen haben oft nur eine geringe städtebauliche Qualität", sagt Rottmann. Zum Ausgleich der unterschiedlichen Effekte rät er auch hier wieder zu gemischten Quartieren mit vielfältigen Nutzungen. ANWOHNER Die schönsten Pläne scheitern, wenn Anwohner sich quer stellen. Wohnungsgesellschaften und Stadtbahnplaner können ein Lied davon singen. "Das ist nicht nur in Bielefeld so", berichtet Rottmann. Man müsse Anwohner schon beteiligen, bevor es konkrete Pläne gebe und nicht erst, wenn nur noch Details zu besprechen seien.

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