Zahlreiche Polizeiwagen stehen am Mittag vor den Zugängen zum Großen Ratssaal. - © Christian Mathiesen
Zahlreiche Polizeiwagen stehen am Mittag vor den Zugängen zum Großen Ratssaal. | © Christian Mathiesen

Bielefeld Tumulte: Polizei-Großeinsatz am Bielefelder Rathaus

Streit bei der 3. Internationalen Konferenz der Gesellschaft Jesidischer Akademiker. Die Polizei bringt zehn Pöbler auf die Wache

Markus Reiferscheid
05.11.2017 | Stand 06.11.2017, 09:54 Uhr |
Jens Reichenbach

Bielefeld. Die Polizei hat am Samstagmittag zehn Personen, die bei einer Veranstaltung im großen Ratssaal des Neuen Rathauses gestört haben sollen, vorläufig festgenommen und auf die Wache gebracht. Zeugen berichteten von wütenden Handgreiflichkeiten, eine Polizeisprecherin berichtete nach ersten Erkenntnissen nur von Pöbeleien. Den genauen Hintergrund des Vorfalls will die Polizei erst am Montag nennen. Die Polizei war mit zahlreichen Streifenwagen und zivilen Einsatzfahrzeugen rund ums Neue Rathaus im Einsatz. Auch das Ordnungsamt, das direkt nebenan mit der Polizei zusammen die Stadtwache bestückt, war bemüht, die Tumulte im Rathaus zu beruhigen und half beim Abtransport der Störer. An diesem Wochenende findet im Neuen Rathaus die 3. Internationale Konferenz der "Gesellschaft Jesidischer Akademiker und Akademikerinnen" (Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen, GEA) statt. Thema der Veranstaltung: "Vertrieben, getötet, missbraucht - Die Jesiden im 21. Jahrhundert - zwischen (Religions-) Freiheit in der Diaspora und Genozid im Nahen Osten". Die Störer waren Teilnehmer der Konferenz Bis zur Mittagspause am Samstag sollte es bei dem Symposium um die "Ursachen und Folgen des Genozids an Christen und Jesiden im Nahen Osten" gehen. Seit 2014 waren die Jesiden speziell im Nordirak Opfer des islamistischen Terrors durch den Islamischen Staat (IS). Bei den Störern handelte es sich laut des GEA-Vorsitzenden Serhat Ortac um osteuropäische Teilnehmer der Konferenz, die die Referenten wütend der Lüge bezichtigten. Ortac sprach von Vertretern einer kleinen militanten Gruppe innerhalb der Jesiden, die eine Loslösung von den Kurden fordern. Die Störer, die zum Teil in der ersten Reihe saßen, warfen pauschal den Kurden im Nordirak vor, die Jesiden vor dem Überfall des IS verraten zu haben. Unter den Jesiden gibt es laut Ortac verschiedene Strömungen. Einige geben den kurdischen Milizen ("Peschmerga") und der kurdischen Regionalregierung eine Mitschuld an der jüngsten Katastrophe im Nordirak, da sie damals das Shingal-Gebirge ihrem Schicksal überlassen und damit die Jesiden verraten hätten. Wir hatten erst vermutet, die haben den Vortrag falsch verstanden." Allerdings seien alle Beiträge kurdisch und englisch übersetzt worden. „Doch der Vortrag interessierte die Männer gar nicht. Die wollten die Konferenz gewaltsam beenden – mehr nicht." Handgreiflichkeiten auch gegen das Sicherheitspersonal im Saal Im Anschluss kam es dann zu Handgreiflichkeiten. Augenzeugen berichteten von Gewalttätigkeiten unter anderem gegen das Sicherheitspersonal im Saal. Auch ein Mitorganisator soll geschlagen worden sein. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, wurden insgesamt zehn Männer bei dem Einsatz in Gewahrsam genommen. Die Ermittlungen zu dem Tumult hat der für politische Kriminalität zuständige Staatsschutz der Polizei aufgenommen. Die Ursache für den Vorfall sei inzwischen bekannt, werde aber noch nicht mitgeteilt. Nach den Tumulten hielt die Polizei kurzzeitig alle Konferenzteilnehmer an, das Neue Rathaus zu verlassen. Nach Beruhigung der Situation konnte die Konferenz wieder fortgesetzt werden. Ein weiteres Sicherheitsrisiko sei von den Behörden verneint worden, so Ortac. "Wir hatten Glück: Alle sind trotz des Vorfalls geblieben" "Wir hatten Glück, dass die Polizei so schnell da war, berichtet der Vorsitzende. "Anschließend haben wir die Teilnehmer über die Gründe der Störung unterrichtet. Das Schöne war: Alle sind geblieben." Wissenschaftler unterschiedlichster Herkunft und Meinung hielten daraufhin Referate und diskutierten mit dem Publikum. Dabei ging es neben psychologischen und politischen auch um soziologische oder linguistische Aspekte. Es sprachen aber auch Experten für Flüchtlings- und Integrationsarbeit aus Bielefeld. "Insgesamt haben wir angeregte Diskussionen geführt", resümierte Serhat Ortac. Thematisch sei es dabei auch um die Verfolgungen der Jesiden gegangen. "Man schätzt, dass Jesiden seit etwa 800 Jahren unter unzähligen Genoziden zu leiden hatten, alleine seit dem 17. Jahrhundert sind Dutzende dokumentiert", so Ortac weiter.

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