Wollen schließen: Max Plöger und seine Frau Maximiliane, eine ausgebildete Hotelfachfrau. - © Wolfgang Rudolf
Wollen schließen: Max Plöger und seine Frau Maximiliane, eine ausgebildete Hotelfachfrau. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bitter: Dieses rein vegane Restaurant in Bielefeld schließt demnächst

Kenner sprechen dennoch von einem ausgiebigen Angebot in der Stadt

Heidi Hagen-Pekdemir
04.11.2017 | Stand 04.11.2017, 10:17 Uhr
Ingo Kalischek

Bielefeld. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, keine Milch: Veganer verzichten auf vieles - und fühlen sich dadurch fitter und gesünder. Der Ernährungsstil erlebt einen Boom. In Bielefeld aber sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Mit dem Jakobs schließt demnächst ein rein veganes Restaurant. Nur noch ein weiteres bleibt übrig - das Veggie Delicious. Der Vegan-Hype in der Stadt ist anscheinend vorbei - zumindest auf den ersten Blick. "Vielleicht ist Bielefeld doch noch nicht so reif", sagt Thomas Keitel, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands OWL. Für vegane Restaurants sei es kaum möglich, einen Gewinn zu erwirtschaften, glaubt Keitel. Denn: "In den Köpfen der Menschen ist noch nicht angekommen, dass die Zubereitung veganer Küche einfach teurer ist." Das schien vor gut zwei Jahren noch anders zu sein. Mit dem Jakobs und Veggie Delicious eröffneten in kurzer Zeit gleich zwei rein vegane Restaurants in Bielefeld. "Damals gab es einen Hype. Es ging schlagartig nach oben", erinnert sich Max Plöger, bisheriger Inhaber des Jakobs. Danach habe sich die Nachfrage normalisiert. Als Konsequenz stellte das Jakobs damals bereits sein Mittagsangebot ein. Ähnlich läuft es im Veggie Delicious. "Unter der Woche ist hier vormittags tote Hose", sagt Inhaberin Thi Dieu Nguyen. Das Restaurant bietet vegane asiatische Küche an: veganes Hühnerfleisch, vegane Garnelen, Omelette aus Kokosmilch. "Luft nach oben ist immer", sagt Nguyen. Mit dem Queers schloss 2015 ein Café, das ebenfalls viele vegane Speisen im Angebot hatte. Im Oktober gaben zudem die Besitzer des veganen Restaurants Vegonas die Schlüssel an Nachfolger ab. Weitere Beispiele: Die Bielefelder Untergruppe des Vegetarierbundes (VEBU) gibt es inzwischen nicht mehr. Die Mitglieder hatten mit verschiedenen Aktionen in der Stadt über vegane und vegetarische Themen informiert und gemeinsam vegan gekocht. "Wir haben uns vor zwei Jahren aufgelöst, weil wir keinen Nachfolger gefunden haben", sagt Gründungsmitglied Mareike Leismann. Vegan-Coach Annette Stalz, die in Lehrgängen über vegane Ernährung informiert, hat Bielefeld mittlerweile in Richtung Lotte verlassen. Is(s)t Bielefeld einfach nicht vegan? Das geht Kennern und Liebhabern zu weit. Sogar das Gegenteil sei der Fall. "Meine Kurse wurden gut angenommen, in Bielefeld gab es eine große Bewegung", sagt Ernährungs-Coach Stalz. Viele Restaurants bieten mittlerweile auch ein veganes Gericht an Auch weitere Kenner der veganen Szene wollen Angebot und Nachfrage in Bielefeld nicht verteufeln. "Das vegane Angebot ist mittlerweile sehr groß", sagt Leismann. Fündig werde man unter anderem im Katzencafé, Mokkaklatsch, beim Caterer Emilio, beim Köckerhof, dem Café im Circuswagen, im Kohinoor, Pizzaland, Lana Thai, Plan B, VIP Damaskus und L'Arabesque. Auch Soziologin Anja Krückemeier sagt: "Es gibt genügend Angebote in der Stadt." Das führt sie vor allem darauf zurück, dass viele Restaurants mittlerweile mindestens ein veganes und vegetarisches Gericht im Angebot haben. "Als Veganer finden wir das super", sagt Max Plöger, "doch auf unser Restaurant hat sich dieser Trend eher negativ ausgewirkt". "Das verteilt sich heute ganz anders", sagt Krückemeier. Entsprechend schwer sei der Stand für rein vegane Anbieter. Das bestätigt Jakobs-Inhaber Plöger: "70 Prozent meiner Gäste hatten mit veganer Lebenseinstellung nichts zu tun." Und Veggie Delicious-Inhaberin Nguyen sagt: "Wir haben nicht viele reine Veganer. Es kommen auch viele Fleischesser zu uns." Vor allem an den Wochenenden sei der Betrieb gut - trotz einer Preiserhöhung beim Buffet von ursprünglich 8,90 auf 12 Euro. Wie wird es künftig weitergehen? "Die vegane Welle trifft den Zeitgeist. Das ist ein sehr ernst zu nehmender Branchenfaktor", glaubt Bielefelds Dehoga-Chef Keitel. "Ich gehe davon aus, dass es künftig mehr wird." Vorausgesetzt, der Gast sei bereit, auch mehr zu zahlen. Die Fachhochschule des Mittelstands plant sogar, den Studiengang "Vegan Food Management" ab Oktober 2018 am Standort Bielefeld anzubieten. Auch viele Supermärkte bieten eine große Auswahl. In den Kassen der Gastronomie aber scheint die Begeisterung nicht wirklich angekommen zu sein. Sein Jakobs will Plöger noch so lange betreiben, bis er einen Nachfolger für das Restaurant Am Bach mit 45 Plätzen gefunden hat. Der Mietvertrag läuft bis Anfang 2020. Bis dahin will der Koch nicht warten. Seine Pläne für die Zeit danach? "Das wird sich zeigen", antwortet Plöger.

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