Entspannt: Lena Strothmann sieht dem Ende ihrer Laufbahn als Bundestagsabgeordnete gelassen entgegen. - © Christian Weische
Entspannt: Lena Strothmann sieht dem Ende ihrer Laufbahn als Bundestagsabgeordnete gelassen entgegen. | © Christian Weische

Bielefeld Lena Strothmann über das Ende ihrer politischen Laufbahn

Sie holte das erste Direktmandat für die Christdemokraten in Bielefeld nach 30 Jahren

Sebastian Kaiser

Bielefeld. Die härteste Kritik musste sie einstecken, als sie für die B66n eintrat, für Pläne zu einer neuen Bundesstraße quer durch den Bielefelder Osten. "Das war brutal, massiv, echt heftig", erinnert sich Lena Strothmann. Ganz anders, als sie kürzlich im Bundestag für die "Ehe für alle" stimmte - als einzige CDU-Abgeordnete aus OWL. "Da gab es erstaunlich viel Zustimmung, sogar Anerkennung." 14 Jahre lang hat Strothmann das Auf und Ab in Berlin und Bielefeld erlebt. Jetzt ist Schluss. "Es hat Freude gemacht, ich bin fit und 65 ist ein Alter, in dem man auch noch andere schöne Dinge machen kann", sagt die CDU-Politikerin. Ihre Wohnung mitten in Berlin - zwischen Bahnhof und Bundestag mit grünem Innenhof - hat sie bereits aufgegeben. Künftig ist die Gütersloher City wieder das Zuhause - für sie, ihren Mann Heinrich Kleegräfe und den Hund. Die Karriere begann mit einem Rückschlag Die Abgeordnetenkarriere begann mit einem Rückschlag. Zur Bundestagswahl 2002 hatte die Bielefelder CDU die erfolgsorientierte Gütersloherin als Kandidatin aufgestellt und auf ihr Renommee als Präsidentin der Handwerkskammer OWL gesetzt. Doch Strothmann, politisch zuvor nur als Ratsmitglied in der Nachbarstadt erfahren, verlor gegen Rainer Wend von der SPD. Erst ein Jahr später zog sie als Nachrückerin ins Parlament ein. 2005 trat sie erneut an, verlor wieder gegen Wend, erhielt mit einem inzwischen sicheren Listenplatz trotzdem ein Mandat. 2009 dann der Triumph: Strothmann gewann gegen Guntram Schneider von der SPD - das erste Direktmandat für die CDU im Bundestagswahlkreis Bielefeld nach 30 Jahren. 2013 wendete sich das Blatt erneut: Strothmann unterlag knapp gegen "die junge Frau aus Isselhorst" wie sie die SPD-Kandidatin Christina Kampmann im Wahlkampf ein wenig spöttisch genannt hatte. Dabei war sie sich sicher gewesen, hatte sich beste Chancen ausgerechnet. "Ich hatte Standing in der Fraktion und in Bielefeld." Strothmann zog noch einmal über die Liste in den Bundestag. "Am wichtigsten war, wieder drin zu sein." Nach Gesellenjahren im Verkehrsausschuss war sie seit 2005 Mitglied im Wirtschaftsausschuss. Als Kammerpräsidentin fand sie Gehör bei ihren Fraktionskollegen. Häufig hat sie im Parlament Reden zu Handwerksthemen gehalten, zuletzt zum neuen Schornsteinfegergesetz. Die deutsche Handwerksordnung gegen Bestrebungen der EU-Kommission zu verteidigen, die Meisterpflicht abzuschaffen, war das große Thema der gelernten Schneidermeisterin und studierten Modedesignerin. Strothmann - immer elegant, manchmal dominant - scheut sich nicht, anderen zu sagen, wo es langgeht - im eigenen Unternehmen, wie in der Politik. Widerspruch hält sie aus. "Man kann als Politikerin nicht immer machen, was die Leute gerade wollen. Man muss auch Optionen für die Zukunft schaffen", sagt sie. Und weist wieder auf ihr Eintreten für die B66n, trotz intensiver Angriffe von Bielefelder Bürgern. "Man muss auch mal was wegstecken, sonst kann man die Arbeit nicht machen." 2012 sägte die Junge Union heftig an ihrem Stuhl, monierte ihre mangelnde Präsenz in Bielefeld. Strothmann behielt die Ruhe und die Oberhand. "Das war eine kurze Episode", sagt sie heute. Wer sie in Berlin wirklich beeindruckt hat? Lena Strothmann fällt nur ein Name ein: Angela Merkel. Die habe alle Themen präsent, sei zielstrebig, schlagfertig und könne charmant berlinern. Bei geselligen Runden hat sie die Kanzlerin persönlich kennengelernt. Auch beruflich hat Strothmann inzwischen zurückgeschaltet. Der 1993 mit ihrem Mann gegründete Maßschneider- und Herrenausstatterbetrieb "Kleegräfe & Strothmann" ist an einen Nachfolger übergeben. Heinrich Kleegräfe (70) ist ausgetreten, Lena Strothmann noch Geschäftsführerin, vor allem für betriebswirtschaftliche Angelegenheiten. Selbst Mode entwerfen will sie nicht mehr, "damit habe ich abgeschlossen". Als ehrenamtliche Präsidentin der Handwerkskammer OWL hat sie den rund 62 Millionen Euro teuren Neubau des Bildungs- und Verwaltungszentrums am Hauptbahnhof maßgeblich mitverantwortet. Noch bis 2019 wird sie Hausherrin im "Campus Handwerk" und Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks bleiben. "Es ist angedacht, danach aufzuhören." Wahlkampf hat ihr immer Spaß gemacht "Ich will wieder zu Hause ankommen" heißt der Plan für den nächsten Lebensabschnitt. Nach 14 Jahren Wochenendehe möchten sie und ihr Mann "die gemeinsamen Interessen wieder unter einen Deckel bringen". Um ihr Enkelkind will sie sich kümmern und "mal wieder grillen mit Freunden". "Sonst haben wir die Sommerpause immer für einen Urlaub genutzt, in diesem Jahr bleiben wir einfach zu Hause", sagt die begeisterte Cabrio-Fahrerin. Die letzte Reise nach Berlin steht im Oktober an, das Ende der Abgeordneten-Karriere ist greifbar. Ganz los lässt sie die Politik noch nicht. Denn vorher will sie noch einmal für ihre Partei auf die Straße gehen. Werbung machen für Michael Weber, ihren Nachfolger als Bundestagskandidaten. Wahlkampf hat ihr immer Spaß gemacht.

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