Symbolfoto. - © dpa
Symbolfoto. | © dpa

Bielefeld Psychische Erkrankungen spielen eine immer größere Rolle bei Krankmeldungen

Drei von vier Arbeitnehmern klagen über Schlafprobleme

Joachim Uthmann

Bielefeld. Auf den ersten Blick klingt die Bilanz eher beruhigend. Der Krankenstand in Bielefeld ist 2016 leicht gesunken auf 3,8 Prozent oder 14,3 Tage pro Arbeitnehmer und Jahr, so der Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), die in Bielefeld knapp 30.000 Versicherte hat. Doch Sorge bereiten die Ursachen: Jeder vierte Krankheitsausfalltag ist auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Und die Zahl der Schlafstörungen nimmt zu. Bielefeld sticht mit dem Trend zu der häufigeren Nennung von Depressionen und Angstzuständen bei den Krankmeldungen deutlich aus der Statistik heraus. 2016 verzeichnete die DAK einen Anstieg von 35 Prozent, berichtete der Bielefelder Servicezentrumsleiter Matthias Hörster. In anderen Regionen lägen dagegen Muskel- und Skelett- sowie Atemwegserkrankungen an der Spitze beim Krankenstand. Den Negativtrend in Bielefeld bei den psychischen Erkrankungen, der im Gegensatz zum Umland stehe, beobachtet Jürgen Sundermann, Leiter des DAK-Versorgungsmanagements, schon seit einigen Jahren, ohne ihn wirklich erklären zu können. Die Fallzahl sei zwar nicht gestiegen, aber deutlich die Länge der Krankmeldungen. Die Dauer sei in wenigen Jahren von 29,9 auf 40,5 Tage gestiegen. Indizien für die auffallende Bilanz in Bielefeld könnten eine bessere Ärzteversorgung in dem Bereich, mehr erfasste Burn-out-Fälle oder ein höherer Anteil an Pflegebeschäftigten durch die großen Träger wie Bethel und Johanneswerk sein. Auch bei den Verletzungen liegt Bielefeld schlechter als der Landesschnitt (siehe Grafik), bei Muskel- und Skelett-, Tumor- und Verdauungserkrankungen aber besser. Positiv wertet es Hörster, dass die Zahl der Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Sinusitis um 18 Prozent gesunken sei. Größere Sorge bereiten den DAK-Experten die zunehmenden Schlafstörungen bei Arbeitnehmern. Hörster: „Das ist schon lang kein Nischenproblem mehr. Die Gut-Schläfer sind in der Minderheit." Drei von vier Beschäftigten kennen Probleme beim Ein- oder Durchschlafen, ergab eine Studie des IGES-Instituts, das im Auftrag der DAK die Fehlzeiten von mehr als 5.000 Beschäftigten ausgewertet hat. Aus Sicht der Fachleute sind die Störungen auch Folge der „sich wandelnden Arbeitswelt". Schwere körperliche Arbeiten werden immer weniger, aber die psychischen Belastungen nähmen erheblich zu. Atypische Beschäftigungsverhältnisse, die höhere Zahl älterer Erwerbstätiger, fortschreitende Digitalisierung und Schichtarbeit erschwerten das Abschalten. Die Grenze zwischen Arbeitswelt und Freizeit verschwimme. „Immer erreichbar sein auf allen Kanälen" – das fördere Schlafstörungen. Bisher gingen damit nur wenige Betroffene zum Arzt, doch es würden mehr. Häufigere Krankmeldungen, Leistungseinbußen, sinkende Produktivität und steigende Unfallgefahr seien die Folge, meint Hörster. Er schließt auch nicht aus, dass der Anstieg der Krankmeldungen bei psychischen Erkrankungen damit zusammenhängt. Sein Rat an Beschäftigte: Sie sollten sich abends ein „angenehmes Umfeld" schaffen und nicht kurz vorm Schlafen noch E-Mails beantworten. Die Studie belege, dass viele Arbeitnehmer spät abends noch Filme oder Serien gucken, am Laptop oder Tablet sitzen oder dienstliche E-Mails checken. Hörster rät: Lieber ein Buch lesen, die Zeit mit dem Partner genießen und sich mit Licht und Musik wecken lassen. Das helfe beim Einschlafen.

realisiert durch evolver group