Bielefeld Wissenschaftlerin: Wie Eltern ihre Kinder unbewusst in feste Rollen drängen

Warum vor allem Jungs in technische Berufe gehen, was Erziehung damit zu tun hat und wie Mädchen doch für Mathe und Naturwissenschaft zu begeistern sind

Frau Schwarze, seit Jahren wird versucht, Frauen für Berufe mit einem hohen Männeranteil und Männer für eher Frauen zugeordnete Berufe zu gewinnen. Aber die Interessen von Jungen und Mädchen sind vielleicht zu unterschiedlich. Das zeigt sich in der Regel schon im Kindesalter. Stimmen Sie zu? Barbara Schwarze: Wir wissen durch zahlreiche Studien, dass auch Mädchen daran interessiert sind zu forschen und sich mit technischen Fragen auseinanderzusetzen. Wir erkennen durch die Studien außerdem, dass das Umfeld – Eltern, Familie, Kindergarten und Schule – Mädchen und Jungen früh prägt in Richtung „Mädchen machen Mädchendinge, Jungen machen Jungendinge". Was meinen Sie genau damit? Schwarze: Unsere Rückmeldungen an die Kinder erzeugen nachhaltige Eindrücke. Eltern und Großeltern zeigen häufig Begeisterung, wenn sich Kinder rollenkonform verhalten, also ein Junge sich auf ein Spielauto stürzt und es untersucht, und wenn ein Mädchen eine Puppe versorgt. Dann gibt es Lob oder positive Reaktionen. Wir erzeugen und verstärken so typisches Verhalten. Es wird immer noch sehr an Geschlechterorientierungen ausgerichtet erzogen. Aber es gibt doch Veranlagungen, oder? Das wäre zumindest meine persönliche Erfahrung als Vater von drei Töchtern. Schwarze: Wir sind ja nicht alleine als Eltern. Geschlechtsstereotypes Verhalten wird vielfach vermittelt – beim Spielen, wenn die Großeltern besucht werden, im Kindergarten oder bei Freunden. Wir unterschätzen die Wirkung einer allgemein stark an diesen Stereotypen ausgerichteten Gesellschaft. Können Sie mir ein Beispiel dafür nennen? Schwarze: Ja. Folgendes Beispiel: Im Kindergarten liegt nach dem Spielen alles wild durcheinander. In dieser Lage werden die Mädchen zum Aufräumen aufgefordert, und die Jungen mit der Begründung nach draußen zum Spielen geschickt, dass sie sowieso nur Unruhe stifteten. Das sind diese kleinen Dinge, die wir mitunter gar nicht bemerken. Selbst wenn wir als Eltern bewusst umsteuern wollen, macht es das Umfeld nicht unbedingt mit. Was passiert durch diese Art der Jungen-Mädchen-Prägung? Schwarze: Die Neugier auf Technik wird bei Mädchen – auch in ihrer eigenen Gruppe – schnell unterdrückt oder kaum beachtet. Das verstärkt sich im Laufe der Jahre weiter und Mädchen wählen schließlich eher Berufsgebiete, auf denen sie vermeintlich sicher und anerkannt sind. Wenn sie nicht zufällig Kontakte haben zu mathematischen oder naturwissenschaftlich-technischen Berufen, sind sie von solchen Optionen weitgehend abgeschnitten. Der Girls‘Day, den ihr Kompetenzzentrum veranstaltet, soll dem entgegenwirken? Schwarze: Genau, damit wollen wir gegensteuern und einen Impuls setzen für die Mädchen. Damit haben sie oft erstmals einen Einblick in eher männlich dominierte Berufe. Zurück zur Anfangsfrage aus persönlicher Erfahrung: Ich habe nie Mädchen gesehen, die begeistert an einem Bagger stehen; Jungs schon, sehr kleine sogar. Und Mädchen spielen offensichtlich anders. Jungs nehmen eher Sachen auseinander, Mädchen erschaffen eher Welten. Ist das nicht schlicht die Alltagswelt? Schwarze: Die Bandbreite innerhalb der Jungen und innerhalb der Mädchen ist viel größer, als wir denken und wahrnehmen, und zwar in beide Richtungen. Aber als Gesellschaft tun wir uns nach wie vor schwer, sie all ihre Potenziale entfalten zu lassen. Würden Sie also sagen: Der Anteil der Biologie liegt bei 0 Prozent, der der Sozialisation bei 100 Prozent? Schwarze: Ich würde sagen, es sind 95 Prozent Sozialisierung, und 5 Prozent biologische Prägung, zum Beispiel bedingt durch körperliche Voraussetzungen. Dazu stehe ich durchaus. Aber das ist eine Annahme, kein wissenschaftlicher Befund? Schwarze: Die Wissenschaften streiten sich darüber. Sie zeigen jedoch zugleich, dass unser Einfluss auf die Geschlechterrollen sich viel früher auswirkt als allgemein angenommen wird, vor allem in Deutschland. Ein Blick etwa nach Russland oder auch Frankreich zeigt, dass es anders sein kann, allein durch die positive Einstellung zur Mathematik. Gleiches gilt für spezifische arabische Länder: Dort sind Studienangebote wie die Elektrotechnik oder die Informatik ungleich populärer an den für Frauen zugelassenen Universitäten als in vielen europäischen Ländern. An der Fachhochschule wurde mir einmal gesagt, dass es bisher trotz aller Anstrengungen nicht gelungen ist, den Anteil der Mädchen in den Ingenieurswissenschaften zu erhöhen. Er liegt dort immer noch rund um die zehn Prozent. Die allerdings sind sehr gut, meist besser als ihre männlichen Kommilitonen. Schwarze: Machen die Fachbereiche wirklich alles, damit sich das ändert? Ich habe da meine Zweifel. Wir wissen, wie wir die Mädchen gewinnen können für Studiengänge in Technik oder Physik. Sie müssen es ausprobieren können, denn sie haben in ihren jungen Jahren – im Gegensatz zu vielen Jungen – in der Regel nicht die Gelegenheit dazu gehabt. Der Girls‘Day bietet ihnen die Möglichkeit, diese Felder kennenzulernen. Gibt es Untersuchungen über die Wirkung des Girls‘Days auf die Berufswahl? Schwarze: Ja, Schülerinnen sind nach dem Girls’Day deutlich offener für technische Berufe. Entscheidend dabei ist aber, dass die Mädchen weiter in dieser Richtung gefördert werden, wenn sie es wollen. Denn bis zur Berufsentscheidung ist noch eine lange Zeit. Deshalb gibt es Bundesländer, die systematisch ansetzen, etwa mit einer Girls‘Day-Akademie wie in Baden-Württemberg. So können die Mädchen erfahren, dass es falsch ist zu denken, dass ihnen die Technik nicht liegt, oder sie dies nicht können. Wir haben auf jeden Fall erreicht, dass der Anteil der Frauen in den technischen Studiengängen erheblich gestiegen ist. Lassen sich junge Frauen für die ebenso technisch-mathematischen IT-Berufe interessieren? Schwarze: Das Interesse dafür beginnt im Kindesalter. Spielzeuge wie Eisenbahnen oder Dampfmaschinen, typischerweise ausgerichtet auf Jungen, spielen kaum noch eine Rolle, dafür virtuelle Spiele, mobile Geräte und ähnliches... Was vor allem Jungs anzieht... Schwarze: Aber dafür ließen sich auch die Mädchen stärker interessieren, würde man sie in andere Zusammenhänge bringen. Etwa, wenn es nicht nur Wettbewerbe gäbe, sondern auch um Ressourcenschonung, Kreativität oder kooperative Aufgaben geht. Dann wäre auch das Programmieren spannend. Wozu ist das eigentlich wichtig? Wird die Welt besser, wenn mehr Mädchen Technik machen? Werden die Mädchen glücklicher? Schwarze: Wie in der Wirtschaft zu sehen ist, schöpfen wir das Potenzial für technische Berufe bei den jungen Männern und Frauen nicht aus, bei den Frauen fehlt es sogar in erheblichem Umfang. Wir wollen das Potenzial aber heben. Die Arbeit in der Technik verändert sich in hohem Umfang, und wir werden eine größere Bandbreite bei den Menschen und ihren Fähigkeiten brauchen. Nicht nur die Tüftler sind gefragt, sondern auch die, die ihre Aufgaben breiter einordnen, die kommunikativ sind und die auf Kooperation und Vernetzung setzen. Also Kompetenzen, die der Weiblichkeit eher zugeschrieben werden? Schwarze: Dafür können auch verstärkt Männer gewonnen werden. Das Image der Technik nach außen müsste sich dafür verändern. Wenn klar ist, dass es auch um Kommunikation geht, um die Verbindung von Unternehmensbereichen, dann sind junge Frauen sehr schnell für sie zu gewinnen. Es gibt auch eine enorme Auswahl an Berufen in der Technik, etwa im Planerischen, im Marketing, im Vertrieb und vieles mehr. Es gibt ja auch den Boys‘Day, der junge Männer für Berufe mit hohem Frauenanteil gewinnen will. Das wird wohl schwerer gelingen, weil in diesen Branchen schlechter als in technischen Berufen gezahlt wird. Schwarze: So lange wir gesellschaftlich so aufgestellt sind, dass Männer als Familienernährer gelten und Frauen eher einen Zusatzverdienst beisteuern, wird das sicher so bleiben. Mädchen nehmen das Bild der Familienernährerin seltener mit in die Berufswahl. Wobei sich das allmählich ändert. Wodurch? Schwarze: Das herkömmliche Ernährermodell mit dem Mann als Hauptverdiener kippt allmählich, es funktioniert in immer weniger Fällen. Allein dadurch werden sich auch die Gesellschaft und die Rollenwahrnehmung von Frau und Mann ändern. Schlussendlich muss in Berufen mit überwiegendem Frauenanteil auf Dauer besser bezahlt werden, um Altersarmut bei Frauen zu verhindern.

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