Interview Hausaufgaben gibt's bei uns nicht"

Abi mal anders (7): Sascha Ohnesorge (27) geht aufs Abendgymnasium. Morgens um 7 beginnt sein Tag als Gärtner beim Umweltbetrieb, um 21.35 Uhr ist Schulschluss. Er arbeitet aufs Abi 2019 hin

Sascha, dein Kaffeekonsum muss doch in den letzten Monaten enorm gestiegen sein... Sascha Ohnesorge: Weil ich abends zur Schule gehe? Nein (lacht). Ich trinke nicht eine Tasse mehr als früher. Der Unterricht macht mir so viel Spaß, eingeschlafen bin ich hier noch nie. Du warst fast zehn Jahre raus aus der Schule. Warum drückst du mit 27 wieder die Schulbank? Sascha: Weil ich mich weiterentwickeln möchte. Ich hatte nach meinem Realschulabschluss einfach keine Lust mehr auf Schule, wollte arbeiten. Was hast du gemacht? Sascha: Beim Umweltbetrieb habe ich einen Ausbildungsplatz zum Garten- und Landschaftsbauer bekommen, bin danach auch direkt übernommen worden. Der Job ist toll, seit 2009 bin ich für Schildesche zuständig, bin dort auch stellvertretender Vorarbeiter. Ich will aber weiterkommen, möchte studieren. Ohne Abi aber geht?s nicht. Morgens arbeitest du, abends sitzt du in der Schule. Das klingt nach einem durchgetakteten Tag. Sascha: Von 7 bis 15.45 Uhr bin ich beim Umweltbetrieb, von 17.30 bis 21.35 in der Schule. Und das fünf Tage die Woche. Zwischendurch fahre ich noch nach Hause und dusche. Das alles funktioniert natürlich nur, weil ich geregelte Arbeitszeiten habe und mich der Umweltbetrieb unterstützt. Auf meine Kollegen ist da Verlass. Wird dir die Doppelbelastung nicht manchmal zu viel? Sascha: Bisher nicht. Ich bin sehr ehrgeizig und habe ein konkretes Ziel vor Augen - und das heißt Abi 2019. Wieso hast du dich fürs Abendgymnasium entschieden? Es gibt auch andere Wege, ans Abitur zu kommen. Sascha: Ich habe erst gar keine andere Schule in Betracht gezogen. Ich mag das Viertel, war früher auf der Bosseschule gleich um die Ecke. Früher war in dem Gebäude des Abendgymnasiums die Gutenbergschule, eine Hauptschule, die mein Vater schon besucht hat. Es passte einfach. Vor Semesterstart musstest du noch einen Vorkurs machen - muss das jeder? Sascha: Nein. Weil ich auf meinem Realschulzeugnis eine Fünf in Französisch hatte, musste ich da rein. Ein halbes Jahr lief der Kurs. In Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch wurden wir alle auf einen Stand gebracht. Das war nicht schlecht, denn in der Zeit kann man schauen, ob das Abi überhaupt das Richtige ist. Ihr werdet im Klassenverband unterrichtet. Wer sind deine Klassenkameraden? Sascha: Ich bin mit 27 einer der ältesten, die meisten sind Anfang 20. Einer ist Soldat in Augustdorf, auch ein Logistiker ist dabei. Ganz unterschiedliche Leute. Ich habe auch schon Freundschaften geschlossen. Sind noch alle dabei, die mit dir angefangen haben? Sascha: Nein, einige haben abgebrochen. Wahrscheinlich war es doch zu viel für sie. Wir haben zwar keine Schulpflicht, aber nur wenn man regelmäßig kommt, kann man die Klausuren gut bestehen - ohne zu Hause auch noch viel lernen zu müssen. Wie sieht's denn mit Hausaufgaben aus, wann machst du die? Sascha: Zum Glück gibt's die an der Schule nicht. Auch wenn du einen langen, anstrengenden Arbeitstag hast, schreibst du abends noch Klausuren. Kannst du dich da noch konzentrieren? Sascha: Klar. Ich bereite mich darauf immer sehr gut vor. Deshalb hält sich auch meine Nervosität in Grenzen. Wie ist das Verhältnis zu den Lehrern? Sascha: Sehr entspannt. Sie haben immer ein offenes Ohr für uns. Wir stehen auf einer Ebene mit den Lehrern, das Verhältnis ist geprägt von Respekt. Viele waren selbst mal Schüler hier. Hast du überhaupt noch Freizeit? Sascha: Wenig. Ich bin großer Mountainbike-Fan, zum Fahren komme ich aber nur noch am Wochenende. Meine Freunde finden es gut, dass ich mein Abi nachhole. Sie verstehen, dass ich jetzt erstmal weniger Zeit habe.

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