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Der Abriss des Hofs Sudbrack. - © Sylvia Tetmeyer
Der Abriss des Hofs Sudbrack. | © Sylvia Tetmeyer

Bielefeld Experten: Denkmalpflege wird in Bielefeld sträflich vernachlässigt

Offene Briefe: Interessengemeinschaft schreibt an Stadt, BGW und Landeskonservator, um den Hof Kulbrock in Brackwede zu retten, aber auch vor der Schwäche der Denkmalbehörden zu warnen

Joachim Uthmann
30.03.2017 | Stand 29.03.2017, 18:01 Uhr

Bielefeld. Der Streit um den geplanten Abriss des Hofs Kulbrock in Brackwede sorgt jetzt für eine Grundsatzdebatte über den Wert und die Bedeutung des Denkmalschutzes in Bielefeld. Heftiges Geschütz fährt die Interessengemeinschaft Bauernhaus auf, ein Verein von gut 6.000 Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und Architekten, davon rund 400 in Bielefeld. Er warnt: „Staatliche und städtische Denkmalpflege sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen.“ Örtlicher Referent ist der Denkmalfachmann Alexander von Spiegel, der früher für die BfB, nach Austritt und Gründung der Wählergemeinschaft UBF für diese im Stadtrat und in der Bezirksvertretung Senne sitzt. Er setzt sich mit der Interessengemeinschaft für den Erhalt des Kulbrock-Hofes ein und fordert, dass er komplett unter Denkmalschutz gestellt wird. Die Wohnungsgesellschaft BGW, 75-Prozent-Tochter der Stadt, will ihn aber abreißen und durch ein Mehrfamilienhaus ersetzen. Dagegen gibt es heftigen Widerstand. Zwei Anträge auf Denkmalschutz liegen vor und mehrere Interessenten würden den Hof kaufen.Behörden haben immer weniger Einfluss Von Spiegel sieht in dem Hof Kulbrock ein Beispiel dafür, dass die Denkmalbehörden immer weniger Einfluss haben, der Denkmalschutz darunter leidet und immer mehr historisch wichtige Häuser verloren gehen. Der Unteren Denkmalbehörde bei der Stadt, die Baudezernent Gregor Moss (CDU) unterstellt ist, wirft von Spiegel „Investorenfreundlichkeit“ vor. Das gehe zu Lasten des Denkmalschutzes. In einem offenen Brief an Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD), Brackwedes Bezirksbürgermeisterin Regina Kopp-Herr (SPD), Landeskonservator Holger Mertens, BGW-Geschäftsführerin Sabine Kubitza, Professor Andreas Uffelmann als Vorsitzender des Beirats für Stadtgestaltung sowie den Kulturausschussvorsitzenden Christian von der Heyden (CDU) wirbt die Interessengemeinschaft für den Erhalt des baulichen Kulturerbes in der Stadt. Die hohe Qualität dürfe nicht Neubauten weichen, Geschichte müsse sichtbar bleiben. Dabei müsse die „Öffentliche Hand“ eine Vorbildrolle einnehmen. Doch der werde sie in Bielefeld nicht gerecht. Die „mangelnde Durchsetzungskraft“ der Denkmalbehörden wirke „wie ein Bumerang“, sie würden zu „zahnlosen Tigern“ – und das selbstverschuldet, weil sie sich nicht für die Denkmale einsetzten. Als Negativbeispiele nennt von Spiegel den Hof Sudbrack, Ramsbrocks und Schloßhof-Mühle.„Milliarden für den Naturschutz, aber kein Geld für Denkmäler“ Die Denkmalpflege werde „stiefmütterlich“ behandelt, bedauert von Spiegel. Anders sehe es im Naturschutz aus, in den Milliardensummen fließen würden und der viel Einfluss habe. Beide seien nach dem Raumordnungsgesetz aber gleichberechtigt. Doch für Denkmalschutz gebe es keine Fördermittel und kein Verbandsklagerecht. Die Experten fordern zum Umdenken auf und schlagen die Bildung einer Arbeitsgruppe vor, der sich um den Hof Kulbrock kümmert, aber auch um andere Gebäude in der Stadt. Ein weiterer Konflikt bahnt sich bei der Gesamtschule in Schildesche an, die nach Ansicht des entwerfenden Architekten unter Denkmalschutz gestellt werden sollte, die die Stadt aber durch einen Neubau ersetzen will. Die obere Denkmalbehörde hält das Gebäude für denkmalwürdig, die Stadt aber nicht. Moss drängt jetzt auf eine Entscheidung, die notfalls der Minister in Düsseldorf fällen müsste. Lange Auseinandersetzungen mit den Denkmalbehörden hatte es auch um den Umbau der Lampe-Bank am Alten Markt gegeben. Hier waren sich die obere und untere Behörde einig – setzten schließlich Auflagen durch. Zur Hängepartie ist die Zukunft der Mühle am Schloßhof geworden, in der noch viele alte Geräte gut erhalten stehen, teils betriebsbereit wären. Seit Jahren gibt es Bemühungen, die Mühle museal zu nutzen. Die Behörden tun sich schwer. Die Bezirksvertretung Mitte fragt heute noch mal nach.

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