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Schauspielerin Isabell Giebeler spielt die junge Frau, die apathisch in der Wanne sitzt. - © Screenshot: Martin Larius
Schauspielerin Isabell Giebeler spielt die junge Frau, die apathisch in der Wanne sitzt. | © Screenshot: Martin Larius

Bielefeld Bewegender Film wirbt für schnelle Spurensicherung nach sexueller Gewalt

Beweise werden mindestens zwei Jahre aufgehoben, bis das Opfer doch Strafanzeige erstatten will. Kostenloses Angebot drei Bielefelder Kliniken soll bekannter werden

Jens Reichenbach
17.03.2017 | Stand 17.03.2017, 18:54 Uhr |

Bielefeld. Ein junge Frau sitzt apathisch in der Badewanne, sie schrubbt ihre Haut, ihr trauriger Blick geht ins Leere. Sie hat gerade Schreckliches erlebt. Doch keine Seife der Welt kann ihr helfen. Im Gegenteil: Nach erfahrener sexueller Gewalt alle Spuren der Tat fortzuwaschen, ist der falsche Weg, sagen Experten. Frauennotruf und Mädchenhaus in Bielefeld wollen die nötige klinische Hilfe unter dem Motto „Mach den ersten Schritt! Lass Dir helfen!" mit einem besonderen Kinokurzfilm nun bekannter machen. Die Kamera folgt der jungen Frau - gespielt von Isabell Giebeler vom Theater Bielefeld - rückwärts durch die Nacht - bis sie auf einem Steg ankommt, überlegt...und diesmal eine andere Richtung einschlägt. Worte sind nicht nötig, die Mimik der Schauspielerin sagt alles. Nun gehen die Bilder wieder vorwärts bis die junge Frau vor einem Krankenhaus steht. Der Bielefelder Filmemacher Martin Larius erklärt: "Das war unsere grundlegende Idee. Wir drehen die Zeit zurück, bis sie sich neu entscheidet und den richtigen Weg zur Klinik nimmt." Maria Therre vom Mädchenhaus Bielefeld erklärt: "Polizeiermittler und Anwälte berichten uns ganz oft, dass viele Opfer als erstes alle Spuren vernichten. Das Bedürfnis, die Klamotten wegzuwerfen und alle Spuren zu vernichten, ist verständlich, aber das falsche Verhalten." Drei Kliniken helfen auch ohne Anzeige bei der Polizei Denn Opfer von sexueller Gewalt haben in Bielefeld die Möglichkeit, sämtliche Spuren der Tat von Frauenärztinnen aller drei großen Kliniken (Klinikum Bielefeld Mitte, Evangelische Klinik Bethel "Gilead" und Franziskus-Hospital) sichern und die entstandenen Verletzungen dokumentieren zu lassen. Auch wenn die Betroffene noch nicht weiß, ob sie Strafanzeige erstatten will. "Kommen Sie als erstes noch vor dem Duschen zu uns", rät Oberärztin Olga Tarusinov vom Klinikum Mitte, die am Ende des Kurzfilms der in Bielefeld, Minden und Münster gedreht wurde, die Zuschauer direkt anspricht: "Wir untersuchen Sie und wir können Spuren sichern. Auch ohne Polizei." Die Untersuchung ist absolut vertraulich. Dazu gehört neben einem Fragebogen und einer relativ normalen gynäkologischen Untersuchung auch ein Test auf K.O.-Tropfen, wenn sich der Verdacht ergibt. Bei Bedarf werden Verletzungen auch fotografisch dokumentiert. Zwei Jahre und mehr Zeit bis zur Anzeigenerstattung Alle Spuren und Beweise werden verschlossen, bis die Betroffene doch zur Polizei geht und Strafanzeige erstattet. Erst dann werden die Spuren der Kripo übergeben. Mindestens zwei Jahre lang bleiben die Spuren in einer Box in der Klinik verschlossen. Laut Tarusinov gab es gerade in ihrer Klinik eine Anfrage, sieben Jahre nach der Tat noch gesicherte Spuren der Polizei zu übergeben. Das kostenlose Angebot der Kliniken nennt sich "anzeigenunabhägige Spurensicherung" und es gibt sie schon seit Anfang der 2000er Jahre im Klinikum Mitte.Vor zwei Jahren kamen die beiden anderen Krankenhäuser dazu. Nach Angaben von Melanie Rosendahl vom Frauennotruf wurde ASS im vergangenen Jahr 13-mal in allen drei Kliniken in Anspruch genommen. Zwei dieser Spuren wurden bisher abgeholt. Film kann von anderen Kommunen übernommen werden "Das Angebot ist inzwischen bei vielen Frauen in Vergessenheit geraten", sagt Rosendahl. "Deshalb haben wir 2016 beim Land eine Förderung für Werbemittel beantragt." 13.000 Euro flossen in Plakate und Flyer, die bereits im Umlauf sind. Ein Großteil des Geldes wurde allerdings in den Werbefilm gesteckt, den theoretisch auch viele andere Kommunen übernehmen können. "Herford arbeitet bereits an einer eigenen Version", so Larius. Seit zwei Wochen läuft der Bielefelder Kurzfilm im Lichtwerk und in der Kamera im Werbeblock. Offenbar mit Erfolg: "Ich habe das Gefühl, dass es mehr wird. In diesem Jahr sind schon vier Spurenboxen von der Polizei abgeholt worden", so Tarusinov. In diesem Flyer finden sich alle Infos zur anzeigenunabhängigen Spurensicherung.

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