Verloren: Trennen sich die Eltern, brauchen Kinder vor allem Geborgenheit und einen ruhigen Zufluchtsort. - © picture alliance/chromorange
Verloren: Trennen sich die Eltern, brauchen Kinder vor allem Geborgenheit und einen ruhigen Zufluchtsort. | © picture alliance/chromorange

Bielefeld Eine Woche Mama, eine Woche Papa: Warum ein BGH-Urteil eher schadet als hilft

Experten sehen Wechselmodell nicht unbedingt als Wohl des Kindes

Bielefeld. Eltern, die die Betreuung für ihr Kind nach der Trennung vom Partner gleichwertig aufteilen wollen, können dieses "Wechselmodell" künftig einklagen. So lautete vergangene Woche das Urteil des Bundesgerichtshofes.  Zunächst hört sich das gut an: Väter, die mehr Rechte und mehr Kompetenzen bekommen, die mehr Verantwortung übernehmen und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Doch Pädagogen, Psychologen und Familienberater sehen die Entscheidung und das Betreuungsmodell kritisch. "Was Kinder nach einer Trennung brauchen, ist Stabilität, Kontinuität und einen Alltag mit festen Strukturen", sagt Monica Wieler, leitende Psychologin im Evangelischen Klinikum Bethel. "Ob sich das sicherstellen lässt, wenn das Kind jede Woche die Wohnung und den Bezugspartner wechselt, bezweifle ich." Gerade, wenn die gesamte Basis, das Elternhaus, die Eltern als Einheit wegfielen, klammerten Kinder sich an Gewohntes: Freunde, Verabredungen, Hobbys, Schule, Abläufe. "Das ist viel schwerer leistbar und aufrecht zu erhalten, wenn es zwei Wohnorte, zwei Umfelder, zwei Nachbarschaften gibt." Gute Erfahrungen mit dem Wechselmodell Wieler und ihr Kollege Alexander Fahrner, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, sehen auch das Alter als ein Problem: "Es gibt eine Faustregel bezüglich des Erinnerungsvermögens: Kinder mit einem Jahr können sich etwa einen Tag zurückerinnern - auch an Bezugspersonen. Kinder mit zwei Jahren zwei Tage, usw. Das heißt, Kleinkinder müssen sich bei einem Wechselmodell in ihrer Wahrnehmung jede Woche an eine komplett neue Person gewöhnen." Einer, der all diese Bedenken nicht teilen kann, ist der Bielefelder Daniel B. (Name geändert). "Für mich wäre es nach unserer Trennung nicht in Frage gekommen, meine Kinder nur am Wochenende zu sehen." Seit zwei Jahren wechseln B. und seine Ex-Frau sich deshalb mit der Betreuung ab. Allerdings nicht nach einem zeitlich fest getakteten Abstand, sondern nach Bedarf: Beide arbeiteten zunächst noch im Schichtdienst, deshalb sind die Kinder, fünf und sechs Jahre alt, bis heute drei Tage beim einen, drei Tage beim anderen. Daniel B.'s Bilanz nach zwei Jahren: Allen geht es gut. "Die Kinder haben ja Stabilität: Entweder sind sie bei mir oder bei meiner Ex-Frau. Und wir sprechen alles genau mit ihnen ab: Heute Nachmittag holt Mama euch von der Kita und in drei Tagen seid Ihr dann wieder bei mir." Trennung auf dem Rücken der Kinder Allerdings muss B. einräumen: Funktionieren tut das alles nur, weil er und seine Frau sich noch gut verstehen. "Wir telefonieren jeden Tag, müssen viel absprechen: Wer ist wann dran, wer besorgt das Geschenk für den Kindergeburtstag, wer geht neue Schuhe kaufen. Und wir lassen auch mal Fünfe gerade sein: Wenn der andere was Besonderes vorhat, treten wir Tage mit den Kindern ab." Widersinnig findet er deshalb die Entscheidung des Bundesgerichtshofes: "Das geht natürlich alles nicht mehr, wenn man sich gegenseitig vor den Richter geschleift hat." Dieser Ansicht sind auch Britta Kolbe und Wolfgang Bergmann. Das Paar berät und coacht in seiner Bielefelder Praxis "Leichtsinn - Leichtigkeit und Sinn" Familien und Paare - auch in Trennungssituationen. Sie wissen: Das Wechselmodell erfordert viel Bereitschaft zur Kommunikation und zur Kooperation. "Das kriegen  Paare während und nach der Trennung aber oftmals nicht hin - dabei ist das die Basis für das weitere Miteinander und um gemeinsam Eltern zu bleiben." Theoretisch stehe immer das Kindeswohl im Vordergrund - in der Praxis sehe das aber häufig anders aus. Bergmann: "Da werden die Trennungen leider oft auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Manchmal instrumentalisieren Vater oder Mutter die Kinder, weil es dann doch um die eigenen Verletzungen geht." Vor diesem Hintergrund müssten sich Eltern auch fragen: "Ist es wirklich gut für unser Kind, jede Woche bei einem anderen Elternteil zu leben? Oder geht es in Wahrheit darum, genauso viele Rechte, genauso viele Kompetenzen wie der Ex-Partner zu haben? Aus unserer Sicht ist es wünschenswert, das Wohlergehen des Kindes und die eigenen Verletzungen getrennt zu betrachten. Für die Kinder ist es ein Geschenk, wenn es den Erwachsenen gelingt, auf Elternebene friedlich im Gespräch zu bleiben." Bettnässen und mangelnder Lebenswille Dass es durchaus Sinn macht, auch kleine Kinder in Entscheidungen mit einzubeziehen, erfahren Kolbe und Bergmann im von ihnen praktizierten Familienrat: Hier dürfen unter Begleitung der Coaches alle mitreden und alle miteinander reden - nur nicht übereinander. Und es sollen auch alle mitkommen - auch Babies, die noch gestillt werden, damit selbst die Kleinsten miterleben, dass die Erwachsenen für ihre Entscheidung Verantwortung übernehmen. "Dann können die Eltern erklären, warum sie sich trennen. Sie dürfen zum Beispiel zeigen, dass sie darüber traurig sind. Die Kinder merken: Sie werden mit einbezogen Und dass es okay ist, traurig zu sein oder Angst zu haben. Das öffnet den Raum dafür, dass sie sich öffnen und über ihre eigenen Gefühle sprechen können." Denn, und darin sind sich sowohl die Experten vom EvKB als auch die Coaches einig: Kinder merken alles - auch Unausgesprochenes. Und leiden tun sie unter einer Trennung auch immer. Wie stark, ist aber maßgeblich davon abhängig, wie gut die Eltern harmonieren. Markus Guhl ist Leiter der Beratungsstelle von pro Familia in Witten. Mit seinem Team hat er sich unter anderem auf Erziehungsberatung spezialisiert und weiß aus dem Alltag: "Kinder wollen nicht mit Erwachsenenthemen belastet werden. Sie wollen nicht den Streit. Sie wollen nicht instrumentalisiert werden. Aber sie springen ein, sie verbiegen sich, trösten, unterstützen, verstummen, wenn sie den Eindruck haben, es hilft den Eltern. Und das ist alles nicht gut." Rückschritte in der Entwicklung wie Bettnässen und Nuckeln, Entwicklung von starken Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Aggressionen, motorische Unruhe sind nur einige der Symptome, die Kinder entwickeln, wenn das Leid zwischen den Fronten zu groß wird. Facharzt Fahrner aus dem EvKB behandelte kürzlich ein Scheidungskind, das klar äußerte, nicht mehr leben zu wollen. Im Fall einer Trennung rät Guhl deshalb immer: Machen Sie den Ex-Partner vor dem Kind nicht schlecht. Regeln Sie Erwachsenenthemen unter sich. Beziehen Sie das Kind mit ein. Prüfen Sie sich auf Kränkungen und Verletzungen. "Und vor allem: Lassen sie den schlechten Ehemann/die schlechte Ehefrau einen guten Vater/eine gute Mutter sein. Und dann kommt das Kind schon klar."

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