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Offenes Ohr gesucht: Die Mitarbeiter der Bielefelder Nightline bieten sich als Zuhörer an. - © dpa
Offenes Ohr gesucht: Die Mitarbeiter der Bielefelder Nightline bieten sich als Zuhörer an. | © dpa

Bielefeld Diese Hotline hilft verzweifelten Studenten in Bielefeld

Bei der „Nightline“ melden sich Anrufer, die das Studium stresst, die sich einsam fühlen oder einfach Redebedarf haben. Die Telefonhelfer müssen ihre Tätigkeit streng geheim halten

Hanna Paßlick
03.02.2017 | Stand 03.02.2017, 17:53 Uhr

Bielefeld. Sie sind es – und sind es eigentlich nicht. Karla Gretenkord (19) und Claudia Carvalho Da Silva (20) arbeiten für die Bielefelder „Nightline" – eine Telefonhotline von Studenten für Studenten. Doch die beiden Studentinnen übernehmen keine Telefondienste. Sie haben sich bereit erklärt, mit der NW über die Arbeit der Hotline zu sprechen. Die beiden jungen Frauen sind das Sprachrohr der Nightline nach außen. Damit schützen sie die Identität ihrer Kollegen am Telefon. Rund 50 dieser ehrenamtlichen Helfer übernehmen Telefondienste bei der Nightline. Ihre Arbeit beginnt am frühen Abend und dauert bis Mitternacht. „Das ist die Zeit, in der viele Leute erstmals wieder zur Ruhe kommen und Zeit haben, nachzudenken", sagt Karla. Wenn der passende Gesprächspartner fehle, oder es um heikle Themen gehe, würden sich die Anrufer an die Nightline wenden. Geht ein solcher Anruf ein, fragen die Nightliner nicht, mit wem sie sprechen. Aber auch ihre eigenen Namen nennen sie nicht. „Anonymität ist eine unserer wichtigsten Regeln", sagt Karla . Niemand soll wissen, mit wem er spricht. Das schütze beide Seiten und gebe den Gesprächspartnern Sicherheit. Doch die Geheimhaltung geht noch einen Schritt weiter. Für den Pressetermin mit der NW wurde ein neutraler Ort auf dem Unigelände ausgesucht. Die Frage nach dem Raum für die Nightline beantwortet Karla mit „bleibt geheim". Auch das gehöre zum Schutz der Hotline-Mitarbeiter. Diese und weitere Maßnahmen erfordern von den Nightlinern viel Disziplin: Sie müssen nicht nur am Telefon anonym bleiben und geheim halten, wo sie arbeiten, sondern dürfen auch nicht verraten, dass sie überhaupt für die Nightline arbeiten. Das gelte auch für das engste Umfeld der Helfer, sagt Claudia Carvalho Da Silva. Damit die Nightliner trotzdem Gelegenheit haben, sich auszutauschen, gebe es Fortbildungen und Gruppentreffen. Hierzu würden auch externe Profis eingeladen. Sie sollen den Telefonisten zeigen, wie sie in schwierigen Situationen künftig noch besser agieren können. Die Themen, die bei den Nightlinern auflaufen, reichen vom einfachen Redebedarf bis hin zur großen Verzweiflung am anderen Ende der Leitung. Viele Hilfesuchende hätten Stress in der Uni und würden unter Leistungsdruck und großen Erwartungen im Studium leiden, sagt Claudia. Das zeige sich vor allem zum Semesterende: Während dieser Zeit würde die Zahl der Anrufe rasant zunehmen. Melden würden sich aber auch Studenten, die einsam seien, weil sie keinen Anschluss finden, oder weit weg von Zuhause sind. „Es gibt Anrufer mit Liebeskummer, Anrufer, die traurig sind, oder solche, die sich einfach nur etwas von der Seele reden wollen", sagt die Studentin. Die Nightline soll eine Hotline für alle Problemlagen sein. Doch es gibt Vorgaben, die die Arbeit klar definieren und damit auch einschränken. Die Telefon-Helfer hören zu, zeigen Verständnis und kommunizieren auf Augenhöhe. Aber sie beraten und therapieren nicht. „Das dürfen wir nicht", betont die Studentin. Wenn das Gespräch als solches nicht mehr ausreiche, müssten die Telefonisten auf andere Hilfsangebote in der Hochschule wie die psychologische Beratung oder den Career Service verweisen. Die Nightline biete demnach keine Seelsorge im klassischen Sinne an. Aber sie agiere als anonymes, offenes Ohr in der Uni.

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