Bielefeld Einmalig: Café Knigge bietet erste Speisekarten in Blindenschrift

Viele andere Gastronomen hatten kein Interesse

Bielefeld. Vier jungen Frauen ist es zu verdanken, dass Blinde wenigstens in einem Bielefelder Lokal künftig die Karte mit Hilfe von Blindenschrift-Schrift verstehen können. Die künftigen Heilpädagoginnen am Berufskolleg Bethel sind Dorothee Krafft, Regina Bergen, Viktoria Hempel und Isabelle Kuznik. Bei ihrem Projekt zum Thema „Menschen mit Sehbehinderungen" entdeckten sie, dass dieser Zielgruppe in der Stadt unter anderem eins fehlt: Speisekarten für Blinde und Sehbehinderte. Das wollten sie ändern. Ein Restaurant nach dem anderen versuchten sie für ihre Idee zu begeistern. Erfolglos. „Entweder war der Chef gerade nicht da, oder es handelte sich um einen Franchising-Betrieb, in dem keine Entscheidungen getroffen werden konnten", sagt Isabelle Kuznik. Auf offene Ohren stießen sie erst bei ihrer 13. Anfrage, bei Dominik Heuer. Der Geschäftsführer im Café Knigge sagte spontan zu. „Wir haben häufig Kunden mit Sehbehinderungen", erläutert er. Unter den Stammgästen befinde sich gehöre in der Weihnachtszeit auch eine Klasse der Opticus-Schule. 50 Karten für Sehbehinderte ließ Heuer drucken, in größerem Format als die herkömmliche und mit einem Speise- und Getränkeangebot in Großbuchstaben. Dazu gab er in einer Spezialdruckerei in Paderborn 30 Exemplare mit der erhabenen Braille-Schrift in Auftrag. Mit etwa 250 Euro beziffert Heuer die Kosten. Diese Serviceleistung für eine besondere Zielgruppe ist nicht die einzige in den drei Knigge-Betrieben. „Trotz ihrer Einschränkung sollen sich Menschen mit Sehstörungen bei uns wohl fühlen", sagt Heuer. Dazu gehören seiner Überzeugung nach auch Mitarbeiter, die auf die Bedürfnisse eingehen. Die Fähigkeit dazu haben die künftigen Heilpädagoginnen vermittelt. Bei ihnen lernte das Servicepersonal, wie sie Blinde erkennen und ansprechen und warum sie ihnen einen möglichst ruhigen Platz im Lokal anbieten. Sehgestörte haben nämlich auch Probleme bei akustischer Wahrnehmung, erläutert Konrad Gerull, Regionalgruppenleiter bei Pro Retina, einer Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen. Von ihm stammt der Vorschlag, die Speisen auf der Karte in derselben Anordnung aufzuführen, wie sie auch auf dem Teller angeordnet sind: im Uhrzeigersinn. Die Inspirationsquelle – der Film „Erbsen auf halb sechs". In dieser Tragikomödie muss sich ein erblindeter Regisseur darauf verlassen, dass die Erbsen auf „halb sechs" auf dem Teller liegen. Nach diesem Prinzip kommen die Speisen ab sofort in den drei Bielefelder Café auf den Tisch, das hat Heuer zugesagt. Im kommenden Sommer plant der Konditor am Stammsitz an der Bahnhofstraße einen Umbau. Die untere Etage werde modernisiert, die Wand im hinteren Bereich herausgerissen und eine leicht zugängliche Behindertentoilette eingebaut. Davon profitieren dann auch die blinden Gäste. „Die Auffindbarkeit der WCs in Lokalen ist für uns ebenfalls wichtig", sagt Gerull. Im Vergleich mit anderen Städten schneidet die Gastronomie in Bielefeld schlecht ab: Die Online-Datenbank „Touristische Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland" führt in Marburg 20 Lokale mit einer Speisekarte in Blindenschrift auf.

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