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Vor den Toren der Alm: Stadionbesucher Dominik Böhm stellt eine leere Flasche in den Korb von Helmut Rentel (r.). Wegen des kalten Wetters hat sich der 62-Jährige eine schwarze Mütze aufgesetzt. Darauf zu erkennen: das Arminia-Logo. - © Christian Weische
Vor den Toren der Alm: Stadionbesucher Dominik Böhm stellt eine leere Flasche in den Korb von Helmut Rentel (r.). Wegen des kalten Wetters hat sich der 62-Jährige eine schwarze Mütze aufgesetzt. Darauf zu erkennen: das Arminia-Logo. | © Christian Weische

Bielefeld Unterwegs mit dem Flaschensammler von der Bielefelder Alm

Im Porträt: Helmut Rentel steht bei jedem Arminia-Heimspiel am Stadion und hofft, dass die Fans viel Leergut in seine Plastikkörbe legen

Dennis Rother
19.12.2016 | Stand 19.12.2016, 12:16 Uhr

Bielefeld. Seine knallroten Plastikkörbe sind im schwarz-weiß-blauen Farbenmeer schon von weitem erkennbar. Rund zwei Stunden vor dem Anpfiff zu Arminias Heimspielen stellt Helmut Rentel vier Stück vor den Toren der Alm auf, in der Hoffnung, dass die Fans Pfandflaschen und Dosen hineintun. An guten Tagen bringt das Leergut 50 Euro. Almosen sind das nicht, findet Rentel, er habe sogar einen Ehrenkodex, mache das Beste aus seiner prekären Lage. Denn freiwillig sammelt er nicht. Rentel ist 62 Jahre alt und kommt aus Augustdorf. Hoch aufgeschossen und kräftig ist er, trägt Schnäuzer, hat einen warmen, schelmischen Blick. "Ich habe lange im Speditionsbereich gearbeitet, seit acht Jahren lebe ich von Hartz IV", erzählt er. Rausgeflogen sei er nicht, Mitleid wolle er nicht. "Ich habe selbst gekündigt", betont er. Sein Arbeitgeber habe damals vor dem Bankrott gestanden. Große Sprünge erlaube ihm Hartz IV nicht, also habe er sich irgendwann überlegt, wie er sich etwas dazuverdienen könne. Seit 2015 steht er vor der Alm, bei Sonne, Regen, Schnee. An diesem Sonntag vor dem Spiel gegen Dynamo Dresden hat sich Rentel wegen der eisigen Brise besonders dick eingemummelt. Mütze mit DSC-Logo auf dem Kopf, Handschuhe an, lange Unterhose ebenso. "Die passt schon fast nicht mehr, denn ich habe zuletzt durch die ganze Bewegung stark abgenommen", sagt er. Rentel sammelt mittlerweile nicht mehr nur in Bielefeld: Am Samstag ging's zu Werder Bremen, am Montag davor war er beim VfB Stuttgart. Er fährt mit dem Zug. "Weil ich gehbehindert bin, kostet das nichts." Auswärts ist Rentel Gast, bei Arminia gehört er zum Stamm. Mit den Plastikkörben hat er quasi sein Revier abgesteckt, schließlich ist er längst nicht der einzige Sammler. Rentel ist bekannt, fast Kult, nicht nur bei den Ordnern. "Helmuuuuut" rufen gleich mehrere DSC-Anhänger ihm fröhlich entgegen. Rentel lächelt verschmitzt. Zum Quatschen nimmt er sich immer Zeit. Meist ist er aber auf Achse, pendelt zwischen den Körben hin und her, um sie auszuleeren. Die Flaschen werden am Zaun deponiert, abtransportiert wird schließlich per Einkaufswagen. Hunderte Flaschen kämen regelmäßig zusammen, sagt Rentel. 51 Euro sei der Bielefelder Rekord gewesen, bei einem Trip zum Millerntor nach St. Pauli waren es sogar mal 550, habe er gezählt. Rentel freue sich zwar mit "seiner" Arminia, doch so richtig fußballbegeistert sei er nicht. "Im Stadion bin ich nie", sagt er. Autogramme der DSC-Kicker besitze er dennoch. Bei einem Freundschaftsspiel in Verl - auch dort war Rentel zum Flaschensammeln - habe er sie im Sommer abgestaubt. Sie prangen jetzt auf seiner Mütze. Ein bisschen stolz sei er darauf schon. Wichtig ist Rentel vor allem eines: untadeliges, geradezu ehrenwertes Verhalten. "Wenn ich gehe, ist mein Arbeitsplatz sauberer als zuvor", berichtet er und zeigt auf seine Greifzange, die am Bordstein lehnt. "Im Gebüsch liegt hier Müll von zwei Wochen. Den räume ich weg. Immer." In Mülleimern nach Flaschen fischen, gar wühlen, das mache er dagegen aus Prinzip nie. "Da packt man in Spritzen und sonstwas." Wie lange er sich noch als "Jäger und Sammler" betätigen will, könne er noch nicht sagen. Ab Ende diesen Monats bekommt Rentel Rente, reich werde er davon aber nicht. "Jetzt geht's mir erstmal um ein Weihnachtsgeschenk", sagt der 62-Jährige kurz vor dem Anpfiff mit Blick auf den schier unablässigen Strom von Arminia-Fans Richtung Alm. Zwar trotteten sie nach dem 1:2 bedrückt heimwärts, aber im neuen Jahr werden sie wohl wiederkommen. Genau wie Helmut Rentel.

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