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Das "Rudelsingen" sorgte für volles Haus in der Oetkerhalle. - © Oliver Krato
Das "Rudelsingen" sorgte für volles Haus in der Oetkerhalle. | © Oliver Krato

Bielefeld Imposanter Weihnachts-Chor: 1.100 Menschen beim Benefiz-Rudelsingen in der Oetkerhalle

Erlös in Höhe von 3.500 Euro geht an die Bürgerstiftung

Dennis Rother
06.12.2016 | Stand 06.12.2016, 16:20 Uhr

Bielefeld. Beim ersten Blick in die Oetkerhalle fällt Helen Westermann fast die Kinnlade herunter. „Hätten wir reservieren sollen?", fragt die 55-Jährige verblüfft im proppevollen Foyer ihren Mann Thomas. Zum ersten Mal sind die beiden Dornberger am Montag beim „Rudelsingen", einer Mischung aus Kollektiv-Karaoke und Mitmachabend, und den vielen anderen erstaunten Gesichtern ist zu entnehmen: Sie sind nicht die einzigen Premierengäste. Was sie erwarten? Helen Westermann hofft auf „anheimelnde Vorweihnachtsstimmung". Die gibt’s. Und noch viel mehr. Halb acht, der Saal ist voller Hobbysänger, schon auf der Empore sitzen Hunderte. 1.100 sind insgesamt gekommen, die meisten mittleren Alters, viele Frauen. Auftritt David Rauterberg. Der 49-Jährige ist Zampano und Vorsänger, manchmal auch Animateur. Diesmal nicht. Das braucht der gespannte Chor gar nicht, merkt er, und ist fast ergriffen ob der Resonanz. „Ihr raubt mir den Atem", sagt er. Dann geht’s los – etwas anders als erwartet. Udo Jürgens’ Dauerbrenner„Ich war noch niemals in New York" überrascht und entpuppt sich als Eisbrecher. Alle trällern lauthals los. Wer den Text nicht komplett kann, für den blendet Rauterberg auf der Bühnenleinwand die Zeilen ein. Gesungen wird im Stehen, aus dem Stehen wird beschwingtes Hin- und herwippen, und wer wippt, für den ist das Schunkeln auch nicht weit. Geklatscht wird sowieso, und manch einer tanzt im wahrsten Sinne des Wortes schon aus der Reihe – nach kaum zwei Minuten. Es folgen unter anderem „La Paloma" von Hans Albers, also Fernweh, Herzschmerz, Melancholie, weniger Party, ehe es dann mit „Jingle Bells" zum ersten Mal adventlich wird. Karin Deppe singt und strahlt: Die 46-Jährige ist die einzige „Kostümierte", hat sich einen Haarreif mit knallrotem Rentier-Geweih aufgesetzt. „Nimm’ das doch ab", habe ihr Mann etwas geniert gesagt, aber sie blieb beim Kopfschmuck. Daheim singe die Familie an Heiligabend auch, „aber in solch einem Saal in so großer Runde habe ich das noch nie gemacht". Damit’s nicht monoton wird, macht Rudelführer Rauterberg nach zwei Weihnachtsliedern wieder einen musikalischen Schnitt und stimmt begleitet vom Klavier die Operetten-Arie „Dein ist mein ganzes Herz" an. Die beginnt gemächlich, wird immer wuchtiger, und dröhnt letztlich hymnenhaft aus Tausend Kehlen wohl bis auf die Stapenhorststraße. „Altehrwürdige Halle, eindrucksvolle Akustik", sagt David Rauterberg in der anschließenden Mini-Pause. Rauterberg muss es wissen: Der Miterfinder des Rudelsingens ist ausgebildeter Sänger, Leiter von Gospelworkshops, Band-Mitglied. Helen Westermann hat mittlerweile den Schal abgelegt. „Warmgesungen" sei sie spätestens nach „Es gibt kein Bier auf Hawaii" von Paul Kuhn gewesen, sagt sie und lacht. Karin Deppe bleibt indes adventlich aufgetakelt. Weiter geht’s mit dem munteren Ritt durch die Genres. Auf „Rudolph", dem rotnasigen Rentier, durch Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei" entlang Pink Floyds „Brick in the Wall" Richtung „Winter Wonderland" zum „Last Christmas" . Schließlich steht Besinnliches auf dem Programm: „Stille Nacht", ein deutscher Klassiker. „Anheimelnd" wird’s, geradezu andächtig. Helen Westermann hatte Recht. Info: Der Reinerlös der Benefiz-Aktion in Höhe von 3.500 Euro geht als Nikolausgeschenk an die Bielefelder Bürgerstiftung, so David Rauterberg. Während Kirchenchöre und Gesangsvereine seit Jahren Mitglieder verlieren, läuft das ungezwungene Rudelsingen bestens: Mehr als 750 Großveranstaltungen gab es bislang schon bundesweit. Oldies, Volkslieder, Shantys, Ballermann-Hits, von ACDC bis Nena – was bekannt ist, wird geschmettert. So feiere gemeinschaftliches Singen ein „Comeback", heißt es von den Veranstaltern.

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