Der Novum-Erfinder: Lothar Schwier verkaufte früher Radios und Fernseher, dann wechselte er die Branche. Anfang der 1990er hob er den Novum-Erotik-Markt aus der Taufe, 2017 wird die 24. Filiale eröffnet. - © Foto: Andreas Zobe
Der Novum-Erfinder: Lothar Schwier verkaufte früher Radios und Fernseher, dann wechselte er die Branche. Anfang der 1990er hob er den Novum-Erotik-Markt aus der Taufe, 2017 wird die 24. Filiale eröffnet. | © Foto: Andreas Zobe

Bielefeld Bielefeld erfolgreichstes Pflaster für Erotikfachhändler Novum

25 Jahre im Geschäft mit der Lust

Ariane Mönikes

Bielefeld. Er sieht sich als moderner Oswald Kolle, will Aufklärung für Erwachsene machen: Seit 25 Jahren verkauft Lothar Schwier (60) Sex-Spielzeug. Das Geschäft mit der Lust funktioniert, seine Erotik-Markt-Kette Novum ist auf Expansionskurs. Die Neue Westfälische stellt sein Lust-Imperium vor. Die Geschäftsidee Schwier kommt aus der Unterhaltungselektronik, hat eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht. Als die Erfolgsgeschichte der Branchenriesen wie Media Markt begann, sattelte er auf die Sex-Branche um. "Ich hatte den Traum von einem Erotik-Supermarkt", sagt er. Die Sex-Artikel sollten sich besser als Radios und Fernseher verkaufen. Gestartet ist er in Minden auf 400 Quadratmetern. "Das war damals schon groß." Heute gehört die Immobilie ihm, 2.500 Quadratmeter ist der Erotik-Markt mittlerweile groß. Innerhalb kürzester Zeit machte Schwier Millionen-Umsätze, fast in jedem Jahr kam ein neuer Novum-Markt hinzu - und er will weiter expandieren. Nächstes Jahr soll der 24. Novum eröffnet werden. Die Unternehmens-Zentrale ist seit 1998 an der Eckendorfer Straße. Das Erfolgsrezept Schwier wollte es anders machen als die Sex-Shops der 70er Jahre. Statt Schmuddel-Atmosphäre setzt er in seinen Märkten auf den Wohlfühlcharakter: warmes Licht, Prosecco und großflächige Räume. Davon getrennt sind die Bereiche für Kinos und Kabinen. Mit seinen sauber ausgerichteten Läden habe er die Sex-Shops verdrängt. "In Bielefeld gibt es keinen einzigen solcher Läden mehr." Sein Blick war von Anfang an gezielt auf Frauen gerichtet, erklärt er. Die wollte er in seine Läden holen. Wichtigste Erfolgssäule ist nach wie vor der Einzelhandel. Schwier spricht nicht darüber, wie viele Millionen Umsatz er jährlich mit seinen Erotik-Läden macht. Nur so viel: "Es sind mehrere." Die Läden 23 Erotik-Märkte in ganz Deutschland hat Schwier aufgebaut, drei davon sind Franchise-Läden. Sein größter Erotik-Markt ist in Osnabrück mit 4.000 Quadratmetern. Laut Schwier ist es sogar der größte in Europa. Die meisten Märkte sind in OWL (Herford, Bad Salzuflen, Detmold, Paderborn). Novum ist aber mittlerweile auch in Ingolstadt, Delmenhorst und Kaiserslautern vertreten. In Lippetal hat Schwier vor vier Jahren  einen Erotik-Markt an der Autobahn eröffnet. "Die Kunden kommen, weil es anonym ist." Seit Jahren schon setzt Schwier in seinen Läden auf Shop-in-Shop-Systeme. "Die Warenpräsentation wird immer wichtiger, weil sie dem Kunden einen Anreiz liefert." Den größten Umsatz mache er in Bielefeld. Kein Wunder, an gleich drei Standorten - Eckendorfer, Herforder und Jöllenbecker Straße - ist Novum in der Stadt vertreten. Die Immobilien sind seine. Die Stars der Branche "Alle waren da", sagt Schwier. Dolly Buster, Gina Wild, Jana Bach, Kelly Trump, Helen Duval, Vivian Schmitt und Texas Patti. "Mit Gina Wild habe ich mich hervorragend unterhalten", sagt Lothar Schwier. Als sie in Bielefeld zu Besuch war, habe sie auf der Fahrt das Angebot bekommen, die TV-Sexshow "Peep!" zu moderieren. "Die musste sich erst mal setzen", erinnert sich Schwier. Die Kunden 60 Prozent der Kunden sind weiblich. "Die ergreifen in der Beziehung eher die Initiative und ziehen die Männer mit in den Laden", sagt Novum-Bereichsleiterin Ann-Christin Krajczy (33). Die Kundenzahl hätte sich in den vergangenen Jahren zwar verringert, die Einkäufe pro Kunde seien aber in die Höhe gegangen. Die meisten Novum-Kunden würden übrigens in Bar bezahlen. "Wer weiß, wer den Kontoauszug hinterher in die Finger bekommt", sagt Schwier. Bargeldloser Zahlungsverkehr wäre für ihn eine Katastrophe. Das Internet Schwiers Hauptanliegen ist der Einzelhandel, das Geschäft im Internet läuft zusätzlich. "Uns ist es gelungen, viele Kunden, die vorher im Netz gekauft haben, wieder zurückzuholen", sagt Schwier. Denn Beratung gebe es im Internet nicht. "Wir bieten Qualität und ein spezielles Einkaufserlebnis." Die Mitarbeiter Rund 200 Mitarbeiter hat Schwier, 90 Prozent davon sind weiblich. Alle sind fachlich geschult. "Wir müssen wissen, wie Lust-Pillen wirken und bei welchem Spielzeug Verletzungs-Gefahr droht", sagt Ann-Christin Krajczy. Weil jeder andere Ansprüche habe, seien eben auch die Mitarbeiter ganz unterschiedlich - in ihrer Art und auch äußerlich. A und O sei das Vertrauen, sagt Krajczy. "Die Kunden erzählen uns schließlich von ihren Vorlieben." Die Mitarbeiter-Fluktuation im Novum sei niedrig, sagt Schwier. Er setzt auf Stammpersonal, das teilweise schon zwei Jahrzehnte für ihn arbeitet. "Wir wollen keine zufriedenen Kunden, sondern begeisterte", sagt er. "Also will ich auch begeistertes Personal haben." Es gibt sogar ein Novum-Paar: Michael Schnelle (44) fing als Aushilfe an, lernte seine Anne (53) dort kennen. 1996 wurde geheiratet, beide sind noch im Unternehmen. Er ist heute die rechte Hand von Schwier. Die Ware 100.000 verschiedene Artikel gibt's in Schwiers Läden. "Die Inventuren machen immer richtig viel Spaß", sagt Schwier. Absoluter Renner sind Vibratoren, der Verkaufsschlager schlechthin sei derzeit der "Womanizer". Danach kommen Handschellen, Wäsche und Gleitgele. Mittel zur Unterstützung der Potenz werden ebenfalls häufig nachgefragt, sagt Ann-Christin Krajczy: "Die Kunden kommen erst zu uns, bevor sie in die Apotheke gehen." Teuerster Artikel ist eine lebensgroße Puppe mit Skelett für knapp 8.000 Euro. "Die gibt?s aber nur auf Bestellung", sagt Krajczy. Haarfarbe und Busengröße könne sich der Kunde aussuchen. Die skurrilsten Erlebnisse Ein Kunde habe im Geschäft mal Handschellen ausprobieren wollen, die als Deko von der Decke hingen. Bloß war der Schlüssel verschwunden. "Wir haben die Handschellen dann aufgebrochen", sagt Mitarbeiterin Jennifer Bielau (40), Tochter von Schwier. "Das war ihm peinlich." Hin und wieder käme es auch vor, dass Chefs im Laden auf ihre Mitarbeiter treffen. Ann-Christin Krajczy: "Einer von beiden verlässt dann häufig fluchtartig das Geschäft oder versteckt sich." Mitarbeiterin Anne Schnelle erinnert sich auch noch gut an ein Silberhochzeitspaar, das einen Gutschein einlösen wollte. "Nur leider war der gefälscht." Die Polizei kam, der Täter wurde überführt. Vor gar nicht allzu langer Zeit sei auch mal eine ältere Dame etwas ratlos in der Bielefelder Filiale herumgeirrt. "Sie war auf der Suche nach einem Sofa", erzählt Krajczy. Die Frau hatte den Erotik-Markt mit einem Möbelmarkt verwechselt.

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