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Wiederholungstäterin: Zum fünften Mal singt Annette Kordes (v. r.) im Rudel mit den beiden Neulingen Linda Rosenbohm und Lena Hoyer. Daniela Andres (l.) ist zum zweiten Mal dabei. - © Christian Weische
Wiederholungstäterin: Zum fünften Mal singt Annette Kordes (v. r.) im Rudel mit den beiden Neulingen Linda Rosenbohm und Lena Hoyer. Daniela Andres (l.) ist zum zweiten Mal dabei. | © Christian Weische

Bielefeld Rudelsingen rockt im Ringlokschuppen

Gemeinschaftsgefühl: Menschen jeden Alters treffen sich, um zusammen Hits von damals und heute zu singen

Jürgen Mahncke
26.10.2016 | Stand 26.10.2016, 08:01 Uhr

Bielefeld. „Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille mein Verlangen, süßer als der Tag uns lacht die schöne Liebesnacht." Voller Inbrunst kommen Text und Töne aus etwa 500 Kehlen. Wer nicht textsicher ist bei der musikalischen Eröffnung des vierten Aktes der Oper „Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach, liest die Zeilen von der Leinwand ab. Es ist wie auf einer Achterbahn, von Klassik bis zu Schlagern, von Vicky Leandros bis zu den Toten Hosen, alles wird dankbar weggesungen, was vom Erfinder des Rudelsingens, David Rauterberg anmoderiert und von der musikalischen Begleitung am Keyboard, Philip Ritter, intoniert wird. „Es ist Wellness für die Seele, sich alles aus dem Körper raussingen zu dürfen, nicht allein, sondern in einem riesengroßen Chor", schwärmt Annette Kordes. Sie ist zum fünften Mal im Ringlokschuppen und kann nicht genug bekommen. Ihre drei Freundinnen, Daniela Andres, Lena Hoyer und Linda Rosenbohm hat sie mitgenommen. Und die sind nach wenigen Liedern schon vom Virus „Rudelsingen" infiziert. Zum neunten Mal in Bielefeld „Wir singen im Stehen, ein Einsingen brauchen wir nicht", hatte David Rauterberg dem Publikum zu Beginn eingeimpft, und schon der erste Hit von John Miles, „Music was my first love" lässt das Stimmungsbarometer vom ersten Takt an ganz nach oben schnellen. Inzwischen ist das Rudelsingen in der Stadt zu einer festen Institution geworden. Zum neunten Mal gastiert David Rauterberg mit ganz kleinem Aufwand, einem Keyboarder, Leinwand und Beamer, im Ringlokschuppen, aber jedes Mal mit großem Erfolg. Weitere acht Teams touren durch ganz Deutschland, in 90 Städten werden die Menschen zum Singen animiert. Bis zu 10.000 Sängerinnen und Sänger monatlich singen sich inzwischen die Seele aus dem Leib. Im Ringlokschuppen fällt auf, dass die Frauen in der Überzahl sind, die Männer sich mehr zieren. Eher älter als jünger, nie allein, sondern immer in zumindest kleinen Gruppen, so kann die Gruppe der Sangeslustigen am besten definiert werden. Viele singen noch nicht einmal unter der Dusche, aber beim Rudelsingen fallen alle Schranken. „Hier können wir schief singen, wie wir wollen. Es fällt überhaupt nicht auf", erzählt eine ältere Besucherin, „wir brauchen kein Talent, kein Notenblatt, kein langes Üben, keine Mitgliedschaft in einem Chor, wir singen und haben Spaß ohne Ende." Abba und die Beatles sind immer dabei Rock, Pop, Schlager, Beatles und Rolling Stones, Abba und Hans Albers, für jeden ist etwas dabei. „Ach ja, Abba, die dürfen natürlich nie fehlen, bei keinem Auftritt, und auch ein Song von den Beatles muss immer dabei sein", verrät David Rauterberg das Geheimnis seiner Musikmischung. Und dann singen alle im Rudel aus voller Kehle von Supertramp: „It’s raining again...".

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