Disponiert 350 Leiharbeiter: Edyta Dymowski, Geschäftsführerin der Zeitarbeitsfirma Personalnetzwerk OWL. - © Wolfgang Rudolf
Disponiert 350 Leiharbeiter: Edyta Dymowski, Geschäftsführerin der Zeitarbeitsfirma Personalnetzwerk OWL. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld In Bielefeld arbeiten überdurchschnittlich viele Leiharbeiter

Im Metallbereich
geht die Entwicklung
Richtung Equal Pay

Sebastian Kaiser

Bielefeld. Die Wirtschaft brummt. Mit rund 147.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat Bielefeld aktuell eine Rekordmarke erreicht. 3,5 Prozent der Beschäftigten sind Leiharbeiter, sind bei einer der 215 Zeitarbeitsfirmen in der Stadt angestellt und werden von diesen an einen Betrieb ausgeliehen. Die Branche hat gut zu tun, in Bielefeld sogar mehr als im NRW-Durchschnitt. "Viele Jobs im verarbeitenden Gewerbe laufen ausschließlich über Arbeitnehmerüberlassung", sagt Matthias Matysiak, Sprecher der Agentur für Arbeit in Bielefeld. Insgesamt 5.099 Menschen in Bielefeld sind Leiharbeiter, in Vollzeit, Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte. "Dort, wo wie in Bielefeld das verarbeitende Gewerbe, die Industrie, stark ist, gibt es generell einen hohen Anteil an Leiharbeit", sagt Matysiak. Die Bundesagentur für Arbeit wirft einen scharfen Blick auf die Personaldienstleister und regelt deren Zulassung. Prüfteams kontrollieren nicht nur, ob gesetzliche Vorschriften eingehalten werden, es geht auch um ihre Zuverlässigkeit als Arbeitgeber und den Schutz der Arbeitnehmer. Edyta Dymowski, Geschäftsführerin der Personalnetzwerk OWL GmbH, nimmt die Anforderungen ernst. "Wir betreuen unsere Leasingkräfte individuell, ermöglichen Probearbeiten, besuchen sie mehrfach an ihren Einsatzorten, stellen Schutzausrüstungen und Arbeitskleidung." Mit ihrem Unternehmen ist sie seit vier Jahren am Markt und hat jetzt die unbefristete Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung erhalten. "Wir sind mehrfach intensiv geprüft worden. Alle Unterlagen müssen in Ordnung sein, Löhne und Sozialbeiträge pünktlich gezahlt werden. Normalerweise dauert es länger, bis die unbefristete Erlaubnis erteilt wird", sagt sie und verweist auf eine 19-jährige Erfahrung in der Branche. Acht Mitarbeiter hat ihre Firma, die insgesamt 350 Leiharbeiternehmer unter Vertrag hat. Vom Produktionshelfer bis zum Produktmanager, vom 18-Jährigen bis zum 64-Jährigen reicht die Spannbreite. Ausgeliehen werden die Kräfte tageweise oder für mehrere Jahre, Hilfskräfte stellt das "Personalnetzwerk" innerhalb von zwei Stunden bereit. "Wir haben Springer." Die Firma nimmt Kunden das Bewerbungsmanagement ab, prüft Qualifikationen, trifft eine Vorauswahl unter Bewerbern. Kunden sind vor allem mittelständische Unternehmen. Gefragt sind dort Facharbeiter. "Die gehen meist von einem Betrieb zum anderen." "Zeitarbeit ist für die Betriebe ein wichtiges Instrument, um sich flexibel der Konjunktur anzupassen", sagt Christoph von der Heiden, bei der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen Geschäftsführer für den Bereich Industrie. Er sieht auch Vorteile für Beschäftigte. "Mitarbeiter, die bei Auftragsschwankungen gekündigt werden müssten, bleiben so zunächst bei ihrer Zeitarbeitsfirma unter Vertrag." Und es gebe die Chance auf die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. "Wir beobachten häufig Klebeeffekte, also dass Menschen eine dauerhafte Beschäftigung bei einem originären Arbeitgeber finden." Edyta Dymowski nennt eine Übernahmequote von 20 Prozent. "Unser Ziel ist es, dass Leasingkräfte nach drei Einsätzen in Betrieben ein Übernahmeangebot bekommen. Ich kann gut verstehen, dass die Mitarbeiter so schnell wie möglich ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis haben wollen." Die Gewerkschaften stehen der Leiharbeit kritisch gegenüber, bezeichnen sie als Form der prekären Beschäftigung. Dennoch geht die IG Metall einen pragmatischen Weg. Nach einer mehrjährigen Kampagne hat sie Tarifverträge mit den Verbänden der Zeitarbeitsunternehmen ausgehandelt. Die beinhalten etwa Branchenzuschläge, die dafür sorgen, dass Leiharbeiter im Metall- und Elektrobereich nach neun Monaten in einem Betrieb 90 Prozent des Lohns bekommen, den ein Stammmitarbeiter erhält. Oder es gibt Regelungen zur Übernahme nach 24 Monaten. "Immer wieder gibt es jedoch Versuche, solche Regeln auszuhebeln, indem Leiharbeiter kurz vor Ablauf der Fristen zum Entsender zurückgeschickt werden", sagt Ute Herkstroeter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Bielefeld. Leiharbeit müsse die Ausnahme bleiben, dürfe nicht dazu dienen, Stammarbeitsplätze abzubauen. Ab 2017 soll die Situation von Leiharbeitern besser werden. Dann greift eine gesetzliche Regelung, die vorgibt, dass sie nach neun Monaten in einem Betrieb genauso entlohnt werden, wie reguläre Beschäftigte. Mit einzelnen Firmen hat die IG Metall jetzt schon Equal-Pay-Tarifverträge geschlossen. "In der Branche gibt es sehr unterschiedliche Firmen", sagt Herkstroeter. Zeitarbeitsunternehmerin Edyta Dymowski sieht diese Entwicklung durchaus positiv. "Das macht es leichter, gutes Personal zu gewinnen." Leasingkräfte findet sie auf Messen, über Anzeigen und durch die Vermittlung der Arbeitsagentur. "Leiharbeitsfirmen werden bei uns behandelt wie jeder andere Arbeitgeber. Ein Erwerbsloser ist verpflichtet, sich auf das Angebot eines Zeitarbeitsunternehmens genauso zu bewerben wie auf eine Stelle bei einem normalen Arbeitgeber", sagt Matthias Matysiak von der Arbeitsagentur.

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