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Kampferprobt: Vor allem Hannelore Pfaff (r.), grüne Bezirksbürgermeisterin Gadderbaums, hat mehr als 20 Jahre lang um das Bad gerungen. Vera Höxter kam 2006 dazu. Nun ist alles fertig: das Gebäude verkleinert, das Becken auch. Die Rutsche ist neu. - © Barbara Franke
Kampferprobt: Vor allem Hannelore Pfaff (r.), grüne Bezirksbürgermeisterin Gadderbaums, hat mehr als 20 Jahre lang um das Bad gerungen. Vera Höxter kam 2006 dazu. Nun ist alles fertig: das Gebäude verkleinert, das Becken auch. Die Rutsche ist neu. | © Barbara Franke

Bielefeld Nach Bürgerentscheid ist das Freibad Gadderbaum fertig saniert

Im Bad ist wieder Wasser und in gut einer Woche geht es los. Kosten blieben stabil bei 3,4 Millionen Euro. Die Gegner halten Sanierung weiterhin für einen Fehler

Kurt Ehmke
25.06.2016 | Stand 25.06.2016, 15:27 Uhr

Bielefeld. Hellblau schimmert das Wasser in den drei Becken. Es plätschert. Vögel zwitschern. Bagger röhren. Noch ist nicht alles fertig im Freibad Gadderbaum - doch die Sanierung für 3,4 Millionen Euro liegt im Plan. "Am Sonntag, 3. Juli, feiern wir ab 12 Uhr die Einweihung", sagt Hans-Werner Bruns, Chef der Bädergesellschaft BBF. Ein seit 1994 andauernder, kreativer Kampf um das kleine Bad ist in wenigen Tagen erfolgreich beendet. Vera Höxter vom Förderverein: "Es ist toll geworden, alles aus einem Guss." In Bielefeld sorgt das Bad für historische Momente. Am 17. April 2013 beginnt ein Bürgerbegehren für die Sanierung. Zwölf Wochen später haben 13.015 Bielefelder unterschrieben, doch der Rat lehnt es im Juli ab. Folge: ein Bürgerentscheid - der erste in Bielefeld. Diesen koppelt der Rat bewusst an die Bundestagswahl - es soll am Ende nicht eine kleine Gadderbaumer Clique an der Urne stehen. Am 22. September dann die Sensation: Bei breiter Beteiligung - fast 140.000 Bielefelder haben ihr Votum abgegeben - kommt der Bürgerentscheid knapp ins Ziel. 50,06 Prozent votieren für eine Teil-Sanierung für 2,4 Millionen Euro, der Vorsprung liegt bei 169 Stimmen. Das bedeutet, dass 85 Wähler mit einem "Nein" statt einem "Ja" das Ergebnis hätten kippen können. Anschließend gibt es Streit ums Verfahren - aber der Rat entscheidet im Dezember 2013, dass der Bürgerentscheid gültig ist und das Bad saniert wird. Später erhöht er die Sanierungssumme um eine Million Euro: Die BBF soll ein gut saniertes Bad betreiben und nicht den Minimal-Standard, der im Bürgerentscheid definiert war. Das letzte der fünf Freibäder, zu deren Rettung sich 1994 Fördervereine gründeten und die 1997 von der Stadt an die BBF übertragen wurden, ist damit saniert. BBF-Chef Bruns sagt einen Satz, den die Fördervereins-Aktivisten als Kompliment nehmen dürfen: "Wenn mir jemand im September 2013 gesagt hätte, dass wir im Juli 2016 dieses Bad wieder eröffnen, hätte ich ihn einen großen Träumer genannt." Aber, so Bruns: "Ich habe hier gelernt, dass so mancher Traum in Erfüllung geht." Der Geschäftsführer macht keinen Hehl daraus, dass er ein Gegner der Sanierung war, "aus meiner fachlichen Rolle heraus". Er blicke jedoch nicht zurück, sondern nach vorne: "Meine wirtschaftlichen Vorgaben haben sich nicht geändert - aber ich finde, dass Freibäder ein Teil unserer Kultur sind, und weil sie ja den Bürgern dieser Stadt gehören, akzeptiere ich natürlich die Entscheidung für Gadderbaum." Ohne Abstriche kritisch bleibt Oberbürgermeister Pit Clausen, vehementer Gegner der Sanierung. Er kommt nicht zur Eröffnung: "Andere Termine." Und er sagt: "Ich muss das akzeptieren und hoffe, dass nun wenigstens möglichst viele Leute da schwimmen gehen; damit wir einen möglichst guten Kostendeckungsgrad erzielen." Die Stadtgesellschaft habe entschieden, müsse "aber auch abwägen, was wir brauchen und was wir uns leisten wollen". In der Kritik ähnlich ist Vincenzo Copertino, Sprecher der CDU: "Diese Sanierung hätte nicht sein müssen - das Geld hätten wir gut woanders reinstecken können." Aber: "Es scheint jedenfalls gut investiert zu sein, was ich gesehen habe sieht gut aus - und ich finde es auch beachtenswert, was die Menschen im Protest zusammengebracht haben." Copertino: "Davor muss man Hochachtung haben, das darf man nicht negativ sehen." Die Sanierung beschert den Freibad-Besuchern nun ein fast neuwertiges, aber kleineres Bad: Sowohl Wasser- als auch Gebäudefläche sind um ein Drittel reduziert worden. Das Kleinkindbecken wurde zum Hauptbecken verlegt und das Springerbecken vom Hauptbecken abgebunden. Auffällig: Es gibt eine Rampe, die ins Becken führt - und sogar einen Wasserrollstuhl für Menschen mit Behinderung. "Hier ist uns die BBF sehr weit entgegengekommen", sagt Hannelore Pfaff, Vorsitzende des Fördervereins. Im Gegenzug steckte der Verein 16.000 Euro ins neue Kleinkindbecken - zwei Ebenen und eine Sprühanlage entstanden, plus Minirutsche. Bruns geht davon aus, dass das 1974 erbaute und nun erstmals beheizte Bad "jetzt 20 bis 25 Jahre hält - bei guter Pflege". Ein Schmankerl hat er noch für die Besucher: "Es wird das erste Bad, in dem wir freies WLAN anbieten." Kommentar Bürger dürfen an Wunder glauben Zwei Töne Grau sollen in diesen Kommentar einführen: Der eine liegt über zehn Jahre zurück, der andere gut drei. Sie markieren zwei Enden einer wundersamen Freibadgeschichte, die in einer Woche in eine vermutlich extrem bunte Zukunft mündet. Oktober 2005: Horst Haase ist Vorsitzender des Freibadfördervereins. Mit ihm treffe ich mich an einem neblig-grauen Herbsttag im Bad zum Interview. Das Bad soll abgerissen werden. Er gibt sich offiziell noch einmal kämpferisch, sagt aber auch frustriert: „Schauen Sie doch selbst, es gibt keine Chance mehr." September 2013: Der Abend der Bundestagswahl – und des Bürgerentscheids. Pit Clausen bekommt mitgeteilt, dass im ersten ausgezählten Wahlbezirk in Lämershagen das Freibad eine Mehrheit hat. Schlagartig wird ihm klar, dass eine Sensation möglich ist, die er nie für möglich hielt. Wenn in Lämershagen, wo Gadderbaum weit weg ist, die Mehrheit Geld für ein ihr fernes Bad ausgeben will – wohin kann das führen? Clausen ahnt es nun: Das Thema entwickelt sich für ihn zum Tiefpunkt seiner Amtszeit. Er ist so angefressen, dass er nicht einmal jetzt, Jahre später, zur Eröffnung kommt. Fast schon peinlich war, dass er und das Rathaus nicht einmal die Geschäftsleute unterstützten, die auf der Spendenseite zusammenschaffen.de ver-suchten, der Stadt die Sanierungskosten zu ersparen. Das Eine-Million-Euro-Spendenangebot eines Wirtschaftsriesen wartete nur auf grünes Licht aus dem Rathaus, vergeblich. Andere Großspender standen bereit für den Fall, dass die Aktion durchstartete. Doch Rathaus und Stadtwerke schwiegen, sendeten keine Signale. Es war – mit wenigen Ausnahmen – für den Politikbetrieb ein Debakel. Abgestraft wurden die Ratspolitiker, die immer wieder mit Beschlüssen den Eindruck erweckten, sie wollten das Bad sanieren. Immer wieder sollten die Bürger denken, das Bad werde erhalten. Und dann sollte plötzlich der Abriss kommen. Mehrfach war es fast soweit. Doch im Förderverein des Gadderbaumer Freibades hatten sich längst Menschen gefunden, die in einem schrill und schräg anmutenden, aber durchaus wohl kalkulierten Eskalationskampf für das Freibad eintraten. Die Mitgliederzahl verzehnfachten sie – und schafften es mit schrill-bunten, immer aber auch hochpolitischen Aktionen das Bad zu retten. Darauf können die Bielefelder stolz sein. Alle. Denn: Es ist unstrittig, dass es auch sehr gute Argumente für den Abriss gab. Der Schuldenstand hätte es gerechtfertigt. Niemand muss sich darüber freuen, dass Millionen Euro in ein Zuschussgeschäft fließen. Was aber jedem in Bielefeld wertvoll sein sollte, ist diese Erkenntnis: Bürger sind auf kommunaler Ebene in der Lage, politisches Herumtaktieren abzustrafen – und sich über die (noch etwas unfertigen) Instrumente Bürgerbegehren und -entscheid einzubringen. Hier haben die Freibad-Aktivisten ein wertvolles Zeichen gesetzt, auch für Gegner der Sanierung. Sie haben gezeigt, dass Bürger an Wunder glauben dürfen. Kontakt zum Autor

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