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Körbeweise Lebensmittelspenden: Die Bielefelder Foodsaver Carl-Peter Freytag (v.l.), Nikolai Brakowski und Jonas Königs retten Lebensmittel vor der Abfalltonne. Was sie selber nicht verbrauchen können, spenden sie – wie hier an die Heilsarmee. - © Sarah Jonek
Körbeweise Lebensmittelspenden: Die Bielefelder Foodsaver Carl-Peter Freytag (v.l.), Nikolai Brakowski und Jonas Königs retten Lebensmittel vor der Abfalltonne. Was sie selber nicht verbrauchen können, spenden sie – wie hier an die Heilsarmee. | © Sarah Jonek

Bielefeld „Foodsharing Bielefeld“ kämpft gegen Lebensmittelverschwendung

Elf Tonnen landen in Deutschland jährlich auf dem Müll

Ramona Westhoff
14.06.2016 | Stand 16.06.2016, 12:24 Uhr

Bielefeld. Fast eineinhalb Tonnen Lebensmittel hat Jonas Königs in seiner Karriere als Foodsaver, also Lebensmittelretter, vor dem Müll bewahrt. Und das, obwohl der Student erst seit einem halben Jahr in der Bielefelder Foodsharing-Gruppe aktiv ist. Die Zahl klingt riesig, ist aber verschwindend klein verglichen mit den bundesweit elf Millionen Tonnen Lebensmitteln, die laut Verbraucherzentrale jedes Jahr in der Tonne landen. „Es gibt Bäckereien in Supermärkten, die vertraglich dazu verpflichtet sind, bis zum Ladenschluss die Regale voll zu halten", erklärt der 26-Jährige. „Das muss dann natürlich alles weggeschmissen werden." Auch Obst und Gemüse, das nicht mehr „perfekt" aussieht, wird aussortiert. Ähnlich ergeht es Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Diese dürfen zwar tatsächlich nicht mehr verkauft werden, sind aber in der Regel noch genießbar. Das Prinzip von Foodsharing ist einfach. Lokale Gruppen kooperieren mit Supermärkten und Restaurants in ihrer Region. Statt die übriggebliebenen Lebensmittel wegzuwerfen, können sich die Betriebe bei der Gruppe melden, die das Essen dann abholt. Andere Betriebe vereinbaren feste Abholtermine: „Wir kooperieren zum Beispiel mit einem Restaurant, das uns einmal die Woche die Reste vom Wochenendbrunch gibt", sagt Königs. Die Bielefelder Gruppe hat aktuell fünf solcher festen Kooperationen. Zum Teil wird hier sogar täglich abgeholt. Mit einer Hand voll anderer Betriebe arbeitet die Gruppe unregelmäßig zusammen. Für die über 100 Bielefelder Foodsharer würde das gerettete Essen trotzdem nicht reichen. „Das ist auch nicht unser Ziel", betont Königs. Trotzdem sei die Gruppe ständig auf der Suche nach neuen Kooperationen. Auch damit neue Foodsharer am Ball bleiben und nicht nach ihrer ersten Abholung wochenlang auf die nächste Aktion warten müssen. Viele Betriebe, die die Gruppe anspricht, spenden schon an andere Organisationen wie die Tafel. „Wenn man das mehrmals am Tag hört, kann das schon ein bisschen frustrierend sein, aber eigentlich freuen wir uns über das Engagement. Hauptsache, das Essen landet nicht im Müll." Ein Bielefelder Gastronom, der mit der Gruppe kooperiert, sieht trotzdem einen entscheidenden Vorteil: „Den Foodsharern dürfen wir auch abgelaufene oder schon zubereitete Lebensmittel geben, das ist sonst schwierig." Möglich ist das, weil alle Lebensmittelretter einen Haftungsausschluss unterschreiben. Hier versichern sie, dass die Entscheidung, welche der gespendeten Lebensmittel noch essbar sind, alleine bei ihnen liegt – und damit auch alle Verantwortung. Bevor ihn die Gruppe vor einigen Monaten angesprochen habe, sagt der Gastronom, sei auch in seinem Restaurant viel weggeworfen worden. Nach der Online-Anmeldung sind die Mitglieder zuerst Lebensmittelteiler. Das heißt, sie können übriggebliebenes Essen über die Plattform verschenken und sehen, wer wo solche „Essenskörbe" anbietet. In Bielefeld gibt es die Körbe selten. Die Foodsaver verteilen das, was sie nicht selbst verbrauchen können, an die Heilsarmee oder stellen es in den „Fairteiler" am Umweltzentrum, eine Art öffentlichen Küchenschrank für Lebensmittelspenden. Wer Essen bei Supermärkten und Restaurants abholen will – sich also „Foodsaver" nennen möchte – muss zuerst ein kurzes Onlinequiz bestehen. „Damit wollen wir sicherstellen, dass die Leute sich auch mit unseren Verhaltensregeln vertraut gemacht haben", sagt Nikolai Brakowski. Als zweiter Botschafter der Gruppe ist er unter anderem dafür zuständig, Kontakt mit den neuen Mitgliedern aufzunehmen. „Schließlich wollen wir nicht, dass jemand verdorbene Lebensmittel isst oder bei den Abholungen unfreundlich ist." Bei aller Organisation mache das Lebensmittelretten aber auch Spaß. „Es ist jedes Mal wie eine Wundertüte, wenn ich Essen abhole. Neulich hatten wir eine Passionsfrucht dabei, die mussten wir erst einmal googeln", scherzt Königs. Brakowski erzählt, wie ihn einmal eine Pastinake vor ein ähnliches Rätsel stellte. Und auch sonst haben die Bielefelder eine ganze Menge gelernt: „Mein Respekt vor Lebensmitteln ist gewachsen, seit ich dabei bin. Ich schmeiße kaum noch etwas weg."

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