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Hoffnungslosigkeit: Bis zum frühen Morgen campiert die jesidische Mutter mit ihren drei Kindern im Straßengraben vor der Flüchtlingseinrichtung Oldentruper Hof. Vom ASB wurden sie mit wärmenden blauen Decken und Getränken versorgt. - © Christian Mathiesen
Hoffnungslosigkeit: Bis zum frühen Morgen campiert die jesidische Mutter mit ihren drei Kindern im Straßengraben vor der Flüchtlingseinrichtung Oldentruper Hof. Vom ASB wurden sie mit wärmenden blauen Decken und Getränken versorgt. | © Christian Mathiesen

Bielefeld Horrornacht: Gewalt unter Flüchtlingen

Blutiger Streit: Muslimische Tschetschenen verletzen fünf Jesiden. Verängstigte Flüchtlinge weigern sich, in ihre Flüchtlingsunterkunft zurückzukehren

Jürgen Mahncke
23.05.2016 | Stand 23.05.2016, 17:58 Uhr

Bielefeld. Mit leerem Blick sitzt Isa Abid in einem Straßengraben vor der Flüchtlingsunterkunft Oldentruper Hof. Auf dem Schoß hält sie ihre weinende zweijährige Tochter Jaschdl, die notdürftig in eine blaue Decke eingewickelt ist. Eine blutige Massenschlägerei zwischen muslimischen Tschetschenen und Jesiden hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Vor zwei Jahren war die Jesidin aus Shingal im Norden Iraks vor den Islamisten geflüchtet, weil sie um ihr Leben gefürchtet. Seit vier Monaten ist sie in der Bielefelder Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Ihre Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit ist dahin. "Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen. alles ist ungewiss, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt die Jesidin teilnahmslos, "hier wie in meiner Heimat bin ich den gleichen Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt". Ein vermutlich schon lange schwelender Streit zwischen Tschetschenen muslimischen Glaubens und Jesiden war am Samstagabend im Oldentruper Hof, der Zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge, eskaliert. Auslöser war eine Massenschlägerei, die etwa 500 Meter vom Oldentruper Hof entfernt auf der Potsdamer Straße stattfand. Gegen 18 Uhr hatte dort eine Gruppe von etwa 15 Tschetschenen eine ebenso große Zahl von Jesiden vermutlich abgepasst und sie unvermittelt angegriffen. Alle an der Schlägerei Beteiligten leben in der Flüchtlingsunterkunft. Bei der Attacke setzten die Tschetschenen Knüppel und Messer ein und verletzten die Opfer zum Teil erheblich. Vier Jesiden mussten ins Krankenhaus transportiert werden. Sie erlitten unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Gesichtsschädelfraktur, eine Handfraktur und Schnittverletzungen unterhalb der Achsel. Währenden der Suche nach den Tätern wurde die Lage vor dem Oldentruper Hof immer brisanter. Durch den Angriff auf ihre Landsleute aufgebracht, verließen alle Jesiden die Flüchtlingsunterkunft und versammelten sich auf der Straße. Immer mehr Polizeikräfte wurden vor Ort zusammengezogen, Verstärkung aus Detmold, Herford und Gütersloh angefordert. Sogar die Autobahnpolizei wurde aktiviert. Über das Internet mobilisiert trafen aus dem Umland, teilweise sogar aus Oldenburg, etwa einhundert weitere jesidische Kurden ein. Sie wollten die Flüchtlingsunterkunft stürmen, um Rache für die Opfer der Massenschlägerei zu nehmen. Mit Hilfe von Dolmetschern und gutem Zureden gelang es den Polizeikräften, die angereisten Jesiden hinter eine Straßensperre zurückzudrängen. Gegen 23 Uhr traf das Technische Hilfswerk ein, um das Gelände um die Einrichtung auszuleuchten. Im Straßengraben, am Straßenrand, an Zäune gelehnt waren jetzt an die Hundert verängstigte, aufgebrachte und ratlose Menschen jesidischen Glaubens zu erkennen, darunter auch Isa Abid. Mütter versuchten, ihre weinenden Kinder zu beruhigen, ein unbeschreiblicher Anblick. Keiner der Jesiden wollte zurück in die Unterkunft. Zu groß war die Angst vor weiteren Angriffen. Gegen 3 Uhr am Sonntagmorgen beruhigte sich die Lage. Der Arbeiter Samariter Bund stellte Busse zur Verfügung, die alle draußen campierenden Jesiden in eine Flüchtlingseinrichtung nach Herford brachten. Die tschetschenischen Familien wurden in Bad Driburg und in Detmold untergebracht. Nach Polizeiangaben wurden ein 24- und 42-jähriger Tschetschene festgenommen. Der Grund für die Massenschlägerei steht noch nicht fest. Vermutlich waren es religiöse Streitigkeiten. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei und des Staatsschutzes dauern noch an.

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