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Nikkie ist eine der erfolgreichsten Schmink-Expertinnen im Netz. - © Screenshot: NW
Nikkie ist eine der erfolgreichsten Schmink-Expertinnen im Netz. | © Screenshot: NW

Bielefeld Millionen Frauen schauen Schmink-Videos auf YouTube - eine Soziologin erklärt, warum

Susanne Richter hat sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt

Ansgar Mönter
31.03.2016 | Stand 01.04.2016, 07:05 Uhr

Bielefeld. Ein Phänomen im Internet sind sogenannte Makeup-Tutorials, Videos, in denen Frauen anderen Frauen Schminktipps geben. Millionenfach werden diese Videos angeschaut. Soziologin Susanne Richter hat sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Das Interview. Frau Richter, was kann eine Soziologin wie Sie mit YouTube-Videos zum Thema Schminken wissenschaftlich anfangen? Susanne Richter: In diesen Videos steckt ganz viel Potenzial für die Geschlechterforschung. Zunächst wirken sie wie ein Ausdruck der klassischen Geschlechterrollen, anderseits geben sich die Frauen, die sie produzieren und ins Netz stellen, selbst eine Stimme. Die Frauen setzen sich auch dem öffentlichen Druck aus, der dadurch entsteht. Außerdem sind die Videos neue Medien und eine eigene Art der Erzählung. Geht es vor allem um das Selbstbild von Mädchen und Frauen? Richter: Da die Videos in Eigenregie entstehen, sind sie für mich authentische Dokumente. Sie sagen tatsächlich viel aus über Geschlechtervorstellungen und über die Vorstellungen von Weiblichkeit, die ja ganz eng mit dem Thema Schminken verbunden sind. Das analysiere ich. Zwei Beispiele für Schmink-Videos: Die Videos haben mehrere Millionen Klicks auf YouTube. Haben Sie eine Erklärung für deren Erfolg? Richter: Zum einen ist der Erfolg Teil des Phänomens Internet, auch andere Videos sind erfolgreich. Zugleich sind die Themen Lifestyle und Beauty sehr nah am Alltag vieler junger Frauen und Mädchen. Sie haben Relevanz. Zeitschriften bieten das zwar auch, aber anders, distanzierter. Die YouTube-Videos sind hoch attraktiv, weil sie Interaktion ermöglichen, sie stellen eine Nähe zwischen Zuschauer und der Videokünstlerin her. Es ist analytisch schon fast nicht zu trennen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Fast jede kann mitmachen, eigene Videos produzieren, Tipps geben. Die Videokünstlerinnen gehen stark auf ihr Publikum ein. Das schafft Augenhöhe und Authentizität. Sehen Sie die Schminkvideos vor allem kritisch? Richter: Das war anfangs mein erster Impuls. Aber ich habe gemerkt, dass es ein vielschichtiges Phänomen ist, also durchaus zwei Seiten hat. Viele sehen die Videos kritisch, weil dort starke repressive Normen transportiert werden und die Botschaft zu vermitteln scheinen, man müsse total schön sein, perfekt aussehen und es sei wichtig, sie darum viel zu kümmern. Auch die Konsumorientierung ist ein Grund, sie kritisch zu sehen. Anderseits ist es wichtig zu erkennen, dass ganz viel Kreativität in den Videos steckt. Über das Beauty-Thema hinaus wird über andere Themen wie Rassismus- und Sexismuserfahrungen gesprochen. Und die Auseinandersetzung der Videokünstlerinnen mit dem Thema Schönheit ist ja auch das, was sie in ihrem Alltag erleben, womit sie sich auseinander setzen wollen und müssen. Reflektieren die Frauen als ihr eigenes Thema? Richter: Ja. Sie beschäftigen sich mit der Frage, was es heißt, schön sein zu müssen. Außerdem bekommen sie diese Abwertung von einem Teil der Zuschauer mit, weil sie sich mit Schminken beschäftigen. Dagegen müssen sie sich positionieren und selbstbewusst darlegen, dass es ein legitimes Hobby ist, sich mit Fachwissen zum Schminken zu äußern; dass es nichts ist, wofür sie sich schämen müssten. Warum wird Schminken und Schönheit in manchen Kreisen abwertend betrachtet? Richter: In diesem Themenkomplex sind viele Problematiken. Es geht um die gesellschaftliche Anforderung, schön sein zu müssen, vor allem für Frauen. Darüber hinaus sollen wir alle fit und attraktiv sein. Weiblichkeit und Schönheit sind besonders stark aneinander gekoppelt. Daraus erwachsen Normen. Die Relevanz des Themas sieht man auch daran, dass es viel gesellschaftliche Diskussion darüber gibt, zum Beispiel über unrealistische Bilder von Frauenkörpern in den Medien oder wie viele sehr junge Mädchen mit ihrem Körper unzufrieden sind. Es wird riesiger Druck aufgebaut. Ist es ein natürliches Bedürfnis vor allem von Mädchen, sie mit Schönheit zu beschäftigen? Richter: Ich bin als Soziologin immer vorsichtig, wenn es heißt, etwa sei natürlich. Wir untersuchen das Gesellschaftliche und Soziale. Ich sehe viele Faktoren in der Sozialisation, die Mädchen dazu bringen, schön sein zu wollen, wunderschöne Prinzessinnen in Filmen und Geschichten zum Beispiel. Jedenfalls lässt es sich gesellschaftlich gut erklären, warum es für Mädchen wichtig ist, schön zu sein. Dazu gibt es auch interessante wissenschaftliche Arbeiten. Sich schön machen ist ja auch nichts per se schlechtes, es kann Spaß machen, helfen sich gut zu fühlen und sich um sich selbst zu kümmern. Ein wichtiger Aspekt beim Schminken ist es, dass es mit Erwachsenwerden zu tun hat. Eine Frau werden heißt auch, wie eine auszusehen und sich die Techniken des Schminkens anzueignen. Wir kennen aber auch Epochen in unserer Geschichte, in der Schönheitshandeln auch für Männer ganz normal war. Deshalb würde ich Schönheit nicht als natürliches Bedürfnis von Mädchen bezeichnen. Einst gab es noch keine Schönheitsindustrie, die dieses Phänomen verstärkt. Andererseits entsteht eine solche Industrie dort, wo sich Bedürfnisse zeigen. Es ist ja kein Zufall, dass vor allem für Frauen all diese Produkte auf den Markt gebracht werden, oder? Richter: Da stimmt. Natürlich haben wir eine lange Geschichte von Schönheit und Weiblichkeit. Ich sehe auch, dass es ein sehr großes Bedürfnis von jungen Mädchen ist. Einerseits ist das okay, anderseits ist die Gefahr, es übererfüllen zu müssen und das unerfüllbare Erwartungen entstehen. Aus Rückmeldungen habe ich erfahren, dass die einen sich schlecht fühlen, wenn sie sich gar nicht schminken, die anderen, weil sie es zu sehr mögen. Ob Massai, Maori oder andere Völker: Zu allen Zeiten und auf allen Erdteilen betonen vor allem Frauen Schönheit, Männer Stärke. Richter: Ich denke schon, dass das in vielen Kulturen geschlechterspezifisch ist. Ich wäre aber vorsichtig zu sagen, das sei etwas universelles. Wir hatten schließlich in unserer eigenen europäischen Geschichte auch Phasen, wo Schönheit und Männlichkeit ganz viel miteinander zu tun hatten. Zur Zeit von König Ludwig XV. etwa trugen Männer hochhakige Schuhe und Haarschleifen, zumindest dem Adel war das wichtig. Welches Schönheitsideal schlägt sich in den Videos nieder? Richter: Das ist komplex. In den Videos finden sich viele Frauen, die dem gängigen Schönheitsideal stark entsprechen. Sie sind aber auch ein Ort für Frauen, deren Körper in anderen Medien nicht so häufig repräsentiert werden: Frauen mit Behinderungen, Frauen, die nicht weiß sind, dicke und ältere Frauen. Besonders erfolgreich sind schon die, die sehr ebenmäßig und schön sind, gleichzeitig wird das perfekte Ideal unterlaufen, auch weil sie am Anfang ungeschminkt sind. Es wird viel über Schönheitsideale und einen realistischen Blick darauf gesprochen. Ist das pädagogisch gemeint? Schließlich sind die Zuschauerinnen teilweise unter zehn Jahre alt. Richter: Vielleicht wird das gemacht mit Blick auf die jungen Mädchen. Auch als Schutz vor Kritik, sie zu Konsumentinnen der Kosmetikindustrie zu machen. Aber auch für die Videokünstlerinnen selbst ist es wichtig, sich über ihr Verhältnis zum Thema Schönheit, über die Arbeit und den Druck die dahinter stecken können, auszutauschen. Wie unabhängig sind die Produzentinnen von Produktherstellern? Richter: Das Feld hat ganz viel mit Profit und Vermarktung zu tun. Zu Beispiel kann man als YouTube-Partnerin am Umsatz der Plattform beteiligt werden. Man kann mitunter sogar davon leben, wenn man erfolgreich ist. Kooperationen mit Industriefirmen werden stark diskutiert in den Kommentaren, etwa die Frage, wie transparent sie gemacht werden müssen. Wie viel Emanzipation steckt in den Schminkvideos? Richter: Da sehe ich einige Punkte. Die Videokünstlerinnen eignen sich viele Techniken und Fähigkeiten an wie Kamerabedienung und Filmschnitt, sie stellen ihr Produkt selbstständig ins Netz, geben sich eine Stimme und stellen sich Kritik. Sie stehen in der Öffentlichkeit. Und sie machen Geschäfte. Richter: Genau. Manche bauen darauf eine Karriere als Moderatorin, weil sie frei sprechen vor Publikum gelernt haben. Die Videos sind jedenfalls von hoher Bedeutung für die feministische Theorie, obwohl feministische Ambitionen für viele der Künstlerinnen vielleicht gar nicht im Vordergrund stehen.

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