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Die Reste landen im Container: Noch in Aluminiumschalen verpackte Menüs sowie Fladenbrote, fotografiert an der Flüchtlingsunterkunft Rütli. - © Ililmann
Die Reste landen im Container: Noch in Aluminiumschalen verpackte Menüs sowie Fladenbrote, fotografiert an der Flüchtlingsunterkunft Rütli. | © Ililmann

Bielefeld Flüchtlingsunterkünfte: Essen im Müll erregt die Gemüter

Betreiber dürfen nicht verspeiste Nahrung nicht spenden oder an die Mitarbeiter weitergeben

Ansgar Mönter
12.03.2016 | Stand 11.03.2016, 23:14 Uhr

Bielefeld. Ungeöffnete Menüs in Alu-Schalen liegen im Container, daneben Fladenbrote, noch in Kunststofftüten verpackt. Jeden Tag landet eine Menge der Verpflegung für die Flüchtlingsunterkünfte im Müll. Das ärgert mehrere Menschen, die davon berichten - und die entsorgten Lebensmittelhaufen fotografiert haben. Sie fragen sich: Warum wird es nicht gespendet an Bielefelder Tafel oder Tisch? Die Antwort darauf geben die Betreiber der Unterkünfte: Sie dürfen nicht. Mehrere Leser der NW haben sich gemeldet und berichten von Lebensmittelentsorgungen im größeren Stil bei den Unterkünften. Für sie ist das kaum ertragbar, schließlich gebe es genug Menschen, die hungern würden. "Derzeit klagen doch die Tafeln, dass sie weniger Spenden bekommen", sagt einer von ihnen. Ralf Großegödinghaus vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) ist sich des Problems bewusst. "Es ist traurig, aber wir können und dürfen das Essen nicht weitergeben", sagt er. Die Lebensmittelbestimmungen würden es verbieten, dass Tiefkühlkost, sofern einmal die Kühlkette unterbrochen worden ist, weitergegeben wird zum Verzehr. Die Menüs müssen eine bestimmte Minustemperatur halten. Ingo Schlotterbeck vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), ebenfalls Betreiber von Flüchtlingsunterkünften, bestätigt die Aussage von Großegödinghaus. Auch der ASB muss Tiefkühlmenüs und andere Lebensmittel entsorgen, wenn sie nicht zu den Mahlzeiten verzehrt wurden. "Wir dürfen sie nur innerhalb von zwei Stunden verwerten", erklärt er. Wegen dieser Regeln werden die Menüs nicht gespendet, weder an den Tisch, noch an die Tafel, die beide Bedürftige versorgen. "So bitter das ist, es geht nicht anders", sagt Großegödinghaus. Sollte nämlich jemandem das Essen nicht bekommen, stehen die in Haftung, die es weitergegeben haben. In der Regel wird die Anzahl der Menüs auf die Bewohner der Unterkunft abgestimmt. Man versuche alles, um die Entsorgung so gering wie möglich zu halten, versichern DRK und ASB. Allerdings sind ohne Wissen der Organisatoren nicht immer alle Flüchtlinge vor Ort, haben Termine oder sind anders beschäftigt, manche haben keinen Hunger, andere mögen das Essen des Tages vielleicht nicht. So könne es passieren, bestätigen Großegödinghaus und Schlotterbeck, dass mitunter mehrere Portionen weggeworfen werden müssen. Das Gleiche gilt für das Brot - meist Fladen -, das zum Essen gereicht wird. Steht es einmal auf dem Tisch oder ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, müsse es beseitigt werden, auch wenn es noch verzehrbar wirke. Beim DRK verwerteten bisher einige Mitarbeiter das, was am Tisch übrig blieb. Das hat die DRK-Leitung nun jedoch untersagt. Laut Großegödinghaus hat das mehrere Gründe. Zum einen gelte die Haftung bei Nichtverträglichkeit auch bei den eigenen Mitarbeitern, zum anderen gebe es formale und rechtliche Hürden. Denn wenn Mitarbeiter das mit öffentlichem Geld bezahlte Essen zu sich nehmen, muss es anders, und zwar gesondert abgerechnet werden. Zum anderen würde das einen im Amtsdeutsch so genannten geldwerten Vorteil bedeuten, der das Finanzamt auf den Plan ruft. Noch etwas kommt hinzu: "Wir haben auch schon Beschwerden erhalten, als unsere Mitarbeiter das Essen noch gegessen haben. Da hieß es, wir würden den Flüchtlingen die Mahlzeiten wegessen", sagt Großegödinghaus. So oder so: Man würde immer kritisiert werden.

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