Umständlich: Rollstuhlfahrer gelangen über einen Kellerflur in die Hörsäle der Bielefelder Universität. Die Türöffner funktionieren nicht. "Es ist alles etwas verranzt", sagt die betroffene Studentin. - © Vivien Tharun
Umständlich: Rollstuhlfahrer gelangen über einen Kellerflur in die Hörsäle der Bielefelder Universität. Die Türöffner funktionieren nicht. "Es ist alles etwas verranzt", sagt die betroffene Studentin. | © Vivien Tharun

Bielefeld Das Leben einer Studentin mit Behinderung an der Uni Bielefeld

Reportage: Marie-Louise Pfaue hat Muskelschwund und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Die Neue Westfälische begleitete die Studentin durch die Universität

Bielefeld. "Ich stehe dazu, wie es ist", sagt Marie-Louise Pfaue, wenn sie auf ihren Alltag angesprochen wird. Dabei ist das mit dem Stehen bei ihr so eine Sache, denn sie sitzt im Rollstuhl. "Ich mag diese Wortwitze", sagt sie. Die Wohnung der jungen Studentin ist hell und geräumig. Eine Art Kran steht neben einem Bett. Mit diesem Gerät hilft ihr der Betreuer beim Aufstehen. Ihre Erkrankung heißt "Spinale Muskelatrophie Typ II". Dabei sterben nach und nach die Nervenverbindungen zu den Muskeln ab. Das passiert schubweise. "Als Kind konnte ich mit Hilfe stehen. Laufen ging nie." Laufen - gehen. Da ist wieder dieser Wortwitz. Die 23-Jährige lacht. Im vergangenen Oktober begann sie ihren Masterstudiengang der Medienwissenschaften. Sie studiert an der Bielefelder Hochschule. "Meinen Bachelortitel habe ich in Marburg gemacht. Dort wohnte ich in einem Studentenwohnheim mit interner Betreuung." In Bielefeld lebt sie nun in einer normalen Mietwohnung. Aber nicht alleine. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ist immer einer von insgesamt 16 Betreuer bei ihr. Sei es beim Aufstehen, beim Anziehen, beim Verabreichen von Asthmaspray oder beim Frühstück. "Ich habe zu wenig Kraft in den Armen. Darum brauche ich jemanden, der mir die Frühstücksschnitte klein schneidet. Abbeißen ist schwer." Betreut wird sie durch den Verein "Rückenwind". Die Kosten trägt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster. Nach dem Frühstück fährt sie zur Universität mit der Straßenbahn. Direkt vor ihrer Haustür ist eine behindertengerechte Haltestelle. Mit dem elektrischen Rollstuhl ginge es recht einfach in die Bahn einzusteigen, sagt sie. Nur zwei Stationen sind es bis zur Universität. Auch dort kann sie am erhöhten Bahnsteig zügig aussteigen. "Die Städte Marburg und Bielefeld kann man nicht vergleichen", sagt sie. "Bielefeld bietet Rollstuhlfahrern mehr Möglichkeiten." Marburg sei mit seinen Bergen und Kopfsteinpflastern schwerer zu durchqueren. An der Bielefelder Universität sieht es allerdings anders aus: "In Marburg gab es keine Stufen. Hier sind in allen Hörsälen Treppen". Mit dem schweren elektrischen Rollstuhl sind diese nicht zu überwinden. Der Betreuer kann sie nicht auf einen Sitz in den oberen Reihen setzen: "Wenn man mich auf einen Stuhl setzt, falle ich um", sagt Pfaue. Darum muss sie einen langen Weg entlang, durch viele Gänge der Universität, um zur Vorlesung zu gelangen. Stockwerke sind dabei ebenfalls zu überwinden. "Die Fahrstühle halten immer nur in bestimmten Etagen." Um an diesem Tag zum Hörsaal zu kommen, nimmt sie erst in einem Teil des Gebäudes den Fahrstuhl nach oben. Dann muss sie einen Gang durchqueren, um den nächsten Lift zu benutzen. Mit diesem geht es dann wieder in den Keller, über den der Hörsaal zu erreichen ist. "Drei Wochen hat es gedauert, bis ich wusste, wo ich welchen Fahrstuhl nehmen muss", sagt sie. Die Beschilderung sei schlecht und Mitarbeiter der Universität kennen nur die Wege über Treppen. Im Keller ist der elektrische Türöffner für die Saaltür defekt. "Theoretisch sind die Türen behindertengerecht. Die Öffner funktionieren aber nie". Der Hörsaal hat keine Fenster. Marie-Louise Pfaue sitzt vor der ersten Reihe. Fast auf Höhe des Kursleiters. Durch den Rollstuhl geht das nicht anders. "Aus dieser Position, kommt man nicht mit anderen Studenten ins Gespräch. Dafür merkt der Dozent schneller, wenn man nicht aufpasst." Im Kino könne sie ebenfalls nur vor der ersten Reihe sitzen, sagt sie. Zwei Studenten betreten kurz vor der Vorlesung den Hörsaal. Ein junger Mann sagt zu einer Kommilitonin: "Wollen wir vorne sitzen?" Sie erwidert: "Vorne? Ich seh? doch nicht wie ein Model aus." Viele Studenten suchen sich einen Platz in den hinteren Reihen. "Es ist normal, das Bedürfnis zu haben, hinten zu sitzen", sagt Pfaue. "Dort fühlt man sich vielleicht sicherer." Die junge Rollstuhlfahrerin steht sichtbar für alle vorne. Nur wenige Studenten kommen auf sie zu. "Am Anfang gibt es immer Berührungsängste. Aber manche fragen auch nach." Zum Beispiel danach, woher sie kommt. Pfaue stammt aus Schneeberg im Erzgebirge. Sie ist das älteste von vier Kindern. "Ich habe drei Brüder." Mit 17 fasste sie den Beschluss, etwas auf Kinder bezogenes zu studieren. "Erst wollte ich mich auf Kinderpsychologie spezialisieren. Aber für das Studium braucht man Mathe - und die mag ich nicht so." Mit einem Mastertitel in Medienwissenschaften möchte sie Kinderfernsehen machen. "Für den Kinderkanal zu arbeiten, wäre oberkrass", sagt sie. Ein Praktikum beim ZDF hat sie schon gemacht. "Das Kinderfernsehen ist schlecht. Ich möchte bessere Drehbücher schreiben." Wenn es keine Filmskripte werden, dann Kinderbücher - mit viel Wortwitz.

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